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Noch ein Nachtrag zur Bundespräsidentenwahl

Diesmal von der Regisseurin und Autorin Helke Sander:

Kommentar zur BP-Wahl am 30. Juni 2010
von Helke Sander, parteilos

Mittwoch, den 30.6. 2010
(20.30 während der Stimmauszählung zum dritten Wahlgang).

Die Presse auf allen Kanälen einigt sich gerade auf eine gemeinsame Interpretation des Ereignisses:
Dem Fernsehvolk wird eingehämmert, dass die LINKE die Historische Chance verpasst habe, sich klar gegen ihre Vergangenheit zu positionieren, indem sie Gauck die Stimmen verweigert.

Kaum eine Rede mehr davon, dass sowohl die Koalition es nicht für nötig hielt, sich auf einen oder eine gemeinsame Kandidat/in mit den anderen Parteien zu einigen, noch SPD und Grüne, sich mit der Linken abzustimmen. (Besonders enttäuschend die Grünen: Sie kennen das Mobbing noch aus ihren eigenen Anfangszeiten und haben es nun selber sehr gut gelernt). Vermutlich, weil alle das Ergebnis Wulff für vorhersehbar hielten und darum nicht weiter dachten. Nun braucht man einen Schuldigen, den die öffentlich-rechtlichen Interpretatoren in der demokratischen Unreife der Linken sehen.

Sie gehen dabei von mehreren falschen Prämissen aus:
Sie unterscheiden grundsätzlich zwischen Gauck und Wulff und vernachlässigen nahezu völlig, dass sie – lässt man den Altersunterschied außer acht, politisch ziemlich ähnliche Positionen vertreten. Zur Wahl stehen zwei Männer, die den Kriegseinsatz in Afghanistan verteidigen und eine in der Bundesversammlung – nicht der Bevölkerung – chancenlose Frau, die das nicht tut und zudem auf einen Freiheitsbegriff verweist, der der Aufklärung und der sozialen Sicherheit verpflichtet ist.

Das wird jedoch vernebelt, indem Wulff von seinen Gegnern zum harmlosen netten Schwiegersohn ohne Lebenserfahrung degradiert wird. (Immerhin hat er als Ministerpräsident einen Vietnamesen und eine Türkin berufen), der dem charismatischen, reifen, lebensklugen, mutigen und unter schwierigen Bedingungen die Freiheit verteidigenden Gauck gegenüber gestellt wird.

Wenn man allerdings unvoreingenommen und keiner Parteilinie verpflichtet auf Herrn Gauck schaut, dann weiß ich von ihm nach all den Fernsehäußerungen kaum mehr als vorher: dass er die nach ihm benannte Behörde nach der Wende geleitet hat, deren Existenzberechtigung meines Wissens auch von der Linken nicht bestritten wird und das DDR- System nicht leiden konnte, und ich habe Filmausschnitte gesehen, wie er im Kreis von ein paar Klampfe spielenden und christliche Lieder singenden Jugendlichen in einer Neubauwohnung als Pfarrer auf dem Sofa sitzt. Ein Beweis für Charisma oder Mut, was beides er ja haben mag, ist das nicht.

Ungefähr gleich alt, könnte da Luc Jochimsen eher punkten in Sachen Widerstand. Ich erinnere mich an ihre Bücher zur Freigabe des § 218 in der alten BRD der siebziger Jahre, an viele Fernsehsendungen, in denen sie die damalige Frauenbewegung in ihren politischen Konflikten und Zielen in den öffentlichen Medien darstellte, was auch damals schon ein beträchtliches Durchhaltevermögen und Konfliktpotential verlangte. Und ganz persönlich halte ich sie sowieso von den dreien für die Klügste.

Was leider in der ganzen Debatte zur Entscheidung Wulff – Gauck bisher überhaupt keine Rolle spielte, ist ihr Auftreten als Männer.

Obwohl ich selber älter bin als Gauck, ist er für mein Gefühl der Typ „alter, hierarchischer, patriarchaler Mann“, Vorlage für ein paar der Probleme, an denen sich die Frauenbewegung seit Ende der sechziger Jahre abarbeitet.

Auf dem Gebiet Geschlechterdemokratie hätte ich mehr Vertrauen zu Wulff, an dem ich gerade seine Freundlichkeit schätze. Wann hat es schon mal einen Mann in der Politik gegeben, der nicht als notorischer Wichtigtuer auftritt und der dennoch seine Sache vertritt, auch wenn sie einem nicht passt? Er ist jung, hat junge Kinder und man kann sich vorstellen, dass er zuhört, nachdenkt und möglicherweise in der Lage ist, die heutigen Konflikte um Kinder, wechselnde Liebespartnerschaften, verlangte Mobilität im Beruf mit gewünschter Stablität und Lokalität für die Kinder zu benennen.

Ende 21.14: chinesischer Parteitag. Stehender Applaus für Gauck.

PS: Wer hat im ersten Wahlgang für Luc Jochimsen gestimmt? Koch?
Die vermutlich für Herrn Gauck gekauften Blumen werden von Renate Künast Herrn Wulff gereicht.

© Helke Sander