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Reise mit dem Unterausschuss Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik nach Ägypten und in den Libanon

6. bis 10. Mai 2013 – Reise in den Nahen Osten

Tagebuch: 3 Tage in Kairo, 6. bis 8. Mai

Kairo feiert „Ostern“ als wir ankommen. Ganz und gar fröhliche Ferienstimmung beherrscht die Stadt. Der Nil ist voller knallbunter Ausflugsschiffe. Lauter Gesang, Gelächter schallt ins traditionelle Hotel El Gezirah, das gleichzeitig ein moderner Sofitel Luxusturm ist.

In Kairo: Mit Claudia Roth und Delegationsleiter Harald Leibrecht

Erste Station: Zwei Villen mit Park am Nil-Ufer, 1907 gegründet, gebaut, eingerichtet, bewohnt von Ludwig Borchardt, dem bedeutendsten Bauforscher der deutschen Ägyptologie, der 1912 die Büste der Nofretete in Amarna fand.

Welch eine Geschichte ist hier gleich zu Beginn zu erzählen? Die Geschichte eines geradezu glühenden Deutschen, 1863 in Berlin geboren, der sein ganzes Lebenswerk Deutschland schenken wollte, aber nun Jude war, verheiratet mit einer Jüdin. Ab 1930 ging die Hetze gegen ihn los. 1931 waren er und seine Frau so hellsichtig und brachten das Institut  mit seinen Schätzen samt Wohnhaus und Park in Schaffhausen in eine privat-rechtliche Stiftung nach Schweizer Recht ein – und sicherten so den unangetasteten Erhalt dieses Juwels, das heute „Das Schweizerische Institut für Ägyptische Bauforschung und Altertumskunde“ heißt.
Ein Ort für einen Film.

Zweite Station: Die Residenz des deutschen Botschafters Michael Bock, ein Bungalow mit großem Park, Lichtschlangen an den Bäumen illuminieren die Abendstimmung. Es gibt einen Buffet-Empfang für fast 50 Gäste. Vorher aber kommt Anwar Essmat El Sadat, ein Neffe des ehemaligen Präsidenten Sadat, zum Gespräch.
Er ist Unternehmer, gründete 2009 die regimekritische Partei für „Reform und Entwicklung“, wurde als Direktkandidat bei den Wahlen 2011/2012 mit dem höchsten Stimmenanteil gewählt und war bis zur Auflösung des Parlaments Vorsitzender des Menschenrechtsausschusses. Nun macht er Wahlkampf, setzt auf die Chance einer Veränderung durch die Wahlen, die – irgendwann in diesem Jahr, Genaues sagt die Regierung nicht – stattfinden sollen. „Freiheit“ heißt sein Schlagwort. Die Muslimbrüder schätzt er als „sehr pragmatisch“ ein. Alles hängt von den nächsten Wochen ab, ob die Oppositionsparteien sich einigen können: Erstens überhaupt zu wählen und die Wahl nicht zu boykottieren, und zweitens miteinander Politik zu machen. Wichtig zu wissen: aus den letzten Wahlen gingen die Muslimbrüder mit über 50 % der Stimmen hervor, die radikal-islamistischen Salafisten mit rund 25 % der Stimmen, noch nicht einmal die restlichen 25 % der Stimmen gingen an neu gegründete säkulare Parteien.

Was sollen die Neuwahlen ändern? Auf diese Frage antwortet unser nächster Gesprächspartner, Professor Hamzawy, Mitbegründer der „Freedom Egypt Party“: „Wir müssen mit den Salafisten einen Dialog finden.“ „Freiheitspartei“ und Salafisten? Feuer und Wasser? Weil die Salafisten zur Zeit auch Opposition sind. Welche Aussichten: Trotzdem hofft auch Hamzawy auf Neuwahlen. „Wo sind die starken Frauen der Revolution geblieben?“ fragt Claudia Roth. „Sie waren Wählerinnen“, sagt der Professor, „die Mehrheit der Wähler waren Wählerinnen und das wird auch wieder so sein.“ Ergebnis – siehe oben.

Dritte Station: Im Shura Rat, dem Ersatz-Parlament bis es Neuwahlen gibt, empfangen uns der Ratsvorsitzende und der Vize-Präsident der Muslimbrüderpartei für „Freiheit und Gerechtigkeit“. Sie gehören zu den mächtigsten Spielern der jetzigen Politik – und machen das auch sehr selbstbewusst deutlich. Da geht es klar zur Sache: „Wir Muslimbrüder wollen eine neue Politik unseres Landes – nach außen, wie nach innen. Jahrzehntelang waren wir ein Trabant der USA – das ist vorbei. Unsere Außenpolitik richtet sich an den Nachbarländern aus, Afrika, auch Europa. Und unsere Innenpolitik an unseren, nicht westlichen Werten.“ Das ist der Überbegriff – und dem wird alles untergeordnet. Claudia Roth fragt nach der Einführung einer Frauen-Quote. Da schmunzeln die mächtigen Muslimbrüder und der Vorsitzende des Shura Rates sagt: „Wir wollen unsere Frauen davor schützen, faule Abgeordnete zu werden – deswegen darf es keinen Automatismus wie eine Quote geben, aber Partnerschaft auf Augenhöhe.“
Ich frage nach der Zahl weiblicher Abgeordneter im Shura Rat. „14“. „Wie viel entspricht dies?“ „Fünf Prozent“. Soviel zur Partnerschaft auf Augenhöhe. Auf meine Frage, ob es eine besondere Politik gegen die Arbeitslosigkeit, insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit gibt, antworten sie: „Wir brauchen Investoren aus dem Ausland und werden versuchen, unsere gut-qualifizierten Leute ohne Arbeit in die Nachbarländer zu vermitteln.“ Keine anderen Pläne, keine Vision.

Ein Bericht in der ägyptischen Zeitung Daily News über unser Treffen mit dem Vorsitzenden des Shura Rates, Ahmed Fahmi – einen Tag, nachdem das Kabinett vorgestellt wurde.

Vierte Station: Die Evangelische Kirche Boulaq. Dort kommen wir mit Vertretern aller christlichen Gemeinden zusammen, den Kopten, Katholiken, Protestanten. Die Kirche ist hundert Jahre alt, gerade schön renoviert und besitzt eine imposante Walcker-Orgel, auf der ein genialer Junge, der vor zwei Jahren mit seinem Vater nach Kairo gekommen ist, Bach-Kantaten für uns alle spielt.
Viel Bedrängnis wird berichtet. Gerade von den Kopten. Und es wundert mich auch nicht. Vor mehr als zehn Jahren war ich zuletzt in Kairo. Damals sah man so gut wie keine Frauen mit Kopftüchern. Nun ist es genau umgekehrt: es gibt kaum mehr Frauen ohne Kopftuch oder sogar Schleier im Straßenbild. Nur Christinnen treten noch so auf. Was würde ich eigentlich tun in solcher Situation?
Bei einem Treffen mit ägyptischen Künstlerinnen und deutschen Museums-Kuratorinnen ist das keine Frage. Wir gehen, wie wir wollen, auf die Straße und in die Öffentlichkeit. Es ist kein Thema.

Tahrir-Platz

Fünfte Station: Die Tahrir Lounge im Souterrain des Goethe-Instituts. Der berühmte Zufluchtsort aus der Zeit der Revolution. Das Institut befindet sich in einer Seitenstraße direkt hinter dem Platz, der in diesen Tagen verkehrsdurchflutet ist, nur noch ein paar Fahnen am Straßenrand berichten von anderen Zeiten, in denen das Goethe-Institut Zufluchtsort war. Ist es geblieben bis auf den heutigen Tag. Als Begegnungsort für Tagungen und Seminare, Lesungen und Filmvorführungen.

Hier machen die jungen Leute von damals mit, führen einen umfassenden Dialog „mit allen“. Aber das erscheint abseits von der „großen Politik“ – wie in einer Art Alltags-Asyl. Zuflucht auch in diesen Zeiten.

Sechste Station: Die Deutsche Schule der Borromäerinnen, auch um die Ecke des Tahrir-Platzes, auch ein Zufluchtsort damals und heute. Eine Mädchenwelt vom Kindergarten bis zum Abitur, gegründet 1904, fast 800 Schülerinnen, davon 249 christlichen und 489 muslimischen Glaubens.

„Deutsche Schule“ für ägyptische Kinder, Elitenbildung mit ägyptischem und deutschem Schulabschluss. Beim morgendlichen Fahnenappell im Hof sind fast keine Kopftücher zu sehen. Die Schwestern mit ihren Ordensschleiern lächeln, wenn man sie fragt, wie sie es mit dem Kopftuch halten in der Schule. „Wir sind da ganz offen: wer Kopftuch tragen will, trägt Kopftuch, wer nicht, nicht.“

17 Lehrer aus Deutschland unterrichten. Und auf welche Schule gehen die Brüder dieser Mädchen? Die meisten auf die Französische zu den Jesuiten. Und warum ist das so? Weil das die besten Schulen im Land sind – und jeder weiß das.

Andere Stationen waren: die private German University Cairo, ein Riesen-Campus in New Cairo – einer wahrhaften Satellitenstadt; ein Treffen mit dem Oppositionspolitiker der Partei „Starkes Ägypten“, der jahrzehntelang Mitglied der Muslimbrüderschaft war, aber sich nun losgesagt hat, um „Toleranz in der Politik dieses Landes durchzusetzen“;

und dann das „El Sawy Cultural Wheel“ – das ist ein Kulturzentrum unter einer Autostraßenbrücke am Nil-Ufer. Ursprünglich ein Dreck- und Drogenort neben einer kleinen Moschee, jetzt ein Labyrinth von Bühnen, Clubräumen, Höfen und Übergängen für tausende von Musik-, Theater-, Diskussionsbegeisterten, die hier unter dem Zeichen „weißer Ring“ we are proud not to smoke! alles erleben können, was schön ist und Spaß macht – gegen wenig Geld und jeden Tag von morgens bis Mitternacht. Cultural Wheel – ein Rad, das sich ständig dreht. Erfunden hat es der Sohn des berühmten Schriftstellers El Sawy – im Namen und in Erinnerung an seinen Vater. Und es ist wahrscheinlich der lebendigste Kultur-Ort Kairos oder des ganzen Landes. Hier gibt es nichts, was es nicht gäbe in der kulturellen Szene – nur keinen Alkohol und kein Nikotin oder andere Drogen. Als uns Mohammad El Sawy stolz durch sein Labyrinth unter der Straße führt, baut eine Pop Band für ein großes Konzert auf, treffen sich Gelehrte und junge Leute zu einem Symposium über Religionsfreiheit, erholen sich Eltern mit ihren Kindern auf einer kleinen Grünfläche am Nil-Ufer, besucht eine Gruppe Mädchen die Bibliothek.


Für einen kleinen Jahresbeitrag kann man hier jeden Tag herkommen – mit Kind und Kegel – das kulturelle Rad drehen, wo vorher nur Lärm, Abfall und Brache waren. „Das ist auch ein Stück Revolution“, sagt Mohammad El Sawy. Recht hat er.

Tagebuch: 3 Tage in Beirut, 8. bis 10. Mai

Im Fenster des Flugzeuges ist ein Stadt-Koloss am Meer zu sehen: Hochhäuser neben, über, unter Hochhäusern: manche im Bau, manche Ruinen, manche gläsern neu. In meinem Kopf sind immer noch die Bürgerkriegsbilder (1975 – 1990!), die fast totale Zerstörung – wer hat das nun alles wiederaufgebaut – und mit welchem Riesenvermögen. Auf der Stadtautobahn vom Flughafen ins Zentrum verfestigt sich der Eindruck: eine Wolkenkratzer-Stadt im Wiederaufbau ist dieses Beirut heute. Luxus neben Brache. Das Geld kam und kommt aus den Golf-Staaten, heißt es. Unser Hotel, das alt-neue Phoenicia ist eine Art Adlon zwischen Bauruinen – unweit von einer Marina am Meer, an der Corniche, dem Palmen-bestandenen Boulevard. Die Palmen allerdings sehen traurig aus, halb erfroren oder vertrocknet, mehr braun als grün.

Botschafterin Siefker-Eberle berichtet von den israelischen Überflügen, jeden Tag, und von der im Moment alles überschattenden Flüchtlingsproblematik. An die 400.000 bis 500.000 Flüchtlinge aus Syrien sind jetzt im Libanon – genaue Zahlen gibt es nicht – das heißt, fast jeder fünfte Einwohner des jetzigen Libanon kommt aus dem syrischen Krieg. Das Land will keine Sammellager. Da gibt es die schlimme Tradition der Palästinenser-Lager im Süden – bis auf den heutigen Tag. Die Flüchtlinge heute werden von Verwandten, Freunden, Bekannten aufgenommen. Sie arbeiten zu Dumping-Löhnen, machen kleine Geschäfte auf mit Billigpreisen. Die Libanesen beklagen bereits einen wirtschaftlichen Verdrängungsprozess unter den Armen und Ärmsten.

So etwas wie den Libanon gibt es auf der ganzen Welt nicht: eine parlamentarische Demokratie als Religionen-Staat. Bewohnt von einem Drittel Christen (Maroniten, Griechisch-Orthodoxe, Griechisch-Katholische, Drusen, Armenier) und zwei Drittel Muslimen (Schiiten, Sunniten), der Staatspräsident ist maronitischer Christ, der Regierungschef sunnitischer Moslem, der Parlamentspräsident schiitischer Moslem… christlich-moslemisch werden Ämter durch dekliniert.
Innen geht es um den „Nationalen Dialog“ einer Gesellschaft, die ihre Identität ganz und gar religiös begreift. Ende März war Premierminister Mikati zurückgetreten. In seinem Kabinett sitzen zwei Hisbollah-Minister. Die Konflikte mit ihnen wurden unüberwindlich.
Nun ist Wahlkampf. Im Juni – oder später – soll gewählt werden. Nun hofft man auch hier – wie in Ägypten – auf einen Neuanfang – nur, wie der aussehen soll, weiß – wie in Ägypten – niemand.

In dieser Situation erleben wir die Stadt, führen die Gespräche.
Im Herzen der Stadt steht der Rolex-Uhr-Turm. Sternförmig gehen die Straßen von ihm aus. An einer Seite das Parlament. Gegenüber, ein wenig zurückgesetzt, die Gotteshäuser: Kirchen, Moscheen, dazwischen elegante Cafés wie in Paris. Wie heißt der wehmütige Satz? „Früher, ja früher empfand sich der Libanon als ein Teil Südfrankreichs“…

Im Parlament treffen wir die Abgeordneten des Auswärtigen Ausschusses. Ihre Hauptthemen: die bevorstehenden Wahlen, die israelischen Militärflüge über den Libanon, völkerrechtswidrig, wo bleibt da Europas Protest, die Haltung des deutschen Parlaments. Ich versuche klarzustellen, dass wir diese Flüge natürlich nicht billigen, dass aber unsere große Sorge der gesamten Militarisierung, der Aufrüstung, dem Krieg überhaupt gilt. Der Gewalt und Vertreibung…
Claudia Roth stellt die Frage: „Waffen an die Rebellen in Syrien?“ Die Antwort ist eindeutig: „Nein, auf keinen Fall, so wird aus Morden nur mehr Morden.“ Die Abgeordneten beklagen, dass der Staat Libanon keine finanzielle Unterstützung für die Versorgung der Flüchtlinge erhält – nur die nicht-staatlichen Hilfsorganisationen. Medizinische Versorgung, Schulen… für fast eine halbe Million Menschen, auch wenn diese in Gastfamilien untergebracht werden… wer kann dies alles finanzieren? Die größte Angst: Wenn der Krieg in Syrien fortdauert und es eventuell zur Teilung des Landes kommt, dann ist der Libanon in großer Gefahr, die syrische Besatzungszeit während des Bürgerkrieges ist nicht vergessen.
Ein Abgeordneter erwähnt auch die Gefahr durch die libanesischen Hisbollah-Kämpfer, die in Syrien mitmachen auf der Seite des Assad-Regimes – und dass Kämpfer rekrutiert werden – von und für Al-Qaida. Das Stichwort fällt zum ersten Mal: zwei Gruppen gibt es im Land, Bewaffnete und Waffenlose – die Angst der zweiten Gruppe wächst mit jedem Tag.

Welche Orte in der Stadt!
Hotel Albergo, ein Jugendstil-Haus in einer sonst heruntergekommenen Straße. Glanz und Eleganz mitten im schlimmsten Baulärm – und Dreck. Das einzige „Relais et Chateau“ Hotel des Nahen Osten.
Das Café „Chez Paul“, ein Klon der französischen Kette mit Wintergarten und einem Frühstücksmenü West-meets-East, dass man gar nicht mehr aufhören möchte, zu essen und Café au lait zu trinken.

Da sitze ich neben Lotti Adaimi, die nun seit über 50 Jahren das Leben im Libanon kennt. Ihr Mann ist Arzt und leitet eine Klinik. Die Deutsche Schule in Jounieh, das Kulturzentrum, die Deutsch-Libanesische Universität sind ihre Welt seit einem halben Jahrhundert – und neuerdings Bilder.
„Bleiben Sie doch noch übers Wochenende“ sagt sie, „Da findet die ‚Beirut Art Book Fair‘ statt zum vierten Mal schon – eine Ausstellungsmesse für Bildbände. Wissen Sie, dass es 700 Druckereien im Libanon gibt – und über 7000 Neuerscheinungen jedes Jahr?“ Ein Band ihrer Bilder, eine Art Werk-Katalog wird da ausgestellt – und Bücher über Architektur, Dichtung, Natur und alle erdenklichen Kulturwelten. Lotti Adaimi sagt, die Zeit erinnere sie fast an die Zeit unmittelbar vor Beginn des Bürgerkrieges.
Sie kritisiert die deutsche Politik, die die Betreuung der Schiiten im Libanon seit 1948 zu ihrer politischen Aufgabe gemacht hat. Wenn man sich aber nur für eine Bevölkerungsgruppe einsetzt, entgehen einem viele andere wichtige Zusammenhänge. Auch wir haben sie enttäuscht, weil wir die Deutsche Schule Jounieh, das Kulturzentrum und die Deutsch-Libanesische Universität, die vor allem den Deutschlandbezug suchen und aufbauen, nicht besucht haben.
Die an die 80 Jahre alte Dame aber hält an dem Leben im Libanon fest: Krankenhaus, Schule, Kulturzentrum, Malerei – das Leben geht weiter.

„Bleiben Sie doch am Wochenende“, sagt auch der Leiter des Goethe-Instituts, „da findet das ‚Festival Homeworks‘ statt. Private Wohnungen öffnen sich im alten Stadtviertel Kandak und Künstler zeigen dort Installationen, kleine Theateraufführungen, Performances.“ Dahinter steckt als Organisator Matthias Lilienthal, der frühere Leiter des Berliner Theaters Hebbel am Ufer – wie gern wäre ich geblieben. Die kulturelle Szene in Beirut ist überwältigend vielfältig. Tradition und Moderne, Musik, Filme, Theater – alles geht ungerührt weiter, wenn auch nicht unberührt von der bedrohlichen Situation.
Das Goethe-Institut hat ein ganz neues Quartier mitten in der Stadt bezogen, es wird allerdings noch umgebaut im Moment. Aber die Liste der Zukunftsaufgaben ist lang – man plant, als ginge es selbstverständlich so weiter.

Auf dem Rückflug am Freitag berichtet The Daily Star auf Seite 1:
Weitere 4 Raketenangriffe auf die Stadt Hermel.

Die Raketen wurden aus der syrischen Stadt Qusair abgefeuert, in der libanesische Hisbollah-Kämpfer an der Seite des syrischen Militärs gegen die Rebellen kämpfen. Sprecher der libanesischen Sicherheitskräfte, die anonym (!) bleiben wollen, erklärten, dass die Raketen von Rebellen abgefeuert wurden. Die Einschläge neben einer Schule in Hermel führten zu einer Panik unter den Schulkindern und ihren Eltern.

So geht das nun schon seit Monaten. Das Bekaa-Tal ist zum Ziel sowohl der syrischen Armee wie der Rebellen geworden. Immer wieder gibt es auch Berichte über Kämpfer aus dem Libanon, die in diesen Gefechten umkommen. Am Freitag wurden zwei Hisbollah-Kämpfer aus Tripoli tot gemeldet und 20 weitere vermisst. „Libanon will alles tun, um in diesen Krieg nicht hineingezogen zu werden“ sagte am Vorabend im Fernsehen der Regierungschef. „Mich erinnert das alles an die Zeit unmittelbar vor dem Bürgerkrieg“ sagte Lotti Adaimi.

Auf Seite 3 berichtet der Daily Star dann über die Festnahme einer Al-Qaida-Zelle in Beirut. Zwei Syrer, zwei Libanesen. Weitere Mitglieder werden gesucht.

Nachtrag, 6 Wochen später:

Inzwischen ist ganz klar, dass nicht nur einzelne Hisbollah-Kämpfer aus dem Libanon in Syrien kämpfen – sondern tausende, eine Legion an der Seite der syrischen Armee sozusagen. Insofern entlarven sich auch die Appelle der libanesischen Parlamentarier als doppelzüngig: „Keine Waffen an die Rebellen, so wird aus dem Morden nur weiteres Morden“ – und wie steht es um die Waffen für die Hisbollah-Kämpfer, die alle und massenhaft über und durch den Libanon nach Syrien gelangen? Aber wer hat das in der Hand? Wer lässt es zu? Diejenigen, die keine Waffen haben – sicher nicht.

Was bleibt? Ach, könnte man dies kleine, schöne, geschundene Land mit seinen 18 Religionen, seiner großen Kultur, seiner Hoffnung auf ein friedliches Leben doch schützen und unterstützen!

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