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Tagebuch, Wien, 11. bis 13. Oktober 2013: Jubiläumskongress im Burgtheater

„Happy Birthday, altes Haus“. So fing es an. Mit einem Gruß des jetzigen Burgtheater-Direktors Matthias Hartmann. Seit 125 Jahren steht nun dieser Palast in der Mitte Wiens – und damit in der Mitte jener grenzüberschreitenden Region, die Deutsch spricht, versteht, liebt in Europa. Die schönste, größte und sprachmächtigste Bühne, die wir haben: Und von der wir auch immer wieder träumen, träumen dürfen…

Mythos – ja, war, ist und bleibt es, dieses Theater für das Theater. Klaus Maria Brandauer hat es am Freitag gesagt: „Wir haben da nicht viel Neues. Wir Theaterleute. Physiker, Chemiker, Ärzte, Ingenieure sind da anders dran. Wir aber – seit Tausenden Jahren das Gleiche: Leben und Tod, Liebe und Hass, Krieg und Frieden, Neid und Gier, Schönheit. Das haben wir. Das ist nicht neu – es sei denn – wir machen es dazu.“ Und Claus Peymann kam mit 13 weißen Rosen auf die Bühne – für die 13 Jahre seiner Intendanz – ließ den ersten, den zweiten und dritten Vorhang hochziehen – „damit wir die Größe des Raums spüren können“ und beschwor „die Stimmen des Hauses“. Wer hat hier alles schon gesprochen in diesen letzten 125 Jahren?!? Sind diese Stimmen noch da? Die können doch nicht verschwunden sein – weg. Nichts verschwindet doch ganz und gar. Also, was sagen sie uns heute noch? Frage natürlich offen. Und auch nicht. Vor Peymann sprach Robert Alföldi, Schauspieler, Regisseur – bis Juni dieses Jahres Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, dann von der Regierung Orbán geschasst. „Ich bin Ungar – ich mache Theater seit ich denken kann – nie hat mich bisher jemand zensiert – nun musste ich mein Theater, mein Ensemble verlassen. Vom Traum des Theaters kann ich Ihnen nichts erzählen – ich werbe um Solidarität für die Freiheit des Theaters – in Ungarn, gar nicht weit weg von diesem glänzenden Palast in Wien.“ Matthias Hartmann will demnächst ungarische Theaterwochen in Wien veranstalten – mit Alföldi und seinen Leuten, aber auch mit der neuen Truppe des regierungsgenehmen Nationaltheaters. „Dann können wir mal sehen, worum es geht.“ Bitte, machen Sie das, sagt der Gast aus Budapest. „Wir zu Hause können das nicht mehr – wir werfen Teller, wenn wir uns treffen, und Messer!“
Traum und Solidarität. Mythos und Alltag des Theaters und das ist des öffentlichen, politischen wie privaten Lebens.

Am zweiten Tag diskutieren Schauspieler über ihre Albträume. Am besten gefällt mir der, von dem Michael Maertens erzählt: Er steht auf der Bühne und spielt und spielt und das anfangs volle Haus leert sich. Immer mehr Zuschauer verlassen das Theater, er versucht dagegen anzuspielen wie verrückt – alles vergebens. Schließlich sitzen nur noch seine Eltern im Parkett – und sehen ihn an…
Dann lehrt uns der Philosoph Franz Schuh den Unterschied zwischen „Verstellen“ und „Verwandeln“. Verwandlung – das ist das Theater, die Kunst seit 2500 Jahren. Aus etwas, etwas anderes machen. Und übrigens: um die Welt zu verstehen muss sie „dargestellt“ werden. Die tiefen Schichten der Kunst des Schauspiels werden offenbar. Und noch einmal geht es um die Träume. Tagträume, Nachtträume, Wachträume. Und der Satz fällt: Wer von Träumen erzählt träumt nicht.

Sonntag, der „offizielle Tag“ mit Bundespräsident Heinz Fischer und Bundesministerin für Kultur, Claudia Schmied. Eine schöne kurze Rede von ihr mit der Anrede „Geliebtes Ensemble“. Welcher Minister welche Ministerin würde das bei uns über die Lippen bringen „Geliebte Schauspieler“ – ja, so ist halt Wien. Die Festrede hielt György Konrád – in diesem melodischen Deutsch, das die Ungarn sprechen können – und nur sie. Und es ging um die Freiheit der Kultur und die so ganz und gar schwierige, aktuelle Frage: „Wie schützt man die Freiheit in einer demokratischen Gesellschaft?“. Ja, bitte aufhorchen! Die Freiheit muss geschützt werden in nicht-demokratischen Gesellschaften – aber Demokratie (Wahlen, politischer Wechsel) allein garantiert Freiheit nicht – das erleben wir zur Zeit schmerzhaft in vielen Ländern – Ungarn ist eines davon. Also, wie schützen wir Freiheit in Zeiten der Demokratie? Durch Einforderung, durch kulturelles Handeln, durch Solidarität mit jenen, die bedroht sind, mundtot gemacht werden, arbeitslos werden… Wenig ist das – wir müssen lernen, hier überhaupt anzusetzen.

Am Schluss lasen dann Johanna Wokalek, Barbara Petritsch und Petra Morzé eine Grußbotschaft von Elfriede Jelinek. „Es ist Sprechen und aus.“ Sprechen. Worte. Füreinander. Für uns und andere. Sprechen, das, was wir seit tausenden Jahren haben – und behalten wollen. Bitte.

„Sprich zu uns!“ heißt es im „Hamlet“, der dann am Abend in der neuen Aufführung von Andrea Breth im Burgtheater gezeigt wird. Oder auch „Hamlet, sprich nicht weiter! Hör auf!“ Die Qualen, die Ängste, die Intrigen, die Macht, die Liebe, die Hoffnung, die Verzweiflung, der Wahn, der Tod… 6 Stunden dann auf der Bühne – das „geliebte Ensemble“, August Diehl als Titelfigur. Man möchte am liebsten ins Burgtheater einziehen und dort bleiben. Schlafen – vielleicht auch träumen – vom Theater träumen und damit über das Leben hinausschauen und -hören. Worte. Sprechen. Aus.