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Tagebuch

Tagebuch, Wien, 11. bis 13. Oktober 2013: Jubiläumskongress im Burgtheater

„Happy Birthday, altes Haus“. So fing es an. Mit einem Gruß des jetzigen Burgtheater-Direktors Matthias Hartmann. Seit 125 Jahren steht nun dieser Palast in der Mitte Wiens – und damit in der Mitte jener grenzüberschreitenden Region, die Deutsch spricht, versteht, liebt in Europa. Die schönste, größte und sprachmächtigste Bühne, die wir haben: Und von der wir auch immer wieder träumen, träumen dürfen…

Mythos – ja, war, ist und bleibt es, dieses Theater für das Theater. Klaus Maria Brandauer hat es am Freitag gesagt: „Wir haben da nicht viel Neues. Wir Theaterleute. Physiker, Chemiker, Ärzte, Ingenieure sind da anders dran. Wir aber – seit Tausenden Jahren das Gleiche: Leben und Tod, Liebe und Hass, Krieg und Frieden, Neid und Gier, Schönheit. Das haben wir. Das ist nicht neu – es sei denn – wir machen es dazu.“ Und Claus Peymann kam mit 13 weißen Rosen auf die Bühne – für die 13 Jahre seiner Intendanz – ließ den ersten, den zweiten und dritten Vorhang hochziehen – „damit wir die Größe des Raums spüren können“ und beschwor „die Stimmen des Hauses“. Wer hat hier alles schon gesprochen in diesen letzten 125 Jahren?!? Sind diese Stimmen noch da? weiterlesen …


Tagebuch, 30. September 2013

Die Woche nach der Wahl bestand aus lauter Abschieden. Es gab noch eine gemeinsame Fraktionssitzung am Dienstag, den 24. September, gewohnte Zeit, gewohnter Saal – alte und neue Kolleginnen und Kollegen, die, die ausscheiden, die, die bleiben. 64 sind das nun! Stürmisch gefeiert haben wir alle Gregor Gysi, dem das Ergebnis dieser Wahl zu danken und zu danken und zu danken ist.

Am Abend des selben Tages verabschiedete er dann 22 Frauen und Männer – zum Teil seit 1990 dabei. So viele Talente, so viel Wissen, Können, Erfahrung. Ost wie West. Mir schien, als wolle der Abschied gar nicht mehr aufhören. Aber dann war natürlich doch alles vorüber: Lachen, Tränen, Geschenke, die Mut machenden Worte: „Wann immer ihr euch meldet – wir sind für euch da.“ Nach diesem Abschied folgten die individuellen Abschiede, das „kleine Auseinandergehen“ sozusagen… weiterlesen …


Letztes Foto der alten Fraktion zusammen mit den neuen Abgeordneten

Und wieder gibt es 5 Abgeordnete aus Thüringen: Sigrid Hupach, Martina Renner, Kersten Steinke, Ralph Lenkert und Frank Tempel
Foto: Uwe Steinert

Und auch im Schaufenster meines Weimarer Büros:


Tagebuch, 22./23. September 2013

Die dritte Kraft

Wie ein Sturm ist die CDU übers Land gezogen und hat Zustimmung erfahren wie lange nicht mehr. Angela Merkel ist in ihrem Zenit. Wer sie in der Wahlnacht 2005 erlebt hat: unsicher zunächst, aber dann das Heft in die Hand nehmend… Wer sie in der Wahlnacht 2009 erlebt hat: ganz und gar sicher geworden, von der Last des Partners SPD befreit…
Der hat gestern eine strahlende Regentin erlebt, die in ihrem Zenit steht. Allerdings: Zenit bedeutet auch immer: höher geht es nicht – und die Gefahr, dass sich auf dieser Höhe nicht zu halten ist, besteht auch.
Wir sind nun drittstärkste Fraktion, können wahrscheinlich im Reichstag in den Fraktionssaal der FDP umziehen, in einen der Türme der Festung Demokratie.

Aber: das Niveau, vom dem aus das alles berechnet wird, ist niedrig – 311 CDU/CSU-Parlamentarier sitzen auf der „rechten Seite“ des Hohen Hauses – und wir sind ein kleiner gewordener Trupp. Wir haben viel verloren – im Vergleich zu 2009, fast ein Viertel der Wähler – und nicht mehr Nichtwähler mobilisieren können .
Das finde ich besonders bedauernswert.
Jetzt gilt vor allem: Arbeit als Opposition meistern – zurück zur Parole von 2005: Links wirkt – gerade auch aus der Opposition. Neue Themen setzen und Themen neu setzen – zum Beispiel in Auseinandersetzung mit der AfD, die gerade im Osten und unter jungen Leuten so viel Zustimmung erfahren hat. Unsere Haltung zu Europa und zum Euro müssen wir präzisieren. Das scheint mir die erste und wichtigste Aufgabe.

Das sind erste Gedanken nach der Wahl – nicht mehr.
Weitere kommen – hoffentlich – noch.


Dienstag, 3. September 2013, kurz vor 9 Uhr im Reichstagsgebäude:

Wie hat Robert Rossmann von der Süddeutschen Zeitung es in seinem Artikel („Forellenbach oder Bundestag, 30.8.2013) so schön beschrieben: „Am Dienstag dürfen Franz Müntefering, Hermann Otto Solms, Heidemarie Wieczorek-Zeul und Luc Jochimsen zum letzten Mal in den Plenarsaal des Bundestags. Auf der Tagesordnung steht eine Debatte über die Lage in Deutschland. Auch die Kanzlerin wird reden. Um 12.30 Uhr soll alles vorbei sein, dann wird Norbert Lammert die letzte Sitzung vor der Wahl beenden – und das politische Leben der alten Haudegen Geschichte sein.“

Also, das letzte Mal durch die Glastür ins „Hohe Haus“. Ich nehme Abschied, nehme Platz in der vierten Reihe, betrachte das Redner-Pult, diesen ganz besonderen Ort der parlamentarischen Stellungnahme. 67 Mal habe ich dort gestanden und ein paar Minuten reden dürfen, meistens nur vier oder fünf. Meistens zu Kultur-Themen, das war fast immer „Kammerspiel“ am späten Nachmittag oder Abend – die Reihen nur von ganz wenigen besetzt. Aber es gab auch Reden in großen Debatten: zur Patientenverfügung, zur Stasi-Unterlagen-Behörde, zum Antisemitismus…
Sonderbare Stimmung: Otto Solms schaut von der FDP-Seite herüber. Wolfgang Thierse verabschiedet das Parlament – mit einer persönlichen Rede. Sein Vater, 1933 volljährig geworden, erinnert er sich und uns, habe in seinem ganzen Leben nie frei wählen können. Und heute setzen Viele dieses kostbare Gut der Demokratie freiwillig, gleichgültig aufs Spiel. Welch‘ eine Gefahr! Ein besonderer Appell in diesen Wahlkampf-Tagen. Dann ist Schluss.
Mein Fraktionsvorsitzender sagt mir beim Hinausgehen: „Vergiss nicht, dass du bis zur konstituierenden Sitzung des nächsten Bundestages Abgeordnete bist!“ Trotzdem fällt die Glastür hinter mir lakonisch in ihr Schloss.
Aber natürlich mach‘ ich in den kommenden Wochen noch weiter – auch hier auf diesen Seiten.

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Afghanistan noch nicht zu Ende – Und schon droht ein neuer Krieg

Dienstagabend auf dem Weg zur ARD-Film-Voraufführung des Doku-Dramas „Eine mörderische Entscheidung“ , das von Kundus handelt, dem Kriegseinsatz der Bundeswehr, der bis zu 140 Menschenleben kostete, kommen die Nachrichten von einem möglichen Militärschlag in Syrien im Staccato-Tempo:

- Präsident Obama hält nach dem Chemiewaffen-Einsatz des Assad-Regimes gegen sein eigenes Volk „militärische Sanktionen“ für unausweichlich.
- Eine neue „Koalition der Willigen“ formiert sich.
- Großbritannien ist zu sofortigen Aktionen bereit, beruft seinen Sicherheitsrat ein und holt das Parlament aus dem Urlaub zurück.
- Präsident Hollande erklärt ebenfalls grundsätzliche Bereitschaft zu einer Militärhandlung…

Ich komme am Verteidigungsministerium vorbei. Dort ist an einer Seitenwand ein riesiges Plakat angebracht: „Schön Bund – Soldatin in der Bundeswehr“. Dazu ein lächelndes Frauengesicht mit Helm und Kriegsbemalung.

Wie das alles passt!! Wie sich alles wiederholt?

Der ARD-Film dann, der am 30. August auf ARTE zu sehen sein wird, um 20.15 Uhr – und am Jahrestag der mörderischen Aktion von 2009 – ja 4 Jahre ist das her! – am 4. September im Ersten Programm, ebenfalls um 20.15 Uhr – also statt Tatort, Fußball oder Volksmusikmärchenstunden – ist eine präzise Rekonstruktion der „kriegsverbrecherischen Tat“ – wie der Spiegel einmal geschrieben hat – und stellt die Frage in den Mittelpunkt: „Warum hat der deutsche Bundeswehr-Oberst Klein das Bombardement auf Zivilisten am Fluss bei Kundus befohlen?“ Ja, ja, ja – er wollte „vorsorglich“ seine Soldaten schützen. Und ja, ja, ja – er wusste nicht, dass er Unschuldige töten ließ – er ging von Terroristen, Taliban, Aufständischen, Schuldigen aus. Zitat: „Karzai hat mich angerufen und die Aktion gelobt. Wenn Zivilisten an Kampforte gehen, sind sie selbst Schuld.“ weiterlesen …


Ein großer Demokrat hat uns verlassen – zum Tod von Lothar Bisky

Ich kannte Lothar Bisky lange bevor wir uns persönlich trafen, von den Fernsehbildern von der großen Kundgebung am 04. November 1989 auf dem Alexanderplatz. Unvergesslich: der jungenhaft aussehende Filmhochschulrektor und seine Worte zu Freiheit und Demokratie.
Wir trafen uns dann in Frankfurt am Main in meinem Chefredaktionsbüro im Hessischen Rundfunk, er war Rundfunkrat-Mitglied beim damaligen ORB. Auch dieses Gespräch unvergesslich: was könnte, was müsste das öffentlich-rechtliche System leisten, um Information über Ost/West und West/Ost in unserem neuen, vereinten Land zu verbreiten – nicht Klischees, nicht Vorurteile, nicht Ressentiments.

Von da an blieben wir – „in Gedanken zusammen“. Lothar Bisky war für mich ein Mentor, ein ganz und gar unabhängiger Mann – links der Gesellschaft. weiterlesen …


Mein Mobiltelefon in Berlins Unterwelt

Die Sonntagsarbeit im Büro begann gestern damit, dass mir beim Aussteigen aus dem Auto vor dem Haus 50 Unter den Linden mein Handy – in was? – ja: IN DEN GULLY fiel. Weg war es. Mein verzweifeltes, kommunikationsamputiertes Ich wurde kompetent von der Haus-Polizei beraten.

Die Berliner Stadtreinigung nimmt sich solchen Fällen an – kostet allerdings einiges, genauer gesagt 178,50 Euro.

Montag früh fuhr der große orange Wagen vor – an Bord zwei „Aufräumer“ – und siehe da: mit Sauggerät und Spülschlauch kam das Handy tatsächlich aus der schlammigen Unterwelt wieder ans Tageslicht.

Ein Mirakel am Ende einer Slapstick-Groteske. Den „Aufräumern“ sei Dank.


Thüringer Bratwurst-Contest


Am Mittwoch dieser letzten Sitzungswoche war es dann also soweit: Der Bratwurst-Contest – eigentlich das wichtigste Sommer-Ereignis der Landesgruppe Thüringen – ging nach wochenlangen Vorbereitungen in seine vierte Runde. Meine vier KollegInnen aus Thüringen – Ralph Lenkert, Frank Tempel, Kersten Steinke und Jens Petermann (v.l.) – haben am Grill wieder alles gegeben. Gewonnen hat, und das schon zum dritten Mal, Frank Tempel. Der Verdacht, seine Bratwürste würden Cannabis enthalten wurde nicht bestätigt.
In diesem Jahr habe ich lediglich die Siegerehrung durchgeführt – ich überlege mir allerdings noch, ob ich im nächsten Jahr nicht außerparlamentarisch mit Nürnberger Bratwürsten an den Start gehe.


In Erinnerung an Willi Sitte

Nun ist der große Maler Willi Sitte im Alter von 92 Jahren gestorben. Vor wenigen Tagen – am 23. Mai – waren der Kurator der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages, Dr. Andreas Kaernbach und ich noch in Halle und haben dieses Bild „Am kalten Buffet“ aus dem Jahr 1974 ausgesucht, das dann am 4. Juni durch den Kunstbeirat für die Sammlung des Bundestages angekauft wurde. An diesem Donnerstag, den 23. Mai, konnte ich mit Willi Sitte auch kurz sprechen. „Wie schön, dass wir uns nochmal sehen können.“, sagte er ganz und gar hellsichtig. Mit dem Bild im Bundestag ist sein Erbe geehrt.


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