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Reise mit dem Ausschuss für Kultur und Medien nach Marokko und Tunesien

16. bis 20. September 2012 – Programm

Tagebuch Marokko:

Rabat / Fès / Rabat
Die erste Station am Abend in Rabat war das Treffen mit Filmschaffenden und Radioleuten in einem dieser Stadtpalast-Restaurants, die zu den kulturellen und kulinarischen Schönheiten Marokkos zählen: Dinarjat. Geschwärmt wird zunächst von Berlin. Welch‘ eine tolle Metropole, schwärmt die Filmproduzentin Noufissa Sbaï und Rita El Khayat setzt nach: „Und welch‘ ein Berlinale-Chef! Ich liebe Dieter Kosslick!“ Das hört sich vertraut an. Rita El Khayat kommt geradewegs aus dem Studio – sie hat ihr tägliches Programm produziert – Montag bis Freitag jeweils eine eigene Stunde über Bücher, die Welt und die Welt der Bücher…
Schnell kommen wir auf das Thema Frauen in Marokko. „Niemals werde ich mich verschleiern“, sagt Frau Doktor Rita. „Ich werde den Moment niemals vergessen, als meine Mutter den Schleier ablegte. ‚Ein für alle mal‘ – ich war ein junges Mädchen – ‚ein für alle mal für die Frauen unserer Familie‘, sagte sie. Das ist meine Geschichte – und wenn die Schleier auch wieder modisch werden und vor allem Brauch – ich werde das nicht mitmachen.“

Der Eingang zur Medina von Fès
Handwerker und Händler

Am zweiten Tag waren wir in Fès. Auf dem Weg dorthin ist viel Aufforstung und Anpflanzung zu sehen, Kultivierung und Re-Kultivierung von Obstbäumen, Korkeichen, Oliven. Der Gang durch die Medina zeigt auch: Kultivierung und Re-Kultivierung. Die Herren Kultur-Verantwortlichen machen die Bemühungen deutlich, die angestrengt werden müssen, um ein solches Welt-Kulturerbe-Viertel zu schützen, insbesondere, wenn es so bevölkert und beliebt ist wie die Medina. Die alten Handwerker machen weiter wie seit Jahrhunderten, die Händler ebenfalls – nun versucht man behutsam das Leben hygienisch und umweltschonend zu gestalten, Bausubstanz und kulturelles Erbe zu erhalten, aber Gentrifizierung zu vermeiden. Das sieht immer wieder beeindruckend aus.

Traurig dagegen das alte jüdische Viertel: die Mellah. Zwar kann man uns zwei liebevoll in jahrelanger Arbeit renovierte Synagogen zeigen. Aber sie sind Museen. Jüdisches Leben gibt es in der Altstadt nicht mehr. Die rund 100 Mitglieder der einstmals tausende umfassenden jüdischen Gemeinde leben heute in der Neustadt, haben dort allerdings zwei Synagogen errichtet, in denen nun ihr religiöses Leben stattfindet. Die jüngst renovierte Synagoge ist mit viel Regierungsgeld aus Deutschland unterstützt worden – zuletzt war sie eine Übungshalle für junge Boxer. Beide Synagogen sind von verfallenen Häusern, ja Ruinen umgeben – die Mellah, ein trauriger marokkanischer Mythos!

Königsportraits

Seine Majestät Mohammed VI ist allgegenwärtig. Überall hängt sein offizielles Portrait. Es zeigt einen ganz und gar modernen, gutaussehenden, jugendlich wirkenden Mann: schwarzer Anzug, weißes Hemd, schwarze Krawatte, weißes Einstecktuch, edle Armbanduhr – lächelnd auf einem thronartigen Sessel: Purpur und Gold – mit der marokkanischen Heraldik im Hintergrund. Das ist das Hauptbild. Aber es gibt auch Variationen. Im Stadtpalast-Restaurant in Fès Riad El Amine gibt es ein fast privates Foto, edel umrahmt, es zeigt Vater und Sohn, König und kindlicher Kronprinz, beide weiß gekleidet – wie für ein Fest.

Und dann das offizielle Bild im Königlichen Institut für Berberkultur. Da trägt der König Berberkleidung und Turban. In den Händen hält er ein Redemanuskript. Es ist die Momentaufnahme eines historischen Augenblicks: zum ersten Mal erwähnt ein marokkanischer Monarch die Berber, ihre Kultur, ihre Zugehörigkeit zum Land. „Das Berberische zu schützen und zu fördern gehört zur Verantwortung des Staates.“ Das war eine Zeitenwende: 2001.

Wieder anders das Königsportrait im Dienstzimmer des Ministers für Kommunikation Mustafa al-Khalfi. Da hängen zwei Portraits an der Wand: das offizielle des Königs und das einmal offizielle seines Vaters. Selber Thronsessel, gleiche Farben, natürlich die selbe Heraldik. Symbol für den „Dritten Weg“, den Marokko einschlagen will, jetzt und in Zukunft. Demokratisierung und Reformen auf dem Fundament der Kontinuität. Die neue Verfassung mit einer „Bill of Rights“ von 21 Grundrechtsartikeln weist den Weg. Marokko als Vielvölkerstaat mit der allumfassenden Bindung an die Religion. Durch Geburt wird man als marokkanischer Mann oder marokkanische Frau: Muslim.

Monarchie und Islam sind die nicht verhandelbaren Determinanten – alles andere kann sich entwickeln: Freiheit, Demokratie, Internet, Information für jeden, Einmischung der Zivilgesellschaft in die Umsetzung der Verfassung in den Alltag.

Der Minister ist einer der mächtigen Männer der neuen Islam-Partei, die bei den Wahlen die Mehrheit gewonnen hat und den Regierungschef stellt. Journalist, Wahlkampfleiter, früher Herausgeber einer der wichtigsten Zeitungen des Landes, ein ebenfalls ganz und gar modern wirkender, eleganter Mann – fast ein bisschen Ebenbild des Königs. Er spricht vom „Sauerstoff“ der Freiheit, der der marokkanischen Gesellschaft jetzt zugeführt wird, „den er nicht fürchtet, ganz und gar nicht!“

Marokko als stabiles Reform-Land in Nordafrika, das seinen eigenen Weg geht, den „Dritten“.
Da wird der Vergleich mit Tunesien spannend.

Tagebuch Tunesien:

Vorbemerkung: Schwierige Reise
Das Auswärtige Amt warnte uns vor dieser Reise, besonders dem Tunesien-Teil. Wir sind dann zunächst nach Marokko gefahren und haben dort – nach Rücksprache mit der Botschaft und dem Auswärtigen Amt – folgenden Plan für die Weiterreise gefasst: entsprechend unserer Planungen fliegen wir nach Tunesien, verlassen das Land aber bereits am Freitagmorgen. Die Botschaft wird an diesem Tag geschlossen sein. Man will allen Problemen am Tag des Freitaggebets aus dem Weg gehen. Trotz der Warnungen des Auswärtigen Amtes wollten wir nicht einfach aufgeben. Denn gerade wenn Hass und Ablehnung aufflammen, ist es wichtig, den Dialog nicht abzubrechen – und zusammen über Lösungen des unterschwelligen und zu keiner Zeit befriedeten Konflikts zwischen islamischen Ländern und dem Westen zu beraten, wenn es da etwas zu beraten gibt. Eines ist klar: die religionsfernen und religionsmüden und vor allem religionsgleichgültigen Gesellschaften müssen ihr Verhältnis zur Religion neu definieren.

Tunis
Auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel kommen wir an der amerikanischen Botschaft vorbei. Der riesige Komplex zeigt alle Spuren einer schweren Attacke: schwarz verbrannte Mauer- und Gebäudeteile. Jetzt stehen Panzer vor Stacheldraht und Wracks, Militär-Lastwagen, bewaffnete Soldaten. Man sieht von der vielbefahrenen Straße aus ganz klar, dass es den Angreifern gelungen ist, den ersten Sicherungs-Ring eindeutig und auch den zweiten halbwegs zu überwinden…

Am Nachmittag gibt es eine Sondersitzung im Parlament zur Frage: „Wie konnte es bloß passieren?“ Antwort der Regierung: „Wir waren nicht vorbereitet. Wir sind doch eine friedliche Gesellschaft . Die Polizei war völlig überfordert, die Armee auch.“

Am nächsten Tag wird es in den Zeitungen heißen: Die Ursache ist LAXISME, also Laschheit, Laissez-faire. Und es heißt „Ennahda (also die aus den Wahlen hervorgegangene Mehrheitspartei) hat einen Tiger dressiert, jetzt wird sie von ihm verschlungen.“

Der deutsche Botschafter Jens Plötner berichtet von der schwierigen Arbeit an der Verfassung. Sechs Ausschüsse arbeiten seit acht Monaten – im Oktober soll der Text fertig sein. Nun wird gewissermaßen Tag und Nacht gefeilt und gestritten. Die Vorstellungen gehen weit auseinander. Wie steht es um die Frauenrechte, die in Tunesien seit der Unabhängigkeit so umfassend garantiert waren? Ja, schwierig. Die Männer haben sich wohl nie damit abgefunden und spüren jetzt, dass „ihre Zeit“ möglicherweise gekommen ist.

Im brandneuen DAAD-Büro in der Innenstadt, in einer jener schönen Art-Deco-Straßen unweit der Kathedrale, treffen wir Faten Rouissi, Schauspieler, Dozent, Sprecher der Vereinigung zeitgenössischer Künstler und Sana Tamzini, die Direktorin eines staatlichen Kunstzentrums und eine Architektin und bildende Künstlerin. Sie berichten von Attacken vielerlei Art: auf sie, auf Ausstellungen, im Internet. Faten Rouissi meint: „Wir haben das zunächst nicht ernst genommen. Ein Dutzend Fanatiker vor einem Kino. Zwei Dutzend Fanatiker vor einer Ausstellung. Dann kamen die Pöbeleien auf den Straßen, auf dem Universitätscampus, Morddrohungen im Internet, Pranger-Darstellungen…Jetzt haben wir Angst. Um unsere Sicherheit, die Sicherheit aller Leute, die den religiösen Fanatikern nicht passen.“ Ihre Sorge ist auch, dass die Regierung sie nicht schützt. Sie werfen „ihrem Minister“, dem Kulturminister vor, dass er sie nicht in Schutz nimmt.

„Schutz?“, fragt Mehdi Mabrouk, der Minister beim Arbeitsgespräch am nächsten Tag. „Schutz kann ich meinen Mitarbeitern nicht geben, den Künstlern nicht, niemand… Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Verantwortung des Staates!“ Der renommierte Soziologe und Autor eines vielbeachteten Buches über die illegale Emigration von Tunesiern nach Europa „Schleier und Salz“ legt Wert darauf, zu verstehen, dass Tunesien sich in einer Umbruch-Situation befindet – Chaos, Unsicherheiten inbegriffen. Er legt auch Wert darauf, dass er keiner Partei angehört und sich mit allen trifft und bespricht, die künstlerisch tätig sind. Ja, sechs Ausstellungen von 600 sind gestürmt worden. Ja, zwei Festivals mussten abgesagt werden. Umbruch-Situationen. Bedenken Sie, wie lange es in anderen Ländern gedauert hat, bis man in der Demokratie wirklich angekommen ist.

Am Donnerstagmorgen im Parlament. Der alte Bey Palast hinter dem Bardo Museum. Viele Marmor-Löwen links und rechts von der Freitreppe, einer schläft sogar auf seinen Pfoten. Andalusischer Hof, Arabischer Hof. Übergang in den Neubau von 1974. Ein Foyer mit Sesseln für Zombies und Riesenlüstern. Der Plenarsaal wirkt, als habe man das Pariser Assemblée National in eine Riesen-Moschee geschoben. Ein Beamter erklärt, dass zur Zeit jeden Nachmittag Sitzungen bis weit in den Abend stattfinden. Panzer vorm Eingangshof – allerdings stehen die da seit der Rebellion – nicht aus aktuellem Anlass.

In einem der alten Prunksäle empfängt uns einer der beiden Vizepräsidenten der verfassungsgebenden Versammlung, Arbi Abid, Rechtsanwalt, Verteidiger in mehreren politischen Prozessen, Gründungsmitglied der tunesischen Menschenrechtsliga. Neben ihm die Abgeordnete Salma Baccar, eine Film-Regisseurin, die sich so vorstellt: „Ich bin eine besondere Spezies im Parlament. Vorher habe ich nie Politik gemacht, obwohl alle meine Filme natürlich politisch waren. Aber dann während und nach der Revolution habe ich mich entschlossen, mich politisch einzumischen und ich bin zur ‚Bewegung der Erneuerung‘ gegangen, einem linken Zusammenschluss, dem auch die Kommunisten angehören. Im Ausschuss arbeite ich an dem Verfassungskapitel über Medien- und Meinungsfreiheit. Wir sind da zwei Lager. Eines will die unbeschränkte Meinungsfreiheit in der Verfassung verankern, die da endet, wo die Würde der Menschen verletzt wird. Dazu gehöre auch ich. Das andere Lager will nur eine beschränkte Meinungsfreiheit garantieren. Seit acht Monaten kommen wir nicht richtig voran, obwohl wir Tag und Nacht arbeiten – kein einziges Kultur-Gesetz ist bisher auf den Weg gebracht.“ Neben ihr wiederum Dr. Jamel Touir, Vorsitzender des Ausschusses Nummer 5. Auch ihm geht es um die Ausgestaltung der Mediengesetze. Er sieht sich als Sozialdemokrat, arbeitet mit der Friedrich-Ebert-Stiftung zusammen.

Dann kommt noch ein dritter Abgeordneter hinzu, abgehetzt, entschuldigt sich wegen der Verspätung, aber der Ausschuss hat bis zur Minute getagt. Er gehört zu einer Abspaltung der Al-Fatah-Partei. Der Vizepräsident rügt: „Keine parteipolitischen Stellungnahmen…“ Auch dieses Gespräch bietet den Einblick in eine Umbruch-Situation. Anstrengungen über Anstrengungen…aber lange noch kein fester Boden unter den Füßen. „Ja, vielleicht muss der Innenminister zurücktreten nach dem Überfall auf die amerikanische Botschaft“ sagt jemand, „aber was ändert sich dadurch?“

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Salafisten längst das Heft in der Hand haben. Die deutsche Botschaft hatte am Montag geschlossen – wie andere Botschaften auch – und wird am Freitag ebenfalls geschlossen sein – wie andere Botschaften auch. Wir müssen am Freitag früh ausfliegen – aus Sicherheitsgründen. Wenn das so weitergeht, kann man auswärtige diplomatische Arbeit in einem Land wie Tunesien einstellen.

+++ ACHTUNG, 7 Tage später: Die Bundeskanzlerin sagt ihre Reise nach Tunesien ab – aus Sicherheitsgründen. +++

Am Nachmittag dann sind wir in Karthago. Da sind die Kulturwunder, viele Touristen, überwältigende Ausblicke aufs Meer und in die Natur. Ach, wie schön ist dieses Land! Wie schade, dass wir sofort zurückmüssen.

Nachtrag
Eines hat diese Reise deutlich gemacht: Wir Europäer müssen eine neue Sensibilität für Religion entwickeln. Wir müssen besser verstehen! Kenntnisse müssen wir uns aneignen. Nur mit Unverständnis, Gleichgültigkeit, Abscheu und Empörung kommen wir nicht zueinander in diesen Zeiten des Umbruchs. Vielleicht befinden wir uns in einer neuen Phase der Aufklärung. Aufklärung über Religion. Mit Ablehnung allein geht es nicht weiter. Das gilt für die Außenpolitik wie für die Innenpolitik auch. Nein, wir müssen nicht religiös sein oder gar wieder werden, aber die Anstrengungen unternehmen, Religiosität bei anderen zu verstehen. Und zu verstehen, dass es kein getrenntes „Innen“ und „Außen“ mehr gibt, sondern das eine ins andere übergeht.