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Reise mit dem Unterausschuss Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik nach Frankreich

8. bis 12. Oktober 2012 – Programm

Tagebuch – Die Frankreich-Reise im Rückblick

Unser erster Tag in Paris ist der Tag, an dem das Parlament über den Fiskalpakt entscheidet. In jedem Bistro ist die Live-Übertragung zu sehen. Vor allem während der Rede von Staatspräsident Hollande scharen sich Gruppen Interessierter vor den Bildschirmen. Eine große Mehrheit wird es geben, weil Opposition und Regierung in diesem Fall zusammengehen. Die Frage ist: wie viel Dissidenten hat Hollande in den eigenen Reihen. Es sind dann 20, mehr als prognostiziert.

Wir treffen mit der Botschafterin Marianne Wasum-Rainer und ihrem Stab im Konferenzsaal der Deutschen Botschaft zusammen. Hoch oben im 6. Stock des hässlichen Betonklotzes (Foto) gegenüber vom Architektur-Mirakel Grande Palais – ausgerechnet! Dass je solch‘ ein Bauwerk genehmigt wurde in dieser Umgebung, bleibt ein Rätsel. Es ist natürlich nur ein Seitenaspekt, aber in diesem Saal holt uns die Vergangenheit auf besondere Weise ein. An der holzgetäfelten Wand sind die Foto-Portraits aller deutschen Botschafter aufgereiht. Das heißt: nicht aller. Die Zeit beginnt mit 1950. Alles, was davor war, ist abgehängt. Eine ganze Reihe schwarzer Schattenrahmen ist zu sehen – und die Nägel, an denen die Fotos mal aufgehängt waren. „Wir haben nichts bewertet, wir haben einfach einen Zeitschnitt gemacht“, sagt die Botschafterin. Leider hat niemand fotografiert – es wäre ein Material-Bild für Boltanski geworden, da bin ich mir ganz sicher.

Zum deutsch-französischen Verhältnis äußert man sich optimistisch. Am 3. Oktober erschienen 12 Mitglieder der Regierung zum offiziellen Empfang der Botschaft.

Am Nachmittag Termin bei Madame George Pau-Langevin, der Staatsministerin für BILDUNGSERFOLG. Das ist ein Unterministerium im großen Bildungsministerium, das sich vor allem mit Bildung und Integration auseinandersetzt. Ein Novum, typisch für die Politik der Sozialisten. Madame Pau-Langevin kommt von Guadeloupe, hat ein Doppelstudium absolviert: Moderne Literatur und Bürgerliches Recht, verheiratet, 3 Kinder, Rechtsanwältin, seit 2007 Pariser Abgeordnete. Sie spricht von den Erwartungen an die Möglichkeiten der Bildung: Chancengleichheit für möglichst alle Kinder; der Staat in der Verantwortung Benachteiligungen auszugleichen. Sie erwähnt einen neuen Aspekt frühkindlicher Bildung: eine große internationale Fachtagung hat gerade dringend empfohlen, dass wieder viel mehr geschrieben werden muss, Schreiben geübt werden muss – in den Anfangsjahren.

Am Abend dann Empfang in der Residenz der Botschafterin im Palais Beauharnais, einer der schönsten Orte in Paris. Unter den vielen Gästen auch Alfred Grosser: schnell, präzise im Urteil wie stets.

Der zweite Tag beginnt in der Deutschen Schule in Saint-Cloud. Es ist die alte Erfahrung: wären bloß alle unsere Schulen in Deutschland so gut wie die Auslandsschulen! Und dies, obwohl ein erschreckender Trend festzustellen ist: die Zahl der aus Deutschland kommenden Lehrer nimmt ab. An dieser Schule ist das Verhältnis: 9 Entsandte zu 42 Ortskräften. Die Schüler beklagen es bitter. Nicht weil die Ortskräfte schlechte Lehrer wären – aber ein deutscher Lehrer kann einen ganz anderen Bezug zum Pensum herstellen. Die Schule setzt ihr Profil aufs Spiel. Aber es ist gewollte Politik, weil kostensparend. So werden einmalige Einrichtungen langsam ihrer Substanz beraubt. Eine Lektion über das „Sparen am falschen Ende“.

Bordeaux, 11. Oktober

Kurz vor Mitternacht waren wir am Vortag mit dem TGV aus Paris angekommen. Der große Bahnhof völlig dunkel und menschenleer. Wartende Züge auf ihren Gleisen: Abfahrtzeiten 4.50 Uhr, 4.55 Uhr, 5.01 Uhr…

Unser Tag beginnt um 8.30 Uhr in der Mairie, dem Rathaus, einem Schloss im Grunde mit riesigem Vorhof, Seitenflügeln, Park. Hier regiert nun wieder Alain Juppé, Minister in fast allen bürgerlichen Regierungen und immer wieder Repräsentant der Stadt Bordeaux. Ihm verdankt sie ihr leuchtendes Erscheinungsbild: heller Stein der Häuser und Paläste, glanzvoll die Boulevards und Parks, dazwischen eine moderne, leise, schnelle Tram. Ein Weltkulturerbe-Schatz die Innenstadt an breiten Flussufern…

Alain Juppé lässt sich entschuldigen, Sonia Dubourg-Lavroff, Beigeordnete der Stadt Bordeaux, Generalinspekteurin des französischen nationalen Bildungs- und Forschungswesens vertritt ihn – eine dieser eleganten politischen Spitzenfrauen, wie man sie stets in Frankreich trifft. Und gleich hat sie eine Lektion für uns parat zum Verhältnis Bordeaux-Paris. „Sie sind in einer Region, die immer ihre eigene Rolle gespielt hat: Fast drei Jahrhunderte unter englischer Herrschaft waren wir in Gegnerschaft zu Paris und dann während der Revolution – von hier kamen die aufrührerischen Girondisten – Sie erinnern sich sicherlich… Und so ist es bis auf den heutigen Tag geblieben: eigenständig sind wir in vielem. Heute setzen wir vor allem auf Bildung, Wissenschaft, Kultur. 100.000 Studenten hat die Stadt. Die machen sie jung, lebendig, zukunftsorientiert…“

Das erleben wir Stunden später bei einer Diskussion im Institut d’Etudes Politiques. Deutsch- und französischsprachige Studenten hatten das Thema ausgewählt „Europa und die Euro-Krise“. Der Vorlesungssaal war voll bis auf den letzten Platz, viele Professoren anwesend, Simultan-Übersetzungen. Der Delegationschef Gauweiler und ich als Referenten von „Impuls-Statements“. Moderiert wird die Diskussion vom Journalisten und Dozenten Karsten Kurowski. Das Auditorium kommt aus dem Staunen kaum heraus. Positionen von Gauweiler und der Linken zur Euro-Krise, Klartext. „Wo bleibt bei Ihnen das Positive, die Hoffnung für uns Junge?“ fragt ein Student. Wir mühen uns redlich unsere Vorstellungen von einem „anderen Europa“ – sozial und politisch ausgerichtet, und nicht vor allem auf eine Währungsunion fixiert – deutlich zu machen. Am Schluss tröstet Gauweiler die zuhörende Jugend: „Was Sie hier gehört haben sind Außenseiterpositionen. Verwechseln Sie diese nicht mit der Mehrheit des deutschen Parlaments. Da sind 90% anderer Meinung – und werden auch entsprechend weiterhin handeln, also keine Angst!“ Stürmischer Beifall.

Danach treffen wir den Recteur de l‘ Académie Nembrini im Goethe-Institut. Er ist u.a. der „Vater“ des deutsch-französischen Geschichtsbuchs. Dazu Wissenschaftler, Künstler, Politiker der Region Aquitanien. Sie berichten von der Vielzahl der Festivals, der Buch-, Film- und Medienprojekte. Ein „Reichtum der Provinz“, der mit dem Mythos aufräumt, im „zentralistischen Frankreich“ habe Paris das Kultur-Monopol. Der Leiter des Goethe-Instituts Paris, Umlauf präsentiert auch Zahlen zu den aktuellen Kürzungen der sozialistischen Regierung im Bereich Kultur und konstatiert: „Nicht mehr finanziert werden die Prestige-Pläne von Sarkozy: Museum der Geschichte, Museum der Fotografie, beides Paris. Ansonsten müssen 0,8 % der Budgets eingespart werden. Alle wichtigen Projekte, Festivals etc. sind kaum betroffen.“ Dafür „von deutscher Seite“ das Goethe-Institut in Frankreich. Am Abend wir die langjährige, in der Region sehr verehrte Leiterin des Instituts in Bordeaux verabschiedet. Ihre Stelle wird nicht neu besetzt. Die übrigen Mitarbeiter müssen die Arbeit mit übernehmen. Das ist „unsere“ Kultur-Realität in Bordeaux.