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Erinnerungen an einen Abschied

Meine „Abschiedsrede“ auf dem Landesparteitag der LINKEN im thüringischen Friedrichroda vergangenen Freitag

Liebe Genossinnen, liebe Genossen,

vor acht Jahren bin ich zu euch nach Thüringen gekommen – als ziemlich Fremde. „Ziemlich“ nicht „ganz“ Fremde, denn da gab es vorher schon vielfältige Begegnungen und Erfahrungen.

1981, als Lucas Maria Böhmer und ich den Film „Der 8. März – Oder wie die DDR ihre berufstätigen Frauen ehrt“ drehten – in Erfurt, Weimar, Buttelstedt – ein unvergesslicher Einblick in den Alltag der DDR, der uns bis heute noch mit den Frauen und ihren Familien verbindet.

2002 dann die Begegnung mit Gabi Zimmer und Olaf Weichler in Frankfurt am Main während meines Wahlkampfes als unabhängige Spitzenkandidatin Hessens für die PDS.

Mit Gabi Zimmer

Damals habe ich Thüringen durch Gabi Zimmer kennengelernt, die mich zu bestimmten Stationen ihres Wahlkampfes mitnahm. Point Alpha und Hildburghausen zum Beispiel. Dabei habe ich dann Bodo Ramelow getroffen und Steffen Harzer – und gelernt, was es bedeutet, wenn eine linke Partei kein Außenseiter-Projekt ist, sondern eine Partei von und für viele Menschen.
Wir waren überzeugt, dass die Zukunft der PDS ein Zusammengehen von Ost und West, West und Ost bedingen würde – und ich wollte versuchen, alles mir Mögliche dafür einzubringen. Umso bitterer war dann die Erfahrung der verlorenen Wahl.

2004 habe ich in mehreren Städten Thüringens mein Buch „Dieses Jahr in Jerusalem“ gelesen – eine Biografie über Theodor Herzl – und literarisch Interessierte – weit über die Anhängerschaft der PDS hinaus – kennengelernt, die fast alle Herzl kaum kannten, nur die negativ besetzte Figur „Zionist“, aber geradezu begierig waren, Neues, Anderes zu erfahren und zu diskutieren. Das war eine weitere prägende Erfahrung.

Dann kam das plötzliche Wahljahr 2005 und zu meiner Überraschung die Anfrage, doch mal nach Erfurt zu kommen. Gespräche mit Dieter Hausold und Knut Korschewsky. Ich weiß noch wie heute, dass ich zu Dieter Hausold gesagt habe: „Ich bin zwar alt, aber keine „lame duck“ – keine lahme Ente. „Das hoffen wir“ war seine knappe Antwort.

Und so bin ich eben 2005 als „ziemlich“, aber nicht „ganz“ Fremde zu euch gekommen nach Thüringen.
In diesen acht Jahren ist viel passiert. Ich habe dieses reiche Kulturland entdeckt – und fast in jeder größeren oder kleinen Stadt öffneten sich Schatztruhen der Geschichte mit kulturellen Gütern für die Gegenwart.

Ich habe mich in diese kulturpolitische Arbeit hier im Land und im Bund mit Feuer eingebracht von Anfang an – weil Thüringen sich auch auf ganz besondere Weise dafür geradezu anbot. Soviel Kultur – überall! Soviel Interesse an ihr ebenfalls! Ich denke nur an den Kampf der Bürgerinnen und Bürger um das Theater in Weimar. Offensichtliche und auch verdeckte Entdeckungen ließen sich da machen. Es galt nur, sie ins Licht der Öffentlichkeit und damit der Politik zu heben.

So entstand die Reihe „Kultur neu denken“ immer an authentischen Orten, die Vergangenheit mit der Gegenwart verbindend und Personen außerhalb unseres Spektrums auf uns PDS-Linke aufmerksam machend. Kultur neu denken – im ewigen Spannungsfeld von Macht und Freiheit – das war die Aufgabe. Und so haben wir als erstes die „Kunst“ im Panorama-Museum Bad Frankenhausen diskutiert, die „Religionen“ in Erfurt, die „Demokratie“ in Weimar, den „Frieden“ in Gotha und die „Reformation“ in Mühlhausen.
Kultur neu denken – in Thüringen war von Anfang an ein gemeinsames Projekt mit Birgit Klaubert und der Landtagsfraktion – und wäre ohne diese enge Zusammenarbeit nie zustande gekommen. Dafür mein ausdrücklicher Dank, der auch Dieter Hausold und Knut Korschewsky gilt – Wir haben offen und vertrauensvoll zusammengewirkt – ich fand stets Unterstützung – 2012 hat sich das leider geändert.

Knut Korschewsky, Vorsitzender DIE LINKE Thüringen

Kultur neu denken“ wurde in dieser Legislatur-Periode auch in Berlin veranstaltet:
2009 „Eines langen Tages Reise…“ zur Erinnerung an die große Kundgebung vom 4. November 1989,
2010 „Ein Fest für Allende“,
2011 „Festung Europa“,
2012 „“Eine Konferenz zu Gesetz und Gesellschaft“
und eine Szenische Lesung in Erinnerung an Stefan Heym.

Ich habe euch eine Bilanz auch der Aktivitäten in Weimar mitgebracht:
das „Café Gedanken frei“, zusammen mit Frank Spieth gegründet, dann mit Gabi Zimmer und Dirk Möller fortgesetzt: 60 Matinées mit Schriftstellern, Künstlern, Filmemachern, Zeitzeugen, Museumsleuten, auch dem Priester der Orthodoxen Kirche – Weimar.

Außerdem habe ich euch einen Überblick über meine Reden im Bundestag – und die parlamentarische Arbeit in Form von Anträgen und Anfragen mitgebracht. Das ist also meine Bilanz.

Wenn nun, nach acht Jahren, viele Thüringerinnen und Thüringer diese Arbeit gutheißen, ja sie nicht mehr missen möchten, dann betrachte ich – die ehemals ziemlich Fremde – das als ein besonderes Geschenk.

Und deshalb: JA – ich hätte gern weitergemacht, weil soviel angestoßen wurde und sich vieles erst jetzt verwirklichen ließe. Ich hätte die Arbeit gern fortgesetzt nicht trotz – sondern gerade wegen meines Alters .

Auf diese Idee hat mich übrigens eine Besuchergruppe aus Erfurt im vorigen Jahr gebracht. „Wir sind alt“, sagten die Genossinnen und Genossen, „aber die ganze Gesellschaft altert. Wir sind viele und wir werden immer mehr. Und wer hört auf unsere Erfahrungen, unsere Sorgen – wer nutzt das, was wir durch unser langes Leben einbringen können – an Vorschlägen, an Kritik, an Korrekturen.“ Diese Sätze werde ich nie vergessen. Ihre Wahrheit ist so ganz und gar offenkundig.

Und da dies eine Abschiedsrede ist, sollte auch diese Wahrheit ausgesprochen werden – dass ich die Zusammenarbeit von uns fünf Thüringer Bundestagsabgeordneten in der Fraktion als kollegial, intensiv und sehr erfolgreich erlebt habe. Wir waren ein gutes Team innerhalb der Fraktion – zusammen mit unseren hessischen Mitstreitern – so gesehen hätte es sich wirklich gelohnt, wie Ralph Lenkert zum Jahresbeginn geschrieben hat, die Fünfer-Kollegenschaft mit ihren ganz unterschiedlichen Fähigkeiten, ihrem unterschiedlichen Fachwissen, weitermachen zu lassen.

Dank der vier Thüringer

Der Landesvorstand hat anders entschieden. Und nach der Besetzung des Spitzenplatzes hätte ich gegen Kersten Steinke für Platz 3 antreten müssen. Das aber wollte ich auf keinen Fall. Man kann nicht 8 Jahre kollegial miteinander arbeiten – und dann der anderen den Platz streitig machen.

Also ein Abschied mit Wehmut, ganz besonders in Bezug auf die Arbeit vor Ort in Weimar. Weimar ist ein zweites Zuhause, ein zweiter Kosmos im Vergleich zu Berlin geworden. Wir waren auf gutem Weg, Leute auf uns als Linke neugierig zu machen.

ABER: wichtig ist, dass die Kulturarbeit, die Arbeit für die Kultur fortgesetzt wird – von Thüringen ausgehend für die Aufgaben im Bund und in der Partei. Langsam setzt sich bei vielen die Erkenntnis durch, dass die politische Arbeit für die Kultur kein Elfenbeinturm-Unternehmen ist – sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe quer über alle politischen Fachgebiete: das Soziale, die Gerechtigkeit, das Weiterkommen der nächsten Generation – unsere Identität – das alles ist auch eine kulturelle Frage.

Wer sind wir? Wer wollen wir sein? Wofür wollen wir uns einsetzen?

Gutes Leben – geht nicht ohne Kultur. Aufarbeitung der Vergangenheit, Denken in die Zukunft, globale Kommunikation… alles hat mit Kultur zu tun, die immer im Dreischritt gedacht werden sollte: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft! Eine Partei, die keine kulturelle Identität schafft, wird sich auf Dauer in der Gesellschaft nicht halten.

Unterschätzt das nicht! Ohne ein grundsätzliches Wertesystem geht es nicht, da helfen keine Prozent-Rechenspiele und numerischen Kalküls. Die Leute wollen wissen, warum sie uns wählen sollen – und nicht, ob wir Peer Steinbrück wählen wollen. Wir sind eine Partei, die die Lebensverhältnisse der Menschen verbessern will. Das ist „das Einfache, das so schwer zu leisten ist“.

Und da sollten wir stets an den Satz der amerikanischen Arbeiterinnen von Massachusetts denken. Die haben vor 90 Jahren gesagt: „Wir wollen Brot und Rosen“. „Brot und Rosen“. Das heute herrschende Motto im Alltag, in der Politik, in den Medien heißt: Brot und Spiele. Wir aber wollen Brot und Rosen!

Sewan Latchinian, der Intendant des Theaters in Senftenberg, hat einmal gesagt: „Ich wünsche mir, dass die Kinder der Zukunft alle und von früh an mit Kultur aufwachsen – und sie dann eines Tages sagen werden: das hat die Linke für uns durchgesetzt. Das „k“ in L – i – n – k – s steht für Kultur!“
Welch‘ eine Vision! Vielleicht können wir sie verwirklichen!

Ich danke euch für acht Jahre großartige Erfahrungen und Vertrauen.
Ich bin nicht mehr „fremd“ in Thüringen.

 

 
Bilanz der parlamentarischen Initiativen

Bilanz der außerparlamentarischen Aktivitäten