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Reise mit dem Außenminister nach China

30. März bis 2. April 2011

Erster Bericht von unterwegs, 31. März:

Das Chinesische Nationalmuseum in Peking

Seit gestern Abend befinde ich mich für drei Tage in China. Gemeinsam mit dem Außenminister, Guido Westerwelle, absolvieren wir ein umfangreiches Programm. In der Delegation reisen auch der Sächsische Ministerpräsident Tillich und einige KollegInnen aus dem Ausschuss für Kultur und Medien mit. Neben Gesprächen mit dem stellvertretenden Ministerpräsidenten der Volksrepublik China Li Keqiang, treffen wir auch den Minister für Kultur, Herrn Cai Wu. Aber wir reden nicht nur mit Regierungsvertretern, sondern haben auch die Gelegenheit, mit chinesischen Künstlerinnen und Künstlern ins Gespräch zu kommen.

Ganz besonders freue ich mich auf den Besuch des größten Museums der Welt, des Chinesischen Nationalmuseums in Peking. Hier werde ich an der Eröffnung der Ausstellung „Kunst der Aufklärung“ teilnehmen können, in der viele Werke aus Berlin, Dresden und München zum Teil erstmals in China präsentiert werden.

Zweiter Bericht von unterwegs, 1. April:

Der erste Tag in China liegt hinter mir. Gleich nach der Ankunft gab es ein gemeinsames Essen mit dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Li Kequiang. Außerdem konnten wir einige erste Eindrücke von der riesigen Stadt Peking sammeln. Heute steht ein Gespräch mit dem ersten Mann in China, dem Ministerpräsidenten Wen Jiabao, auf unserem Programm.

Und dann kommt für mich der eigentliche Höhepunkt der Reise: Die Eröffnung der Ausstellung „Die Kunst der Aufklärung“ im Chinesischen Nationalmuseum in Peking.

Diese Ausstellung ist ein Großprojekt der deutschen Kulturarbeit im Ausland. Sie ist ein Höhepunkt der kulturellen Beziehung zu China. Dies zeigen auch die Kosten in Höhe von ca. 10 Mio. Euro. Sie ist ein Gemeinschaftsprojekt der Staatlichen Museen zu Berlin, der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München mit dem Chinesischen Nationalmuseum. Zu sehen sind unter anderem Werke von Caspar David Friedrich, Goya, Piranesi, Watteau und Gainsborough, darüber hinaus Kunsthandwerk, Mode der Epoche und wissenschaftliche Instrumente.

Aber nicht nur die Ausstellung ist beeindruckend, sondern auch das Museum in dem sie gezeigt wird.

Dazu aus einer dpa-Meldung vom 24.03.2011

Das neue chinesische Nationalmuseum in Peking ist mit knapp 200 000 Quadratmetern das größte Museumsgebäude der Welt. Der monumentale Bau liegt im Herzen der chinesischen Hauptstadt auf der Ostseite des Tian‘anmen-Platzes gegenüber der Großen Halle des Volkes. Nach dem vierjährigen Umbau und der Erweiterung durch das deutsche Architektenbüro Gerkan, Marg und Partner wurde das Nationalmuseum am 1. März neu eröffnet. Die Kosten der Renovierung werden offiziell auf 2,5 Milliarden Yuan, heute umgerechnet 270 Millionen Euro, beziffert.

Das Museum besitzt eine Sammlung von rund einer Million Kulturgegenständen. Jeden Tag werden maximal 3000 Besucher eingelassen, darunter 2000 in Gruppen und 1000 Einzelpersonen. Es gibt zwei ständige Ausstellungen: Eine über das antike China, die andere über «Chinas Weg der nationalen Wiederauferstehung» über die neuere Geschichte seit dem Opiumkrieg 1840. Das Museum besitzt ein Theater für 800 Besucher und einen Konferenzsaal mit 300 Sitzen.

Zusammenfassung China-Tagebuch
Unterwegs mit dem Außenminister – für drei Tage in Peking

Erster Tag, 31. März 2011

Gegen 15.00 Uhr nachmittags kommen wir an. Vorfrühling in Peking. Kirschblütenbäume am Rand der Stadtautobahnen, fast 24 Grad warm. Die Stadt ist schon wieder ins Immense gewachsen seit der letzten Visite 2006. Wir fahren durch 1000 Potsdamer Plätze, die Hochhäuser allerdings manchmal doppelt so hoch wie in Berlin.

Erste Station um 16.00 Uhr:

Das Haus des Nationalen Volkskongresses, Seitengebäude am Tiananmen Platz.

Gespräch mit dem stellvertretenden Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses des Nationalen Volkskongresses MA Wenpu.

Wir: das sind Siegmund Ehrmann, SPD , Obmann im Kulturausschuss und Harald Leibrecht, FDP, Stellvertretender Vorsitzender des Unterausschusses für Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik und ich. Dazu Begleitung durch unsere Botschaft in Peking – weiblich übrigens.

Das übliche Zeremoniell: Marmorsaal mit Säulen und riesigen Landschaftsbildern, 2 Sessel vorn in der Mitte, dazwischen ein Blumentisch und Mikrophone, dahinter die Plätze für die Dolmetscher. Die Begrüßung überaus freundlich und die politische Brisanz kommt gleich mit den ersten Sätzen: endlich sei Deutschland, mit dem man ja schon in der Vergangenheit sehr gute Beziehungen gehabt habe, nun „ganz an der Seite Chinas“. Die Enthaltung im Sicherheitsrat in Sachen Libyen schaffe eine neue Qualität der Zusammenarbeit. Der Kollege Leibrecht versucht in seiner Antwort die Situation als doch „auch unterschiedlich“ zu beschreiben. Darüber wird aber lächelnd hinweggesehen. Kultur als „Brücke unserer Beziehung“ wird in diesem Gespräch ein hoher Stellenwert eingeräumt. Die deutsche Ausstellung „Kunst der Aufklärung“ sei ein Meilenstein deutsch-chinesischen Gedankenaustausches.

2 Stunden später fahren wir zum „Stadion der Arbeiter“, das heute nicht mehr Fußballspiele wie früher beherbergt, sondern Pop Konzerte und in dessen Arkaden nun Kunstgalerien, Boutiquen, Design-Läden eingezogen sind. An seiner Südseite gibt es einen kleinen See und an dessen Ufer steht ein Holzgebäude, Residenz eines reichen südchinesischen Händlers, das Balken für Balken abgetragen worden ist und nun hier als Luxus-Restaurant dient. Treppenhäuser und Emporen mit reichverzierten Schnitzereien, jadegrüne Vorhänge, die die Räume als Sepaveés nutzen lassen. Ein hinreißend schöner Traditionsort. Hier treffen wir auf Einladung des Leiters der Kulturabteilung unserer Botschaft eine Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern. Ihr Metier ist ganz unterschiedlich: Malerei, Fotografie, Film, Literatur – aber ihre Biografien haben eine wichtige Gemeinsamkeit: sie sind Remigranten. Alle in den 60er Jahren geboren, alle in den 70ern, 80er Jahren an den angesehensten Instituten des Landes ausgebildet, alle dann in der Zeit von 1986-1989 nach Berlin gezogen, durch westliche Länder gereist und alle aber dann um 1996 bis 2000 wieder nach China zurückgekehrt…

Einige pendeln zwischen Europa, USA und China, stellen international aus, betonen aber, dass sie Chinesen sind, die China als ihre heutige Heimat ansehen oder wieder ansehen – nicht unkritisch aber loyal.

Die Beziehungen gerade zu Berlin sind so vielfältig, dass die Idee entsteht, in Berlin eine große Ausstellung zu planen: Berlin-Peking-Berlin. So wie es Berlin-Moskau-Berlin gab. West-Ost-Kunst der heutigen Zeit und einen ganz neuen Blick ermöglichend auf den Austausch von Bildern, Ideen, Geschichten.

Das war ein Abend, der ganz neue Erfahrungen schuf. Wer wollte, konnte anschließend noch die Jazz-Szene kennenlernen, im East Shore Live Jazzclub. Ich war allerdings dazu nicht mehr in der Lage.

Zweiter Tag, 1. April 2011

Am morgendlichen Tiananmen Platz vorbei mit seinen abertausenden Besuchern aus dem ganzen Riesenland. Alte, Junge, die gehätschelten Kleinkinder, Arme, besonders  sorgfältig Gekleidete und die Pop-Jugend mit roten Haaren, gebleichten Gesichtern, erweiterten Augenlidern… in Gruppen mit roten Baseballkappen, als Paare  händchenhaltend, im Familienverband oder als Kollegenkreis – der ganze Platz voll, voll, voll.

Es gibt Eingangsschleusen, die Gitterstangen zum Anstellen vorm MAO-Mausoleum und mit Wolken-Transparenten abgezäunte Grünflächen, auf denen „neues Gras“ wachsen wird in Wolkenmustern – Eröffnung am 1. Mai zur großen Parade!

Wir fahren zum Hauptgebäude  des ZK der KPCH, der Kommunistischen Partei Chinas. Adresse: 4 Fuxing Road.

Unser Gesprächspartner ist Li Jinjun, Vizeminister der Internationalen Abteilung. Er hat in Heidelberg in den 80er Jahren studiert, spricht fließend deutsch, das heißt, versteht jedes Wort, das wir sagen, lässt trotzdem übersetzen und wählt auch für sich die chinesische Sprache  – „Schon mit Rücksicht auf meine Leute“. Als der Kollege Leibrecht uns vorstellt als Vertreter der „Regierung, wie der Opposition“ geht Minister Li sofort zur Offensive über. Er hält uns ein Privatissimum in Sachen Geschichte der KP CHINAS – heute:  eine Partei, in der aber alle denkbaren Strömungen ihren Platz haben und zusammen die Politik des Landes bestimmen. Eine Reformpartei, transparent – offen für alle Veränderungen und Modernisierung.

An dieser Stelle hake ich ein und erkläre, dass ich als Vertreterin der LINKEN in Deutschland, die in ihrem einen Teil Nachfolgerin einer sozialistischen Staatspartei ist, in schmerzlichen Auseinandersetzungen die Abkehr von der Machtstellung einer Partei und der Einheit von Staat und Partei vollzogen haben – und überzeugt sind von der Demokratie und der Freiheit des Einzelnen. Allerdings auch mitbedenkend, dass Freiheit abstrakt gedacht nur ein schönes Wort ist, wenn in der gesellschaftlichen Wirklichkeit mit ihr nicht die soziale Gerechtigkeit einhergeht.

Minister Li antwortet, er kenne diese Position – ich müsste aber eins wissen: „Vor 30 Jahren habe die KP Chinas die Unterordnung der Menschen unter die Partei verlangt, heute diene die Partei dem einzelnen Menschen – das sei der Kern der Reformpolitik, des Wachstums und der Stellung Chinas in der Welt.“ Dann lacht der Minister – und die Lektion über die Partei geht weiter.

Kurz darauf öffnen sich die Türen des großen Empfangssaals und herein drängen Dutzende Fotoreporter, Journalisten,  mehrere Kamerateams und junge und ältere Neugierige. Minister Li hält eine Ansprache – es wird gefilmt und geblitzt und notiert, er stellt uns vor und  es wird Beifall geklatscht – Lob, Lob, Lob der internationalen Abteilung des Zentralkomitees. Wir sind vollkommen überrascht, unsere Begleitung aus der Botschaft ist auch vollkommen überrascht…

Es ist eben eine Überraschungsaktion der modernen, transparenten, geöffneten KP Chinas. Am nächsten Tag berichtet die englisch-sprachige Zeitung CHINA DAILY ausführlich auf Seite 2 über das Ereignis und dabei kommt heraus, dass das Ganze Teil eines Besuchsprogramms für 40 „Netizens“ war, „Netz-Bürger“ also. Sie hatten einen Wettbewerb der offiziellen Netz-Informationsseiten Xinhuanet.com, people.com, CN und CHINA.Com.CN gewonnen. Preis: Reise nach Peking und Besuch der internationalen Abteilung des ZK. Offenbar eine Transparenz-Offensive des ZK, um mit einem Teil der Millionen Internet-Nutzer Chinas ganz legal und offiziell ins Gespräch zu kommen.

Diese Aktion wäre die Erste ihrer Art gewesen, heißt es in der Zeitung, in Zukunft würde das ZK die Treffen verstärken.

Am Nachmittag fahren wir in den auch heute noch normalerweise verschlossenen Teil der verbotenen Stadt zum Regierungssitz, zur Purpurglanzpagode. Es empfängt der Ministerpräsident Wen Jiabao, Außenminister Westerwelle samt Botschafter und Abgeordneten.

Auch der Ministerpräsident lobt die Enthaltung im Sicherheitsrat, die Ausstellung, die nun gleich eröffnet werden soll und freut sich auf ein gemeinsames feierliches Begehen von 40 Jahren diplomatischer Beziehung: 1972-2012 – im nächsten Jahr.

Irgendwann fällt der Vergleich: Die Deutschen seien doch irgendwie die Chinesen Europas. Hin und wieder wird gelacht bei diesem Gespräch. Der Außenminister bezieht  bei aller Freundlichkeit Position zu Freiheit, Menschenrechten und Toleranz. An diesen Stellen des Gesprächs wird nicht gelacht.

Von der Purpurglanzpagode geht es zum Nationalmuseum: 17 Uhr Festakt anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Kunst der Aufklärung“.

Die Eingangshalle des Museums ist so groß wie der Berliner Hauptbahnhof.

Vor einem gigantischen Relief, das zeigen soll, dass Chinesen – einem Mythos zufolge – Berge versetzen können, ist ein Podium mit roten Sesseln aufgebaut. Die Staatsrätin LIU Yandong, zuständig für Kultur, der Außenminister, der Museumsdirektor des Nationalmuseums und die drei Museumsdirektoren Berlins, Dresdens und Münchens nehmen Platz. Auf satinbezogenen Stühlen gegenüber sitzt eine Hundertschaft deutscher und  chinesischer Gäste. Ansprachen, Durchschneiden eines roten Bandes, Gang durch die Ausstellung, anschließend Cocktailempfang und Konzert der Sächsischen Staatskapelle… ein Fest für alle Sinne.

An die hundert deutsche Artikel sind über die Ausstellung geschrieben worden, die meisten mäkelnd und negativ. Manchmal frage ich mich, ob ich auf der gleichen Veranstaltung war, die die Journalisten beschreiben. Alles wird überschattet von Westerwelles innenpolitischen Schwierigkeiten. Kritik an ihm wird zur Kritik an der Veranstaltung und an der Ausstellung auch.

Am nächsten Tag hat der Außenminister zu Beginn des Begleitprogramms „Aufklärung im Dialog“ eine herausragende Rede zur Geschichte, den Intentionen und der heutigen Bedeutung des Ausstellungsthemas gehalten.

Ich bin dann zu Fuß vom Museum zum Hotel in die Wangfujing East Street gegangen. Zunächst an der riesigen Konfuzius Statue vorbei, die vorm Nordflügel des Museums steht – seit Beginn des Jahres. Eine Masse von Mensch mit vorgebeugtem Kopf und fast lächelndem Antlitz. Sieht so aus, als würde er von Ferne mit dem Mao-Bild über dem Eingangsportal zur Verbotenen Stadt „korrespondieren“.

Nun beherrschen Bild und Plastik das Herz der Hauptstadt, der Religionsgründer und Lehrer der „Altzeit“, der Staatsgründer und Lehrer der „Neuzeit“. Und die Bewunderer davor und dazwischen…

Vorbei am Grand Hotel Beijing und „Raffles Beijing“ – in die Haupt-Einkaufsstraße – ein Luxus-Boulevard mit allen „Guccis“ dieser Welt. Dazwischen auch noch ein traditionelles Seidenwarengeschäft – und um die Ecke eine Marktstandreihe mit Garküchen, die abends für die flanierenden Städter kochen.

Es gibt nichts, was es nicht gibt und das Publikum ist wieder Alt und Jung, Arm und Reich, schüchtern und hochmütig, gelassen und hektisch – alles geht hier – so sieht es wenigstens aus.

Dritter Tag, 2. April 2011

Um 09.00 Uhr morgens wieder im Theater des Nationalmuseums, wo gestern  die Dresdner Staatskapelle spielte. Heute beginnt das Rahmenprogramm zur Ausstellung genannt „Aufklärung im Dialog“. Überfüllt sind Parkett und Ränge. Der Minister für Kultur, Cai Wu, hält eine Rede mit Kant-Zitaten und viel Lob der Vernunft. Dann folgt die Rede des Außenministers, auf die ich gestern bereits Bezug genommen habe. Das chinesische Publikum ist jung und verfolgt jeden Satz mit hoher Aufmerksamkeit. Es spendet viel Beifall.

Danach findet ein Treffen– wie es so schön heißt mit  „Vertretern der Zivilgesellschaft“ in der Residenz des deutschen Botschafters statt. Die Vertreter der Zivilgesellschaft sind: ein junger Rechtsanwalt, der „sensible Fälle“ verteidigt, eine tibetische Autorin, ein Film-Regisseur, der über zunehmende Zensur klagt, ein Journalist, der über die Welt der Millionen „Netizens“ berichtet, ihre Beschwerden, ihre Angst, ihre Sorgen, das Unrecht, das ihnen überall widerfährt…

Die andere Seite Chinas wird deutlich. Die Seite, die sich dann auch wieder zeigt, wenn wir abgefahren sind – am Beispiel der Verhaftung des Künstlers Ai Weiwei auf dem Flughafen am Sonntag – ohne Angabe von Gründen – und sein Verschwinden.

Auch der junge Anwalt sprach vom „Verschwinden“.  Anwälte sind plötzlich verschwunden, Künstler ebenso, Freunde, Fremde… „Und der Schrecken nimmt zu“, nicht ab. Wir wissen nicht, was heute vielleicht auch mit uns passiert.“

Diese Gespräche gehen mir nicht mehr aus dem Sinn.

Nicht im Nationalmuseum, in dem wir am Nachmittag die Gelegenheit bekommen, die chinesische Dauerausstellung zu sehen – die 5000 Jahre alten Bronzegefäße mit den ersten Schriftzeichen, die Budha-Skulpturen, die erst noch ganz indisch aussehen – und dann immer chinesischer werden, die kostbaren Porzellane in jadegrün, kobaltblau, tiefrot…

Das „Verschwinden“ peinigt meinen Verstand in all´ diesen großartigen Sälen voller noch nie vorher so gesehener chinesischer Kunst…

Und in der Haupt-Bilder-Galerie erst! Da hängen lauter Mao-Bilder und erzählen die üblichen Kult-Geschichten. MAO auf dem langen Marsch, MAO als Lehrer, MAO bei den Bauern, MAO bei der Überquerung des Gelben Flusses im Sturm, MAO mit Stalin, MAO, MAO, MAO…

Und dann zwei Groß-Gemälde von der Ausrufung der Volksrepublik China am 1. Oktober 1949. Der Vorsitzende und alle Mitglieder der Regierung auf der Dachterrasse überm Kaiserlichen Tor mit Blick auf den noch fast unbebauten Tianmen Platz. MAO im Moment der Proklamation, die von vier Mikrophonen über den Platz verbreitet wird. Ein berühmtes Bild. Warum hängt es hier in doppelter Ausfertigung? Zwei Großgemälde, die auf den ersten Blick ganz und gar identisch aussehen.  Das hat mit dem „Verschwinden“ zu tun. Auf einem Bild gehört nämlich auch Tschou En-lai zur Regierungsgruppe hinter MAO. Auf dem anderen Bild ist er „verschwunden“, ausradiert, übermalt, wegretuschiert.

Immerhin: soviel Geschichtskritik wird bewusst ausgestellt in dieser Bildergalerie im neu eröffneten Nationalmuseum.

Das „Verschwinden“ aber in der Wirklichkeit, draußen geht es weiter. Das lässt mich nicht los. In den Straßen nicht, in den modernen Hotelfoyers nicht und auch am späten Abend nicht, als wir kurz vor dem Abflug um Mitternacht noch eingeladen werden in den LAN Club, ein Restaurant mit Disco und Kunstausstellungen, das auch in New York oder London sein könnte – oder vielleicht auch nicht,  weil soviel Trash und schrille Hektik dort vielleicht gar nicht angesagt ist – hier aber schon. Ort der Reichen und Schönen. Ein Glas Wasser kostet soviel wie ein Mittagessen in den Straßen-Restaurants. Es ist mehr als gut besucht. Die Gäste gehen an Vitrinen mit Devotionalien-Kerzen – Aufschrift: JESU – vorbei oder an Glaskästen mit ausgestopften Vögeln und Perlenketten, oder wieder an einer Galerie mit MAO Keramiken aus den 60igern und 70igern Jahren … An den Wänden Spiegel und an den Decken zerschnittene europäische Bilder des Biedermeier – kreuz und quer. Also „Kunst der Aufklärung“ auch hier, aber zerstückelt wie in einem überdimensionalen Kaleidoskop.

„Verschwinden“ Menschen auch hier.

Um 01.15 Uhr morgens fliegt der AIRBUS „Bundesrepublik Deutschland“ vom militärischen Teil des Pekinger Flughafens ab. An Bord machen die schlechten Zeitungsberichte über die Ausstellung die Runde und die „Westerwelle-Schach-Matt“ Geschichten. Nun hat uns die deutsche Innenpolitik wieder fest im Griff. Als wir neun Stunden später in Berlin ankommen, wird Ai Weiwei auf dem Pekinger Flughafen abgeführt – und ist seitdem verschwunden.