Zum Menü zum Inhalt

Tagebuch, 30. September 2013

Die Woche nach der Wahl bestand aus lauter Abschieden. Es gab noch eine gemeinsame Fraktionssitzung am Dienstag, den 24. September, gewohnte Zeit, gewohnter Saal – alte und neue Kolleginnen und Kollegen, die, die ausscheiden, die, die bleiben. 64 sind das nun! Stürmisch gefeiert haben wir alle Gregor Gysi, dem das Ergebnis dieser Wahl zu danken und zu danken und zu danken ist.

Am Abend des selben Tages verabschiedete er dann 22 Frauen und Männer – zum Teil seit 1990 dabei. So viele Talente, so viel Wissen, Können, Erfahrung. Ost wie West. Mir schien, als wolle der Abschied gar nicht mehr aufhören. Aber dann war natürlich doch alles vorüber: Lachen, Tränen, Geschenke, die Mut machenden Worte: „Wann immer ihr euch meldet – wir sind für euch da.“ Nach diesem Abschied folgten die individuellen Abschiede, das „kleine Auseinandergehen“ sozusagen…

Und es gibt so viel aufzuräumen, man glaubt ja nicht, was sich in acht Jahren alles in einem Büro ansammelt. Mit dieser Aufgabe werde ich noch im Oktober beschäftigt sein. Jetzt fahre ich erst einmal für ein paar Tage nach Venedig und nach Wien, wo das Burgtheater ein Symposium veranstaltet unter der Frage: „Gibt es das Theater, wovon wir träumen?“ In Wien wahrscheinlich schon. Wir werden sehen.

Ein politischer Gedanke beschäftigt mich in diesen Abschiedstagen, die Frage „Gibt es Wahlversprechen 1. und 2. Klasse? Welche können ‚gebrochen‘ werden – und welche nicht?“
Die SPD hat zwei Versprechen in diesem Wahlkampf geleistet. Das erste hieß: „Wer uns wählt, wählt Merkel ab.“ Und das zweite lautete: „Wir koalieren nicht mit der Linken, auch wenn es rechnerisch mit Rot-Rot-Grün gelingen würde, die jetzige Regierung abzulösen.“

Und was passiert jetzt?
Während das zweite Versprechen eisern eingehalten wird gibt es die Überlegungen für eine Koalition SPD-CDU/CSU überall, wohin man hört.
Wie nun? Der Wähler, die Wählerin, die SPD gewählt haben, um Merkel abzulösen, wacht nun eines Morgens auf und erlebt die Partei ihrer Wahl als Regierungs-Hebamme, als „Steigbügelhalter“ für die Monarchin hoch zu Ross. Das ist dann kein gebrochenes Wahlversprechen, das ist verantwortungsvolle Politik, um des Erhaltens des Vaterlandes willen.

Glaubwürdigkeit 1. und 2. Kategorie – ein übles Spiel auch und besonders dann, wenn Umfragen eine Mehrheit der Nachwahl-Bevölkerung dafür ausmachen sollten.

Mitte Oktober komme ich noch einmal für zwei Wochen nach Berlin zurück – zum aufräumen.