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Reise mit dem Unterausschuss Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik in den Iran

17. bis 22. Oktober 2010 – Programm

Eine Woche im Iran

Eine Achterbahnfahrt. Wenn sie zum Halten kommt, steigt man aus und muss sich erst einmal wieder zurechtfinden. Eine Reise, die anders verlief, als wir geplant hatten – und trotzdem eine Reise, die sich in vielfacher Hinsicht gelohnt hat. Kultur schließt Menschenrechte ein. In Zeiten des Stillstands muss mit kleinen Schritten begonnen werden, Bewegung ins politische Spiel zu bringen.

Wir drei Frauen der Delegation: Prof. Monika Grütters (Mitte), Claudia Roth (r.) und ich.

Mehr Gegensätze kann es kaum geben. Natürlich ging es noch vor der Ankunft los mit den Verboten. „Wichtiger Hinweis für unsere weiblichen  Passagiere“ sagte die Stewardess durchs Bordmikro „im Iran müssen alle Frauen in der Öffentlichkeit ein Kopftuch tragen.“ In der Öffentlichkeit, bei öffentlichen Treffen, auch in Restaurants, also überall, außer in privaten Räumen oder in der Deutschen Botschaft – sechs Tage Kopftuchleben. Für Männer gelten neuerdings auch Haarschnittgebote. Keine langen Koteletten, kein Gel, keine „aufstehenden“ Haare. Sonderbarerweise sah unser Busfahrer aus wie ein orientalischer Elvis Presley. Eine Haar-Tolle wie in den frühen Jahren des Idols und Koteletten natürlich.

Land der Gegensätze
Den ersten Tag verbrachten wir vor allem im iranischen Parlament. Im spiegelglasgeschmückten Palast-Bau aus der Schah-Zeit von Reza Pahlavi 1925.

Erster Gesprächspartner war der Vorsitzende des Kulturausschusses, Haddad Adel, der eigentlich auch Ausrichter des diesjährigen UNESCO-Welttages der Philosophie in Teheran sein sollte – doch die UNESCO verlegte die Veranstaltung wegen der Einflussnahme der iranischen Regierung nach Paris. Haddad Adel, ein akademischer Philosoph und Kant-Übersetzer, der aber auch Dissidenten die „Kahrisah“ androht, Wegsperren und Folter. Für unseren Besuch findet er zunächst positive Worte, um dann sofort die Haltung Deutschlands und Europas als von Vorurteilen und Klischees gekennzeichnet anzuprangern.

Wir kontern, dass eine Wiedereröffnung des Goethe-Instituts, ein freier Studentenaustausch, die Vergrößerung der deutschen Schule in einem Neubau helfen würde, diese Vorurteile abzubauen.
Er lächelt fein, lässt Tee servieren im feudalen Salon unter Lüstern. „Politik der kleinen Schritte“: ja. „Kultur als Fundament für gegenseitige Gespräche“: ja. Er weist darauf hin, dass seit über einem Jahr keine Parlamentarier aus Deutschland in den Iran gekommen wären – insofern sei unser Gespräch jetzt ein „kleiner Schritt“, in der Tat.

Beim anschließenden Mittagessen im Prunk-Foyer des alten Parlamentsgebäudes versammeln sich dann mehrere Parlamentarier, auch eine Shador-verhüllte Abgeordnete – und es geht sehr widersprüchlich her. Der Oppositionspolitiker Hojatoleslam Khodratollah Alikhani sagt ganz offen: „Regierungen kommen und gehen, Parlamente bleiben. Auch diese Regierung wird abgewählt werden. Khomeini hat gesagt: ‚Die Regierung des Irans ist das Parlament‘. Das können Sie übrigens auf großen Plakaten überall in der Stadt lesen. Ich kritisiere die Regierung für vieles. Wir sind eine lebendige Opposition, aber wir wollen natürlich keine Demokratie nach westlichem Vorbild – damit keine Missverständnisse aufkommen!“

Auf mehr akademische Weise setzt sich dieses Gespräch wieder oben im Salon fort, als Schlagabtausch zwischen Hojatoleslam Khodratollah Alikhani und dem Vorsitzenden der iranisch-deutschen Freundschaftsgruppe des Parlaments, Seyyed Ali Adiani Rad. Claudia Roth, Mitglied der deutsch-iranischen Parlamentariergruppe des Bundestages spricht den Fall der inhaftierten deutschen Journalisten in Täbris an. Wann werden sie endlich konsularisch betreut werden? Die Parlamentarier schlagen vor, die Angelegenheit am nächsten Tag dem Parlamentspräsidenten vorzutragen.

Auf der Fahrt durch Teheran kommen wir am Theater vorbei. Dort hängen große Plakate. Was spielt man? Heiner Müllers „Hamletmaschine“.

In der provisorisch bei den Briten untergebrachten deutschen Schule, berichtet der Direktor Wolfgang Selbert, dass im kommenden Frühjahr zum ersten mal nach 30 Jahren (!) wieder acht Schüler das deutsche Abitur ablegen werden.

Danach fahren wir zur Eglise Sacré Coeur und besuchen die Sonntagsmesse. Vielleicht hundert Männer und Frauen, auch einige Kinder sind in der alten Kirche. Erzbischof Jean-Paul Aimé Gobel sagt hinterher: „Es gibt die Freiheit des Kults – aber nicht die Freiheit der Religion.“ Eine Konversion zum Christentum ist unmöglich. Christen können studieren. Ämter in der Verwaltung oder Justiz sind ihnen versperrt. Ein Christ als Richter – unmöglich! Mischehen sind eine „Tragödie“. Die Zahl der Christen im Iran nimmt ab.

Gleiches berichtet am nächsten Tag der Präsident der jüdischen Gemeinde des Iran, Siamak Marehsedegh. Er ist Arzt, leitet das jüdische Krankenhaus in Teheran und vertritt die jüdische Gemeinde auch als Abgeordneter.

Iranische Verfassungsbestimmungen zu religiösen Minderheiten

Artikel 13:
Iranische Bürger des zaroastrischen, jüdischen und christlichen Glaubens sind als offizielle religiöse Minderheiten anerkannt, die vollständig frei ihre religiösen Pflichten im Rahmen des Gesetzes ausüben können. Die Personenstandsangelegenheiten und die religiöse Erziehung erfolgen nach der entsprechenden eigenen Religion.

Artikel 64 (2):
Zaroastrier und Juden wählen je einen Abgeordneten, assyrische und chaldäische Christen zusammen einen und armenische Christen im Süden und Norden des Landes je einen Abgeordneten.

„Die seit 700 Jahren im Iran lebende Minderheit gehört zu diesem Land“, sagt er und er sagt auch, dass die heutige Gemeinde kleiner und kleiner wird. Wir sitzen in einem nüchternen Besprechungsraum. An der Stirnwand: die iranische Fahne, ein Thora-Text und das Großfoto einer Moses-Skulptur. Israel kritisiert er scharf. Einen Staat, der Menschen so unterdrückt wie Israel, sollte es nicht geben. „Ich bin Anti-Zionist. Wenn wir mehr Zeit hätten, würde ich Ihnen dies genau erklären.“

So haben viele Zeitgenossen Herzl’s auch geredet, das muss man in Erinnerung rufen. Es war Herzl, von dem ich gelernt habe, dass man mit Feinden des Friedens reden muss, wenn man Frieden will. Mit wem sonst kann man Frieden erreichen? Alle anderen Wege führen in Krieg.

Auf dem Weg wieder zum Parlament halten wir beim Museum für Zeitgenössische Kunst. Da gibt es eine sensationelle Ausstellung in einem sensationellen Bau. Gegründet, errichtet und eröffnet von Farah Diba als Vorzeigeobjekt des damaligen Regimes: die künstlerischen Moderne zu Gast im modernen Persien. Eine Nachahmung des MoMA in New York, daher auch MoCA genannt. Von Arp über Francis Bacon, Max Beckmann, Umberto Boccioni, Edgar Degas, Chillida, Max Ernst, James Ensor, Georg Grosz, Giacometti, Gaugin, Edward Hopper, Fernand Leger, Magritte, Roy Lichtenstein, Monet, Miro, Picasso in Hülle und Fülle, Robert Rauschenberg, Kandinsky, Henry Moore… um nur einen Teil aufzuzählen. Da trifft man auf die Kunst der westlichen Welt. Und sie wird nun wieder ausgestellt: vom Ministerium für Kultur und islamische Führung. Titel der Ausstellung: „Meisterwerke der größten Künstler der Welt“. Und das ist nicht gelogen. Jahrelang waren die Bilder in Teheran nicht zu sehen, das Museum geschlossen. Jetzt sind sie wieder da, auch in einem großartigen Katalog dokumentiert.

Teheran - ein Moloch

Dann wieder im Parlament in einem noch prächtigeren Saal das Gespräch mit dem Präsidenten des Parlaments, Ali Ardeschir Larijani (Fotos unten, © Majid Asgaripour). Da geht es dann um den Umgang miteinander. „Warum beteiligt sich Ihre Kanzlerin an einer Preisverleihung für den Mann, der die Mohammed-Karikaturen gezeichnet hat, diese Beleidigung von Millionen Moslems auf der ganzen Welt?“ „Weil die Kanzlerin die Freiheit der Kunst und der Künstler für ein hohes Gut hält?“ Islamfeindlichkeit, Demokratiefeindlichkeit… Ich stelle die Frage nach dem Stellenwert des Friedens unter den Völkern. Liegt da nicht unsere wichtigste gemeinsame Aufgabe, alles zu tun, dass Konflikte nicht auswuchern in einen Krieg?

Dann spricht Peter Gauweiler von den inhaftierten Journalisten. Der Präsident sichert ihm ein 2er-Gespräch für den nächsten Tag mit Hojatoleslam Hossein Sobhaninia, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Ausschusses für nationale Sicherheit und Außenpolitik, zu. Aus diesem Gespräch heraus soll eine Lösung gefunden werden.

Danach empfängt uns Larijanis Bruder, der Vorsitzende des Menschenrechtsrates der iranischen Justiz. Schon zur Schah-Zeit hatte er diese Position inne und nun die ganze Zeit nach der Revolution. In der internationalen Presse hat er den Namen „Dementier-Maschine“ und diesem Namen macht er bei unserem Gespräch alle Ehre.
„Der Westen misst mit zweierlei Maß. Wenn wir eine Frau zum Tode verurteilen, die ihren Mann ermorden ließ, dann regen Sie sich auf. Wenn ein gleicher Fall in Amerika mit der Todesstrafe geahndet und die Hinrichtung vollzogen wird – was unternehmen Sie da? Ich arbeite seit 40 Jahren in Menschenrechtsfragen und ich sage Ihnen, auf Dauer kann auf der Welt nur leben, wer Prinzipien hat. Difference in culture is not a disease – unsere Demokratie muss konsolidiert werden. Wir wollen in unserer Gesellschaft legalen Sex fördern und illegalen Sex verhindern! Warum bestrafen wir Ehebruch so hart? Weil wir zwei Formen der Eheschließung kennen. Wenn zwei Menschen sich lieben, können sie sofort eine Ehe auf Zeit eingehen – für eine Stunde, einen Tag, eine Woche, einen Monat, ein Jahr… Sie gehen zum Mullah, der stellt einen Vertrag aus. Sie sind zusammen, ganz legal und sie trennen sich, wann sie wollen. Die andere Form ist die lebenslange Ehe. Wenn sie sich dafür entscheiden, dann darf es aber keinen Ehebruch geben. Wenn doch – ist das strafbar. Und es gibt Regionen in unserem Land, da gilt als Strafe für Ehebruch Steinigung – für Männer wie für Frauen. Ich sage Ihnen aber auch, seit sieben Jahren ist keine der verhängten Strafen vollzogen worden. …“
Er schließt seinen Monolog, der überhaupt keine Gegenfrage von uns zulässt, mit seinem schon berühmten Credo, dass der Iran das „freieste und demokratischste Land der Welt“ sei. Punktum. Claudia Roth übergibt ihm eine Liste von Verhaftungen und Verfahren, die aus unserer Sicht schwere Menschenrechtsverletzungen darstellen… an die 30 Namen. Er nimmt das Papier wortlos entgegen.

Am Abend gibt es in der Residenz des Botschafters – einem großzügigen Bungalow im Stil des alten Kanzlerbungalows in Bonn inmitten eines großen, alten Parks (Geschenk an das kaiserliche Deutschland) – einen Empfang für Schauspieler, Schriftsteller, Musiker, Tänzer, Maler, Galeristen, Sportler, Geschäftsleute … eigentlich ein Fest. Am schönsten in dem Moment, als ein Komponist sich an den Flügel setzt und Musik improvisiert: ein Klavierkonzert des Augenblicks.

Ich treffe mich mit der Theatergruppe MANI, die schon mit großem Erfolg im Theater Mühlheim an der Ruhr 2008 aufgetreten ist. Gegründet 1994 hat sich die Gruppe dem experimentellen Theater verschrieben und 21 eigene Dramen produziert; ist in zehn nationalen und internationalen Festivals aufgetreten (Fotos verschiedener Produktionen unten). Sie arbeiten zur Zeit an einem Stück für das Teheraner-Theater-Festival im Februar 2011.
Wie kommt ihre Arbeit zustande? Es gibt einen Festivalleiter. Ihm muss man das Script und die Inszenierungsidee einreichen. Dann zahlt er eine Fördersumme für die Einstudierung. Die Generalprobe wird zu einer „Abnahme“. Geht es so? Geht es nicht? Geht es mit Änderungen? Welchen Änderungen? In diesem Fall kommt eine zweite Abnahme – und dann wird die Produktion ins Festival aufgenommen – oder eben nicht. Für den Auftritt innerhalb des Festivals gibt es dann ein Honorar. So arbeiteten sie. So leben sie. Finanziell ist das Theater ein Hungergeschäft, aber ein Publikumsmagnet.

Geld kann man durch Film- und Fernsehproduktionen verdienen. 70 Filme werden in diesem Jahr im Iran produziert. Können das alles Propaganda-Schinken sein? Nein, auf keinen Fall. Es gibt hervorragende Filme, aber ihr Zustandekommen ist stets ein Risiko.

Am Dienstag das Gespräch beim Außenminister Manouchehr Mottaki: Und wieder werden wir vorstellig wegen der inhaftierten Journalisten aus Deutschland. Und wieder gibt es Versprechen, die aber nicht eingehalten werden. In dieser Situation entsteht unser Brief an den Parlamentspräsidenten. Brief (PDF)

Am Abend holen mich zwei Studenten ab. Wir gehen ins Stadttheater. „Hamletmaschine“ von Heiner Müller, übersetzt und inszeniert von Nasser Hosseini-Mehr. Für zwei Wochen auf dem Spielplan im Kellertheater des großen Repräsentativ-Baus aus der Schah-Zeit.

Eine dunkle Werkstattbühne für 250 Zuschauer. In der Mitte auf dem Podest ein Glaskasten. Die Protagonisten: König, Königin, Polonius und Ophelia kommen aus Falltüren, die im schwarzen Boden eingelassen sind. Sie tragen Shakespeare-Kostüme mit Versatzstücken von heute. Ophelia stöckelt auf schrill-roten Stiletto-Pumps einher. Selbstzufrieden hocken sie am Anfang, wenn die Zuschauer in den dunklen Raum kommen, beim Hochzeitsschmaus. Gelächter erfüllt sie alle. Ihnen ist ein Coup gelungen. Sie sind an der Macht. Dann stürzt aus einer der Klapptüren Hamlet mit Harnisch und Schwert.

Fotos der Inszenierung © Mehdi Ashena / König Claudius: Gholamhosein Bahrami / Hamlet: Razgar Khateri (oben links, unten) / Ophelia: Bahar Katozi (oben rechts)

Was schreit er?
„Ich spiele Hamlet. Dänemark ist ein Gefängnis… something is rotten in this age of hope…”
Ein großer Theaterabend. Ein atemloses junges Publikum.

Hinterher treffe ich Nasser Hosseini-Mehr mit seinem Ensemble im Flur vor den Garderoben. Sie freuen sich über den „internationalen Besuch“. Sie kämen gern nach Berlin. Warum sie ausgerechnet Heiner Müller jetzt in Teheran aufführen? Warum ausgerechnet jetzt nicht?

Am nächsten Tag geht es nach Qom, der heiligen Stadt, der Stadt, von der die Revolution ausging. Für den frühen Morgen war nochmal ein „Briefing“ im Außenministerium vorgesehen. Auf dieses verzichteten wir bewusst. Was sollte uns da Neues erzählt werden? Was sollten wir uns zum x-ten Mal wieder anhören? Für uns galt jetzt das Versprechen: am 21. Oktober erhalten die Inhaftierten konsularische Betreuung. Und für uns galt außerdem: wir würden die Gespräche in Qom nutzen, um auf unser Anliegen in dieser Angelegenheit überall aufmerksam zu machen. Auf die Weiterreise nach Isfahan verzichteten wir. Wir wollten uns am Tag der versprochenen konsularischen Betreuung der beiden Inhaftierten in Teheran aufhalten, in der Nähe des Parlaments, um handeln zu können – so oder so.

Die Fahrt war erstmal eine Ausfahrt aus dem Moloch Teheran Richtung Süden. Eine zersiedelte Mega-Baustelle, in der 16 Millionen Menschen leben, wo offenbar jeder, der sich ein Stück Boden aneignen kann, bauen darf was er will und wie er will. Hochhäuser, Mickey-Mouse-Appartements wie aus Disneyland, Shopping-Malls, Supermärkte, Werkstätten, kleine und große Fabriken, ein städtebauliches Chaos. Entlang der Stadtautobahn allerdings neuangepflanzte Grünanlagen, bewässert und gepflegt, kleine Oasen neben dem achtspurigen Autoverkehr.

Nach dem Moloch kommt ganz schnell die Wüste. Hügelig, dünig, sanft gewellt der endlose Sand – und dann Qom. Und Qom ist wie ein verkleinertes Teheran mit vielen Moscheen. Auch hier Neubauviertel, Baustellen, Verkehrsströme.
Eines fällt sofort auf: während in Teheran die Frauen ganz unterschiedlich gekleidet waren, viel H & M bis Calvin Klein – sind hier alle bodenlang im schwarzen Shador verhüllt, alle. Ein sonderbares Straßenbild ergibt das: die Männer in Jeans und Hemden, T-Shirts, Anzügen – die Frauen alle vollkommen schwarz verhüllt. Wie Gespenster.

In Qom herrschte Hochstimmung. Seit zwei Tagen schon ist Revolutionsführer Ayatollah Khamenei in der Stadt – seit drei Jahren zum ersten mal. Und zwar mit einem klar veröffentlichten Ziel: die Geistlichkeit auf die Linie der Regierung einzuschwören. Das ist in allen Zeitungen zu lesen, das wird in den Fernseh-Nachrichten ganz offen dargelegt. Der Revolutionsführer wurde am Ankunftstag von Abertausenden begeistert begrüßt.
In der Stadt herrscht eine Art „Kirchentagsstimmung“ – ein Personenkult ohnegleichen prägt Straßen, Plätze, Hausfassaden. Überall überlebensgroße Plakate der Geistlichkeit. Man bewegt sich in einem Portrait-Wald.

Unsere erste Anlaufstelle ist das Imam Khomeini Institut für Wissenschaft und Forschung, eine Gründung von Wissenschaftlern und Geistlichen. Dort wird zunächst das „Briefing“ des Außenministeriums nachgeholt, das wir in Teheran abgesagt haben. Nach der Devise, das lassen wir mit uns nicht machen, hören wir wieder „Grundsätzliches“. Dann wird uns das geistliche Ratskollegium vorgestellt, darunter ein amerikanischer Professor deutscher Abstammung, der seit Jahren in Qom lebt und uns versichert, wie frei er über das Christentum lehren und forschen kann an diesem Institut.

Danach fahren wir weit an den Stadtrand, direkt bis an die ersten Wüsten-Dünen zur noch teilweise im Bau befindlichen Universität der Religionen und Konfessionen. In einem klassenzimmerartigen Vorlesungsraum treffen wir ein Dutzend ganz junger Shador-Frauen, die uns erklären, dass sie Theologie studieren – und Ayatollah könnten auch Frauen werden – nur Großayatollah nicht. Zwischendurch weist man uns auf die Zahl der studierenden Frauen im Iran hin: sie liegt jetzt bei knapp über 50%. „Wir müssen demnächst über eine Männer-Quote nachdenken“, erklärt der Universitätspräsident.

Am Nachmittag dann, mitten in Qom, in einer Seitenstraße, in einem unscheinbaren Eckgebäude, der Besuch beim Großayatollah Makarem Shirazi. Über ihn war am gleichen Tag in der Süddeutschen Zeitung zu lesen:

„Erst im vergangenen Monat hatte Ayatollah Nasser Makarem Schirasi, einer der führenden Kleriker Ghoms, der Regierung vorgeworfen, über die Wirtschaftslage zu lügen. So würden Statistiken über den Rückgang der Inflation veröffentlicht, die dem widersprächen, was die Menschen mit eigenen Augen sähen.“

Von ihm stammen auch die Appelle, die Demonstrationen nach der Wahl 2009 umsichtig und verständnisvoll zu sehen.
In einem mittelgroßen Raum steht ein mit weißem Tuch verhängter Sessel. Rechts und links davon die Stuhlreihen für uns, Frauen auf der einen, Männer auf der anderen Seite. Man lässt uns durchaus warten und es wird darauf hingewiesen, dass wir unsere Kopftücher so zu tragen hätten, dass keinerlei Haare sichtbar würden.

Der Großayatollah ist ein kleiner, alter, fragiler Herr, der dann ganz schnell von zwei Bodyguards herein geleitet wird.
Es wird natürlich kein Gespräch. Es kann auch gar keines werden. Ein hoher islamischer Geistlicher, „Quelle der Nachahmung“ genannt von seinen Millionen Anhängern und fünf wissbegierige Abgeordnete aus Deutschland.
Werte, Werte, Werte. Darum geht es in fast jedem Satz. So unterschiedliche Werte wie Revolution und Freiheit, Glauben und Wissenschaft, Kultur und Natur… das Beharren auf einer eigenständigen Lebensweise auf dem Fundament einer 4000-jährigen Kultur, die lange vor dem Islam Werte gesetzt hat, die man heute noch als verteidigungswert erachtet…
Claudia Roth macht einen Versuch der Unterbrechung: Wenn es um Leben im Einklang mit Kultur und Natur geht, wie kann ein Land dann auf die Atom-Technologie setzen? Darauf gibt es natürlich keine Antwort. Während auf unser Anliegen, die beiden inhaftierten Journalisten betreffend, versichert wird, man werde sich dafür einsetzen. Und zwar gleich, denn man sehe den Revolutionsführer noch an diesem Abend…
Dann sind wir auch schon mit einem milden Lächeln entlassen.

Dieses Engagement wiederholt sich in der großen Bibliothek des Ayatollah M. Marashi, einer Schatztruhe von Handschriften, Miniaturen und Schriften aller Jahrhunderte.
Mitten in die Erklärungen des Bibliothekars kommt Ayatollah M. Marashi, Sohn des Bibliotheksgründers und Stifters. Auch er hat von unserem Anliegen gehört – und verspricht, es beim Abendgespräch mit dem Revolutionsführer anzusprechen. „Wann reisen Sie zurück?“, fragt er. „Morgen Nacht, wenn die Landsleute konsularisch betreut werden. Wenn nicht…?“ „Ich werde versuchen, zu helfen.“

Draußen auf den Straßen herrschte ein Betrieb, eine Hektik, ein Geschäfts- und Einkaufsleben wie auf einem Rummel. Bunte Lichterketten überall. Männer mit ihren Shador-Frauen auf Mopeds. Ohne Festhalten geht das gar nicht. So viele junge Leute, Familien, Kinder, eine turbulente Abendstadt war dieses Qom. Hellerleuchtet die Moscheen – und überstrahlend alles der Versammlungsort, wo der Revolutionsführer vor der Geistlichkeit und zigtausend Männern und Frauen seinen Stunden-Monolog hält – von mittags bis in die Nacht. Tausende lauschen einer Stimme. (Das Ganze wird jeden Tag live im Fernsehen übertragen.) In der Stadt selbst aber Trubel und Lärm.

Donnerstag: Abreisetag

Wartetag. Wartetag in der Botschaft, um Kontakt halten zu können mit dem Botschaftsvertreter in Täbris. Am Nachmittag kommt dann die erlösende Nachricht. Den beiden geht es gesundheitlich gut. Nun können die weiteren Schritte in die Wege geleitet werden: anwaltliche Betreuung als nächstes.
Nachts fliegen wir zurück.

Und hier nochmal meine persönliche Begründung, die ich schon zu Beginn der Reise formuliert habe – für all‘ jene Fragesteller und Fragestellerinnen, die die Reise als „Jubelreise“ kritisieren, was sie zu keinem Zeitpunkt war oder „Stabilisierungselement des Regimes“ was vollendeter Unsinn ist… Wer wirklich glaubt, dieses Regime bräche zusammen, wenn wir alle fernbleiben und weitere Isolation um sich greift, der irrt gewaltig.
Also, ich bleibe dabei: es war eine wichtige und richtige Reise gerade in dieser Zeit. Denn – Wann wird Auswärtige Kulturpolitik besonders wichtig?
Wenn es außenpolitisch schwierig ist. Wenn sich die internationalen Beziehungen verschärfen. Wenn Bedrohungen ins Spiel kommen. Wenn gegenseitig Angst herrscht. Wenn zu befürchten ist, dass die Diplomatie abgelöst wird von Sanktionen, Drohgebärden und schlimmstenfalls das Mittel kriegerischen Handelns als ‚Lösung‘ erscheint.
Wann kann die Arbeit eines Ausschusses für Auswärtige Kulturpolitik wichtig werden? Im beschriebenen Fall.
Und was können Abgeordnete eines solchen Ausschusses vielleicht leisten?
Gespräche vor Ort führen, Erfahrungen vor Ort sammeln, sich ein zumindest der Realität nahes Bild verschaffen.

Das haben wir fünf Mitglieder des Unterausschusses Auswärtige Kulturpolitik in dieser Woche versucht: Günter Gloser (SPD), Claudia Roth (Bündnis90/Die Grünen), Dr. Peter Gauweiler (CDU/CSU), Prof. Monika Grütters (CDU/CSU) und ich (Foto: v.r.n.l., bei unserer abschließenden Pressekonferenz in der Deutschen Botschaft).