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Aufruf für einen Ort der Erinnerung an die Opfer der NS-Lebensraumpolitik in Osteuropa

Am 24. April ist nach langer Zeit das Deutsch-Russische Museum in Berlin-Karlshorst mit einer neuen großen Dauerausstellung wiedereröffnet worden. Bei der Gelegenheit sieht man wieder mal das ganze Ausmaß des Krieges und seine Folgen für einen großen Bereich der früheren Sowjetunion. Wenn man durch das Museum geht, dann wird einem besonders klar, wie wichtig der folgende Appell ist, den auch ich unterschrieben habe:

Seit zwanzig Jahren wird für eine immer breitere Öffentlichkeit in der Bundesrepublik deutlich, dass außer den Millionen jüdischer Opfer, die im Zentrum der nationalsozialistischen Mordpolitik standen, weitere Millionen Menschen in Osteuropa Opfer der NS-Vernichtungspolitik wurden. Diese Einwohner Polens und der Sowjetunion wurden entsprechend der nationalsozialistischen Ideologie als „rassisch minderwertige“ Slawen zu einer rechtlosen Masse erklärt, die millionenfach getötet oder nach Osten vertrieben werden sollte. Rassismus und Lebensraumideologie bestimmten Kriegführung und Besatzungsherrschaft.

Schon 1939 wurden Angehörige der polnischen Bildungsschicht in Konzentrationslager verbracht oder erschossen. Die Kriegsplanung sah 1941 für die Sowjetunion ausdrücklich vor, dass „mehrere zehn Millionen“ verhungern sollten. Zuerst realisiert wurde diese Planung an den sowjetischen Kriegsgefangenen – im ersten Kriegsjahr starben zwei von drei Millionen Gefangenen. Zehntausende von ihnen wurden ausgesondert und nach den Richtlinien des „Kommissarbefehls“ direkt hinter der Front erschossen oder in den Konzentrationslagern ermordet. Mehr als drei Millionen Gefangene überlebten nicht den Krieg.

800 000 Leningrader verhungerten durch die deutsche Blockade, die Planung hatte den Tod aller drei Millionen Einwohner der Stadt vorgesehen. In Polen und der Sowjetunion wurden hunderte Dörfer samt ihren Einwohnern bei Anzeichen auch nur geringen Widerstandes vernichtet. In systematisch leergeraubten „Kahlfraßzonen“ wurden in der Sowjetunion Hunderttausende dem Hungertod überantwortet. Beim Warschauer Aufstand 1944 wurden wahllos mehr als hunderttausend unbewaffnete Einwohner erschossen, 600 000 Menschen wurden deportiert.

All dies wurde in der Konfrontation des Kalten Krieges verschwiegen oder als Nebenwirkungen eines harten und grausamen Krieges relativiert. Unterdrückt blieb das Wissen, dass ein Massenmord an Millionen Menschen mit Vorbedacht geplant und ausgeführt wurde. Diese Opfer wurden in der Bundesrepublik Deutschland aus dem Gedächtnis an die Verbrechen des Nationalsozialismus weitgehend ausgeschlossen.

Erinnern wir an sie! Schaffen wir dort, wo Denkmäler an andere Opfer des Nationalsozialismus erinnern, im Berliner Tiergarten, einen Erinnerungsort für diese Millionen. Das uns bis heute fremd gebliebene Denkmal für die im Kampf gegen die NS-Herrschaft gefallenen Rotarmisten aus dem Jahre 1945 soll sinnvoll ergänzt werden. Errichten wir gegenüber, auf der anderen Seite der Straße des 17. Juni, einen Ort zur Erinnerung und zum Gedenken an diese vielen Millionen Opfer des Nationalsozialismus.