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Erinnerungskultur

Deutsches Nationalkomitee für Denkmalschutz

Heute bin ich in Cottbus. Hier findet die 43. Sitzung des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz statt. Die Tagesordnung ist gespickt mit vielen interessanten Themen: z.B. die Städtebauförderung, „Denkmalschutz und Klimaschutz“, Vorstellung verschiedener Projekte und Workshops – und natürlich die Preisverleihung „Deutscher Preis für Denkmalschutz“…


Gedenken an den 9. November

Wie umgehen mit diesem Tag der deutschen schwarzen Rohheit?
Dem Signal, dem Anfang des nationalen Mordens? Ja, es gibt offizielle Veranstaltungen und Lektionen in den Schulen. Trotzdem ist der 9. November an vielen Orten in diesem Land eine leere Stelle, vielleicht sogar überdeckt vom anderen 9. November, dem Tag, als die Mauer fiel…

Für mich gibt es eine Stadt, die im Gedenken an den 9. November gewissermaßen mit sich eins ist: Frankfurt am Main. Dort hält das politische, kulturelle Leben gewissermaßen für drei bis vier Stunden den Atem an. Einerlei ob der 9. November auf einen Werk- oder Feiertag fällt, treffen sich hunderte Frankfurterinnen und Frankfurter mit der Oberbürgermeisterin, Parlamentariern, Journalisten, Künstlern, Unternehmern, Angestellten, Arbeitern, Schülern, Studenten … zu einer Gedenkstunde in der Paulskirche. Das ähnelt noch dem Üblichen, dem, was in manchen anderen Städten auch stattfindet. Danach aber geschieht Besonderes. Man geht oder fährt zusammen zur großen Synagoge in der Freiherr-vom-Stein-Straße. Diese Synagoge hat die Feuerwehr vor dem völligen Ausbrennen bewahrt, anders als die anderen Synagogen in Frankfurt am Main. Die Nazis haben sie dann bewusst stehen lassen, um sie nach dem Krieg, ihrem siegreichen Neubeginn im „judenfreien Deutschland“ zu einem antisemitischen Museum zu machen, einem Propaganda-Labor der Rechtfertigung und Abschreckung … in diese so „verschonte“ große Synagoge in der Friedrichstraße geht man – zum Totengebet, dem Kaddisch. Die Namen der Frankfurter Jüdinnen und Juden, die ermordet wurden, werden verlesen und die Orte ihrer Vernichtung – und dann stimmt der Kantor die Totenklage an. Das ist der Moment, in dem die eigene Haltung fast zusammenbricht – so überwältigend werden Schmerz und Scham…
Danach gehen alle wieder hinaus in den Alltag, in das Tagwerk, in die Normalität des jeweiligen 9. November.
Nun kann man sagen: einige hundert Frankfurter, vielleicht sogar tausend, was ist das schon in einer 700.000 Einwohner-Stadt? Der Alltag wird nur für Wenige unterbrochen. Dennoch war es stets und ist es nach wie vor ein unübersehbares Signal. Bürger der Stadt halten den Atem an, an diesem 9. November und alle sind eingeladen, sich anzuschließen.
Das andere ist: wenige Städte nur haben heute wieder eine Synagoge und eine jüdische Gemeinde. Und nur an solchen Orten ist es möglich dieses doppelte Gedenken zu begehen. Und das stellt uns vor die Frage: wie können wir überhaupt an den 9. November denken, wenn gar kein Dialog möglich ist zwischen uns und unseren jüdischen Mitbürgern. Die leeren Stellen in unserer Gesellschaft, die werden an diesem Tag besonders schmerzlich deutlich. Dokumentarfilme, alte Fotos, die Erinnerungen, in Büchern festgehalten, sind und bleiben da nur Hilfsmittel. Also, gibt es vielleicht nur eine andere Lösung. Jeden Tag und überall den Dialog suchen und aufnehmen,  wo er möglich ist. Wie meine Mutter immer zum Muttertag sagte: „Dieser eine Tag im Jahr, der ist mir zu wenig, der ist mir zu offiziell, zu oberflächlich…wollen wir nicht lieber versuchen miteinander jeden Tag gut auszukommen?“ Respektvoll, fair miteinander auskommen, Mehrheit mit Minderheit, – jeden Tag – das wäre eine Möglichkeit des 9. Novembers zu gedenken.


„Ich habe den Krieg verhindern wollen.“ Georg Elser

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Am 8. November war es endlich soweit. Johann Georg Elser bekam in Berlin sein Denkmal – von Rolf Hochhuth seit Jahren gefordert und jetzt von Berlin – Abgeordnetenhaus und Senat – realisiert.
Auch die Linksfraktion im Bundestag hat sich seit langem für dieses Denkmal engagiert. So in unserem Antrag vom 4. Juni 2008: Ehrung für Johann Georg Elser als gesamtgesellschaftliches Anliegen begreifen. Drs.16/9419

„… Die Ehrung von Johann Georg Elser, der am 8. November 1939 das gescheiterte Bombenattentat auf Adolf Hitler im Münchner Bürgerbräukeller verübt hatte und kurz vor Kriegsende am 9. April 1945 im KZ Dachau ermordet wurde, ist als ein gesamtstaatliches Anliegen zu begreifen. Nachdem der politische Widerstand von Kommunisten, Sozialdemokraten und anderen Bewegungen nach 1933 grausam zerschlagen wurde, markiert das Attentat von Johann Georg Elser lange vor dem 20. Juli 1944 den politisch-ethischen Aufstand eines Einzelnen gegen die Nazi-Diktatur.
Johann Georg Elser wurde während der gesamten Zeit der deutschen Zweistaatlichkeit in Ost und West aus unterschiedlichen Gründen kaum erwähnt. Noch heute ist er im öffentlichen Bewusstsein nicht präsent. Eine Ehrung mit vorher- gehender breiter gesellschaftlicher Diskussion würde die politische Kultur der Bundesrepublik Deutschland bereichern…“

Um 12 Uhr fand die feierliche Übergabe des Denkzeichens für Georg Elser in Gegenwart des Autors Rolf Hochhuth und dem Künstler Ulrich Klages statt.


Tagebuch: Fahrt durch die Stadt zum Gleis 17…

… Einen Teil dieses Weges müssen sie damals zu Fuß gegangen sein – die über 1000 Frauen und Männer vor 70 Jahren, zwischen ihnen ein paar offene Wagen der SS für die Kinder, Kranken und Schwachen. Immer am Straßenrand entlang – die lange Strecke durch so unterschiedliche Stadtviertel vom Zentrum ins vornehme Grunewald, dem Bereich mit dem höchsten Anteil jüdischer Mitbürger Berlins – damals!

Am 18.10.2011 trafen sich nun tausende Berliner an der Gleisanlage und Rampe. Tausende weiße Rosen säumten das Bahngleis. Ein bewegendes Symbol. Das gut passte zu den Gesängen und den Texten von Schülern – vorgetragen mit souveränem Ernst. Im Mittelpunkt die Erzählung von Inge Deutschkron, die als Mädchen den Tag erlebte und die Zeit danach überlebt hat. Lasst es uns festhalten, das Erinnern! Damit, damit vor allem – wie alle sagten, beschwörten, hofften und dachten , dass sich niemals mehr Gleiches oder auch nur Ähnliches ereignen kann.

Bitte Lesen und Weitersagen!


Fortsetzung: BILD berichtet falsch!

Gestern erreichte mich das Antwortschreiben des  Chefredakteurs der BILD-Zeitung, Kai Diekmann, betreffend der Berichterstattung zum Freiheits- und Einheitsdenkmal. Siehe dazu meinen Tagebucheintrag vom 18. April: Bild berichtet falsch!

Hier Kai Diekmanns Antwort.
Das kann auf keinen Fall unwidersprochen bleiben!
Hier können Sie meine heutige Reaktion lesen.


BILD berichtet falsch!

Am Freitag hat BILD seine Leser eingeladen, über das Freiheits- und Einheitsdenkmal abzustimmen – übrigens bei BILD heißt das Kunstwerk EINHEITS-DENKMAL. Punkt. Und oh Wunder, am Sonnabend hieß es groß aufgemacht auf Seite 2:
„Die überwältigende Mehrheit der BILD-Leser hat für den Entwurf ‚Bürger in Bewegung‘ von Johannes Milla und Sasha Waltz gestimmt. Es ist der gleiche Entwurf, für den sich auch der Kulturausschuss des Bundestages entschieden hat. WIR FINDEN DIESE OBSTSCHALE GUT!“

Und da berichtete BILD falsch:
Der Kulturausschuss hat sich nicht für den nun ausgewählten Entwurf entschieden. Ausdrücklich nicht! (Seine Entscheidung wäre übrigens auch nicht bindend.) Aber entscheidend ist nun mal, dass der Ausschuss keine Entscheidung gefällt hat – auch wenn der Kulturstaatsminister so tat, als würde das eine Ausschusssache sein.
Nein, die Verantwortung für den ausgewählten Entwurf tragen Rainer Bomba, Staatssekretär im Bundesbauministerium, das für die Wettbewerbsdurchführung verantwortlich war, und der Kulturstaatsminister.

Dem BILD-Chefredakteur, Kai Diekmann, habe ich heute auch folgenden BRIEF geschrieben.

Siehe auch noch einmal meine Presseerklärung „Denkmalsfarce“.


Die Denkmalsfarce

„Es ist eine demokratische Farce, wie der Kulturausschuss des Bundestages instrumentalisiert wird“, kommentiert Luc Jochimsen die Entscheidung von Kulturstaatsminister Bernd Neumann, über den Entwurf des Freiheits- und Einheitsdenkmals heute im Kulturausschuss abstimmen zu lassen. Die kulturpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE weiter:
„Da wird eine pseudo-parlamentarische Scharade im Hau-Ruck-Verfahren durchgeführt. Wochenlang hatte der Ausschuss vergeblich um einen Sachstandsbericht zum Verfahren gebeten – nun wird er vor vollendete Tatsachen gestellt und soll dabei auch noch als ‚Mitentscheider‘ fungieren.
Dabei steht die Entscheidung schon fest. Der Ausschuss wird zum Abnickgremium degradiert – ein schönes Beispiel von ‚Freiheits- und Einheitsdemokratie‘.“


Die Denkmalsfarce

Das neue Denkmal als Modell
Mit Rosi Hein im Kulturausschuss

„Verschaukelt“ überschreibt die Berliner Zeitung heute ihren ausführlichen Bericht über das Freiheits- und Einheitsdenkmal, das Kulturstaatsminister Bernd Neumann heute im Kulturausschuss vorstellen und dann gleich noch abstimmen lassen wird.
Und in der Tat verschaukelt komme ich mir vor. Seit Wochen haben wir Ausschussmitglieder um einen Sachstandsbericht zu diesem Millionenobjekt gebeten. Ohne Erfolg. Und nun heißt es plötzlich: Leute, es geht los! Und ich lade euch auch zur „Mitentscheidung“ ein! Heute also um 16.30 Uhr.
Dabei ist die Entscheidung längst gefallen – die Zeitungen beschreiben heute ausführlich die „Riesen-Wippe / Obstschale der Nation / Halfpipe de luxe / Berliner Bettpfanne / Teutonenschanze…“, für die sich der Kulturstaatsminister entschieden hat.
Warum will er die Mitentscheidung des Kulturausschusses überhaupt, die sowieso nicht bindend ist? Weil es so schön demokratisch aussieht – und er in Zukunft stets behaupten wird: „Die Entscheidung ist mit großer Mehrheit des Parlaments gefallen“. Was noch zu beweisen wäre – die Fraktion der Grünen und der Linken werden heute sicher im Ausschuss nicht zustimmen – wie die größte Oppositionsfraktion, die SPD, sich verhält bleibt abzuwarten.
Wie heißt es am Schluss des Artikels in der Berliner Zeitung so treffend: „Folgt jetzt kein nennenswerter öffentlicher Widerstand, dann verdienen die Deutschen nichts Besseres als diese belanglose Geschichtsschaukel.“

+++ Und hier meine heutige Pressemitteilung dazu: Die Denkmalsfarce +++

DER TAGESSPIEGEL: „Einheitsdenkmal in Berlin – Und der Sieger ist…
Der Gewinner im Wettbewerb für das Einheitsdenkmal steht fest. Es ist der überarbeitete Entwurf des Designers Johannes Milla und der Berliner Choreografin Sasha Waltz.

„Die kulturpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Luc Jochimsen, sprach am Dienstag von Instrumentalisierung. Statt des eigentlich angekündigten Sachstandsberichts solle nun ein Beschluss ‚durchgepeitscht‘ werden.“

BERLINER ZEITUNG: „Verschaukelt“
Eine Riesenwippe für die Deutschen: Heute wird der Preisträger für das Einheitsdenkmal verkündet.


„Sollte es einen Vertriebenen-Gedenktag geben?“

Zu dieser Frage veröffentlichte die Braunschweiger Zeitung gestern ein Pro & Contra. Thomas Strobl, Bundestagsabgeordneter der CDU befürwortet das Vorhaben, den 5. August zum Gedenktag für die nach dem Zweiten Weltkrieg vertriebenen Deutschen zu machen: „Das ist ein Zeichen der Verbundenheit.“ Ich halte dagegen und sage, dass das der bisherigen Versöhnungsarbeit schadet. Hier meine ausführliche Begründung:

Nein! – Deutschland gedenkt  am 27. Januar jeden Jahres aller Opfern des Nationalsozialismus. Hier sind auch die Opfer der Vertreibungen infolge des Krieges mit eingeschlossen.
Es ist ein geschichtspolitisch falsches Signal, den 5. August als Datum für einen neuen, den Vertriebenen gewidmeten Gedenktag zu wählen. Die Charta der Heimatvertriebenen vom 5. August 1950 kann von niemandem guten Gewissens als Gründungsdokument der Bundesrepublik betrachtet werden. Als hoch kontroverses Zeitzeugnis muss sie in ihrem historischen Kontext verortet werden.
Es ist ein Skandal, dass das Parlament mit der Zustimmung zu dem Antrag der Regierungskoalition auch den Verfassern der Charta Zustimmung im Namen der Aussöhnung zuspricht. Die Mitverfasser und Unterzeichner der Charta waren in einem so gravierenden Maße an den Verbrechen der Nationalsozialisten beteiligt, dass ein kommentarloser Bezug  auf die Charta niemals einen Beitrag zur Versöhnung darstellen kann. weiterlesen …


Presseecho zur Vertriebenen-Debatte

Dass es einen „Streit um Koalitionspläne zum Gedenktag für Vertriebene“ gibt, stellt der Tagesspiegel heute sehr richtig fest. Die Opposition äußerte sich gestern empört darüber, den 5. August zu einem Gedenktag für Vertriebene erklären zu wollen – dem Jahrestag der Verkündung der Charta der Heimatvertriebenen 1950. „Luc Jochimsen von der Linken kritisierte, die Charta relativiere die deutsche Schuld.“, so der Tagesspiegel.
Die Frankfurter Allgemeine zitiert mich in dem Artikel „Bundestag würdigt Vertriebene“ wie folgt: „Die Abgeordnete Jochimsen (Linkspartei) sprach von ‚Geschichtsklitterung, Verdrehung und Ausblendung historischer Tatsachen‘. Ungeachtet von Kritik, auch aus dem wissenschaftlichen Beirat der Stiftung ‚Flucht, Vertreibung, Versöhnung‘, füge die Koalition dem Ansehen des Bundestages großen Schaden zu.“
Und die tageszeitung hob in ihrem Beitrag „Streit um Vertriebenentag“ auf die Geschlossenheit der Opposition ab: „Übereinstimmend wurde konstatiert, dass der Antrag sich gegenüber der ‚Charta‘ völlig apologetisch verhalte. Mit keinem Wort werde erwähnt, dass der Kontext der Vertreibung mit den Verbrechen Nazi-Deutschlands in dem Dokument ausgeblendet, dass der Völkermord an den Juden mit keinem Wort erwähnt, dass die deutschen Vertriebenen als die größten Opfer geschildert werden. (…) Sowohl von Volker Beck (Bündnisgrüne) wie von Luc Jochimsen (Linke) wurde darauf hingewiesen, dass zu den Unterzeichnern der ‚Charta‘ Mitglieder der SS gehört hätten.“ Der komplette Artikel ist unter www.taz.de nachzulesen.


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