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Und zum Schluss: ein Interview mit der Thüringer Allgemeinen

 Birgit Kummer von der Erfurter Lokalredaktion befragte mich zu meiner Beziehung zu Erfurt, meiner politischen Arbeit und meinen Zukunftsplänen. Den Artikel können sie HIER aufrufen, wenn Sie gesamte Interview sehen möchten dann

Für Lukrezia  Jochimsen (77) endete mit der Bundestagswahl ihr Mandat, ihre Zeit als  Kulturpolitische Sprecherin  der Linken und als Abgeordnete für Erfurt und Weimar. Birgit Kummer sprach mit der Politikerin, die Autorin, Fernsehredakteurin, ARD-Korrespondentin in London war und  später Chefredakteurin des Hessischen Rundfunks. Seit 2005 saß sie für die Thüringer Linke im Bundestag.

Welche von Ihren sehr verschiedenen Lebensperioden würden Sie hervorheben?

Interessanterweise hat eine auf den anderen aufgebaut. Als ich 2005 in der Politik anfing, dachte ich noch, ich wechsele  die Seiten. Mittlerweile reflektiert die eine Seite die andere auf eine Art, dass ich manchmal denke, ich bin in einem Spiegelkabinett. Vor allem im politischen Journalismus.

Wann waren Sie das erste Mal in Erfurt?

1979/80 habe ich für die ARD einen Film gedreht  über den 8. März in der DDR.  Kinder, Familie, Beruf, geht das unter einen Hut oder bleibt es Utopie? Das hat mich interessiert. Seither habe ich eine ganz spezielle, intensive Nähe zu Erfurt. Und zu einigen Frauen von damals immer noch Kontakt.

Wann haben Sie die Beziehung zur Stadt intensiviert?

2002, als ich als unabhängige Kandidatin der Linken Gabi Zimmer im Thüringer  Wahlkampf unterstützte. Und dann ab  2005, als es um die Thüringer Liste für den Bundestag ging.

Trotzdem sind Sie in Weimar weit mehr in Erscheinung getreten als in Erfurt.

Das stimmt. Ich halte nichts von künstlichen Themensetzungen. Sondern schaue immer, was der Ort an Themen und Bezügen bietet. In Weimar war und ist es der nationale Kontext der Kultur.

Und in Erfurt?

Waren es sehr unterschiedliche Bereiche. Das Thema des Films von 1972 haben wir hier wieder aufgearbeitet. Wir haben in dieser geschichtsträchtigen Stadt eine Debatte geführt über „Gott und die Linke“ – im Augustinerkloster, der Neuen Synagoge, mit der katholischen Kirche. Wir haben uns mit dem Erfurter Programm der Sozialdemokratie befasst. Und im Kunsthaus nach dem Neonazi-Überfall eine Veranstaltung organisiert. Auch bei „Topf und Söhne“ fand eine Veranstaltung statt.

Was bedeutet die Stadt für Sie?

Sie hat einen einmaligen Charakter schon durch die mittelalterliche architektonische  Geografie. Sie erinnert mich an das alte Nürnberg meiner Kindheit, von dem aber nicht mehr viel steht. Erfurt hat einen großen kulturellen Reichtum, der auch die jüdische Kultur umfasst. Ich finde, die Stadt kommuniziert das alles  noch zu verschämt. Anders als Weimar, wo es ein ausgeprägtes kulturelles Selbstbewusstsein gibt. 

Mehr Mut?

Genau.. Denn das Pfund, mit dem Erfurt wuchern kann, ist groß. Das Interesse von außen wächst stetig, die Stadt füllt sich, ist ausgebucht.

Sie sind Erfurt-Botschafterin?

Ja. Überall, wo ich bin, rühre ich die Trommel für die Stadt.

Kultur ist Ihr Spezialgebiet.  Kultur kostet viel Geld. Wie argumentieren Sie?

Thüringen darf sich um Gottes willen nicht dafür  kritisieren lassen, dass es für Kultur vergleichsweise mehr ausgibt  als andere Länder. Im Gegenteil. Es ist das Kernland der Kultur. Und alles, was in Kultur investiert  wird, schafft wieder Geld. Zum Tag der deutschen Einheit  gab es vor Jahren eine Plakatkampagne, viele Bundesländer warben mit Kultur, Thüringen warb mit Klößen. Nichts gegen Klöße, aber das war der falsche Akzent.

Sie sagen jetzt der Politik und auch Erfurt Adieu. Wie geht es weiter?

Ich will wieder mehr schreiben, arbeite an  meiner Autobiografie. Dazu bin ich länger  nicht gekommen.  Meinen Mann habe ich mehr  Zeit versprochen, wir wollen gemeinsam reisen. Eine schwere Erkrankung  hat  mir  außerdem bewusst gemacht, dass ich besser auf mich achtgeben muss.

Ihr Büro in Erfurt…

…übernimmt Martina  Renner.

In der Schotte wurden Sie  von Weggefährten wie Peter Sodann und anderen  verabschiedet.

Es war ein bewegender Abend, den wir Salvador Allende gewidmet haben.  Mit der chilenischen Demokratie ist es wie mit der Weimarer  Republik, sie werden nur vom Ende her gedacht, ihr Scheitern ist Thema. Aber wie großartig und visionär die Anfänge waren, auch darauf  wollten wir aufmerksam machen. Auf den Lauf von Geschichte.

Raten Sie jungen Leuten, in die Politik zu gehen?

Ja, unbedingt. In einem Film von Truffaut sagt ein Mann auf die Bemerkung einer Frau, dass sie sich nicht für Politik interessiere: Dann macht die Politik mit dir, was sie will. So ist es.