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Kultur neu denken

Dokumentation zur Müntzer-Veranstaltung

Am 12. und 13. Mai 2012 veranstalteten wir zum fünften Mal in Thüringen das Projekt „Kultur neu denken“ – diesmal in Mühlhausen zum Thema „Macht – Freiheit – Reformation. Thomas Müntzers Utopie vom Land der Freien und Gleichen“.
Hier nun die DOKUMENTATION zur Veranstaltung.


Kultur neu denken auf dem Göttinger Parteitag

Zusammen mit der Thüringer Landtagsfraktion habe ich unsere Reihe „Kultur neu denken“ in der Lokhalle am Göttinger Bahnhof vorgestellt. Weit über 500 Delegierte hatten sich hier zusammen gefunden, um über einen Leitantrag des Bundesvorstandes zu diskutieren und eine neue Parteiführung zu wählen.

Aber natürlich ist eine solche Veranstaltung auch die Gelegenheit für verschiedene Gliederungen der Partei, Vereine und Verbände und nahestehende Organisationen, sich zu präsentieren. Die Landesverbände waren aufgerufen, so genannte Referenzprojekte vorzustellen. Also Veranstaltungen, politische Angebote oder Themen mit denen die Partei weit über ihre Grenzen hinaus wirkt. Der Landesverband Thüringen hatte dazu die Reihe „Kultur neu denken“ ausgewählt, mit der Birgit Klaubert, die Vizepräsidentin des Thüringer Landtags und ich seit 2006 in Thüringen und darüber hinaus unterwegs sind

Auf einer Messewand präsentierten wir die Plakate der letzten 6 Jahre und an einem Infostand konnten die BesucherInnen die Dokumentationen der einzelnen Veranstaltungen einsehen und bestellen. Besonderes Interesse fand ein Film des lokalen Weimarer Fernsehsenders „Salve-TV“, der im Auftrag der Thüringer Landtagsfraktion gedreht worden war. Den Film können Sie sich [HIER] anschauen.

Ich war überrascht über das große Interesse an unserer Reihe, immer wieder haben mein Mitarbeiter Matthias Plhak und ich das Konzept vorgestellt und Erläuterungen zu den einzelnen Themen der Reihe gegeben. Dabei wurde sehr oft die Frage gestellt, warum Kultur nach wie vor als so genannte „freiwillige“ Aufgabe angesehen wird und was DIE LINKE tun will, um den Zugang zur Kultur für alle Menschen zu sichern. Ich habe dazu erneut unsere Idee eines „Schutzschirms für die Kultur“ ins Gespräch gebracht – auch wenn die Umsetzung im Augenblick nicht Erfolg versprechend erscheint.

Und vielleicht hat diese Präsentation auch ein wenig dazu beigetragen, über die Kultur des Umgangs in unserer Partei nachzudenken…


„Kultur neu denken“ in der neuen CLARA

In der akutellen CLARA – Das Magazin der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag wird u. a. über die Forderung des Berliner Sozialgerichts bezüglich höherer Regelsätze bei Hartz IV, über den Missbrauch von Werkverträgen in Industrie und Handel und die Gründung einer eigenen Genossenschaft zum Schutz von Mieterinnen und Mietern sowie über die „Kultur neu denken“-Veranstaltung in Mühlhausen berichtet.

Hinter dem Podium prangte das Konterfei des Reformators Thomas Müntzer: ein einsamer Verlierer inmitten des Schlachtgetümmels, ein müder Held. Der Ausschnitt aus dem Gemälde des Leipziger Malers Werner Tübke vom Schlachtberg in Bad Frankenhausen passte zum Thema »Macht, Reformation, Freiheit«, über das Mitte Mai im heutigen Bauernkriegsmuseum diskutiert wurde. Eingeladen hatten Luc Jochimsen, Mitglied der Fraktion DIE LINKE, und Birgit Klaubert (DIE LINKE), Vizepräsidentin des Thüringer Landtags.

Was hätte Thomas Müntzer, der vor fast 500 Jahren die Macht infrage stellte, heutigen Politikern zu sagen? Darüber diskutierten in zwei großen Runden unter anderem der CSU-Bundestagsabgeordnete Peter Gauweiler, der einstige Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, Reinhard Höppner, der Rabbiner Walter Homolka, die Theologin Margot Käßmann sowie der Vorsitzende der Fraktion DIE LINKE im Thüringer Landtag, Bodo Ramelow. Margot Käßmann verwies darauf, dass man die Friedensfrage nicht im Munde führen könne, ohne die Frage nach Gerechtigkeit zu stellen, und diese nicht beantworten wird, ohne die Frage nach der Bewahrung der Schöpfung auf die Tagesordnung zu heben. Da sei einer wie Müntzer eine Reibungsfläche.

In der Runde »Thomas Müntzer und die Politik« näherte sich Peter Gauweiler Müntzers Vorstellung eines Reichs der Auserwählten kritisch. Er verband dies mit der Erinnerung an die historisch verhängnisvolle Perversion dieser Idee im 20. Jahrhundert. Seine Auseinandersetzung mit einem

wie Müntzer: die Bestätigung, dass der Unterschied als Wert anerkannt werden müsse; dass jede Meinung und jedes Wollen Teil eines Ganzen sei und nicht diffamiert werden dürfe. Das gelte auch für die Politik.

Höppner knüpfte an die Fehlbarkeit Müntzers an: Man dürfe niemandem, der suche, unterstellen, er liefe in die falsche Richtung. Und er stellte die Frage, wie Müntzers Utopie einer Gesellschaft der Freien und Gleichen in die heutige Zeit hinüberzuretten sei. Bodo Ramelow attestierte Gauweiler,

dass er gut daran getan habe, in Zeiten von Bankenkrise und durchs Parlament gepeitschter Bankenrettung zum Verfassungsgericht zu gehen, weil das Parlament ausgehebelt worden sei. Dass Politik nur noch gut sein könne, wenn sie Teil eines Bündnisses werde mit jenen, die Schaden davon haben, dass ungehemmt spekuliert und lohngedrückt werde. Ramelows theologischer Bezug war dabei die Abwandlung eines Paulus-Zitats: Tu nichts aus Eigennutz, sondern für andere. Gauweiler fügte schließlich angesichts einer kontroversen, aber produktiven Veranstaltung hinzu: »Die Macht des Wortes führt uns immer wieder zusammen. Das ist gut.«

Leider konnte der ursprüngliche Artikel „Ins Offene denken – Der Müntzer ist tot, aber sein Geist nicht ausgerottet“ von Kathrin Gerlof aus Platzmangel und Gründen der Aktualität nicht vollumfänglich in der CLARA veröffentlicht werden. Ich möchte ihn [HIER] den Lesern zur Verfügung stellen.

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RETRO, RETRO
Rückblick auf  „Kultur neu denken – Macht Freiheit Reformation
Thomas Müntzers Utopie von Land der Freien und Gleichen“ in Fotos

Thomas T. Müller auf dem Podium in der Kornmarktkirche (Foto: Yves Harmgart)
Thomas T. Müller auf dem Podium in der Kornmarktkirche (Foto: Yves Harmgart)

 

Thomas Völker (Foto: Yves Harmgart)
Thomas Völker (Foto: Yves Harmgart)

 

v.l.n.r.: Günter Vogler, Thomas Völker, Elfriede Begrich, Thomas T. Müller, Birgit Klaubert (Foto: Yves Harmgart)
v.l.n.r.: Günter Vogler, Thomas Völker, Elfriede Begrich, Thomas T. Müller, Birgit Klaubert (Foto: Yves Harmgart)

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Presseecho zu Kultur neu denken in Mühlhausen

Im Neuen Deutschland war am 16. Mai im Feuilleton ein Artikel von Marion Dammaschke abgedruckt. Sie können ihn  hier in Auszügen oder auf der Homepage des ND in voller Länge lesen.

Vision und Tat

Thomas Müntzer und Kapitalismuskritik heute

„Es müntzert wieder“ – so könnte das Fazit des ereignisreichen Maiwochenendes im thüringischen Mühlhausen lauten. Zahlreiche Veranstaltungen erinnerten an den radikalen Reformator Thomas Müntzer (…)

Es gibt also gute Gründe, warum die Bundestags- und die Thüringer Landtagsfraktion der Linkspartei zusammen mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Mühlhausen wählten, um unter Leitung der Bundestagsabgeordneten Luc Jochimsen und der Landtagsabgeordneten Birgit Klaubert über »Macht, Reformation, Freiheit«, konkreter über »Thomas Müntzers Utopie vom Land der Freien und Gleichen« zu diskutieren. Das Themenspektrum war breit gefächert. Es ging auch hier um Müntzer im Film (Publizist Michael Grisko und Drehbuchautor Matthias Schmidt), um die widerspruchsvollen Wandlungen des Müntzerbildes im Verlauf der Jahrhunderte (Thomas T. Müller und Günter Vogler) und um die Vermittlung von Müntzers theologischen Erfahrungen für die Kirchen heute (Hans-Jürgen Goertz).

Dem so abgesteckten Themenrahmen schloss sich eine spannende Diskussion aus recht unterschiedlich motivierten konfessionellen Sichtweisen an, zu der die Professorin Margot Käßmann, Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017, die Pröpstin i. R. Elfriede Begrich, der Dekan der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Erfurt, Josef Freitag, und der Rektor des Abraham Geiger Kollegs, Rabbiner Walter Homolka, beitrugen. Das interessierte Publikum verfolgte aufmerksam, wie – trotz differierender Sichten – das Gemeinsame in der Verantwortung für das zukünftige Miteinander in der Welt benannt wurde. Dabei wurde das schon im 16. Jahrhundert heftig diskutierte Thema Widerstandsrecht und Widerstandspflicht leider nicht vertieft, es blieb dabei, dass die Diskutanten Müntzer einseitig die Befürwortung von Gewalt unterstellten.

Substanziell weniger auf die durch Müntzer vermittelten Erfahrungen orientiert, sondern schnell zu aktuellen Fragen der gegenwärtigen gesellschaftlichen Krisensituation überschwenkend, diskutierten Peter Gauweiler (CSU), Reinhard Höppner, ehemals Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, und Bodo Ramelow von der Linkspartei. Sie sahen in Müntzer eine Herausforderung, nach der Machbarkeit von Politik zu fragen und landeten damit sehr schnell beim Pragmatischen, ohne die Chance zu ergreifen, Müntzers Ideen als Vision für das menschliche Zusammenleben zu thematisieren. Dagegen sorgte Gregor Böckermann von den Ordensleuten für den Frieden für die Konkretisierung politischer Möglichkeiten, indem er eigene Erfahrungen in Nordafrika sowie in Frankfurt am Main vorstellte und verdeutlichte, wie heute durch couragiertes Handeln Kapitalismuskritik in die Tat umgesetzt werden kann. (…)

Auch die regionale Presse berichtete über die „Kultur neu denken“-Veranstaltung in Mühlhausen. So ging Reiner Schmalzl von Thüringer Allgemeine im besonderen auf die Morgengedanken von Elfriede Begrich, Pröbstin i. R., und auf den Vortrag von Thomas T. Müller, Direktor der Mühlhäuser Museen ein. Den Artikel können Sie [HIER] lesen.
Einen Tag später folgte dann ein ausführlicher Bericht in der Thüringer Landeszeitung und der Thüringer Allgemeinen. Autor Jürgen Wand beschreibt vor allem das Forum zum Thema Müntzer und die Politk. „(…) die beiden Moderatoren der Mammutveranstaltung, Birgit Klaubert und Luc Jochimsen, verstanden es, die Diskutanten auf Linie zu bringen und ihnen Antworten zu entlocken, die zur Debatte im Podium und zum Nachdenken auf den vollen Sitzreihen anregten.“ [HIER] können Sie weiter lesen.

Und hier die aktuelle Ausgabe der UNZ – Unsere Neue Zeitung.


Macht Reformation Freiheit – Die Fortsetzung 3. Teil

Nach der Mittagspause sollte die Politik zu Wort kommen. Es diskutierten Peter Gauweiler (CSU), Ausschussvorsitzender für Kultur im Bundestag, Bodo Ramelow, Fraktionsvorsitzender DIE LINKE im Thüringer Landtag und Reinhard Höppner, Ministerpräsident a.D. Sachsen-Anhalt. Gleich zu Beginn wollte ich wissen: „Müntzer ist gegen die Fürsten, die Mächtigen in seiner Zeit, aufgestanden. Politiker sind die Machtmenschen von heute. Wie halten Sie es mit der Macht?“ Peter Gauweiler, der mich bereits als Chefredakteurin beim Hessischen Rundfunk kennen gelernt hatte, erinnerte zunächst daran, dass er damals nie geglaubt hätte, mit mir gemeinsam an einer Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung im thüringischen Mühlhausen teilzunehmen. Zum Thema Macht: „Macht ist nicht nur etwas von Verwaltung. Wir erleben es immer wieder und auch Müntzer zeigt es: es gibt die Macht des Wortes und der Sprache.“ Für Bodo Ramelow ist Müntzer ein Mann mit Haltung (wie Peter Gauweiler), er ist aus seinem Glauben heraus gegen die Macht aufgestanden. Er erinnerte an Stefan Zweig, der 1934 sagte, Freiheit brauch Autorität, sonst endet sie im Chaos. Und Autorität braucht Freiheit, sonst endet sie in der Tyrannei. Reinhard Höppner sieht die Mächtigen unter Druck. „Menschen wie Müntzer haben eine Suchbewegung nach einer nachhaltigen Welt in Gang gesetzt.“

Für Birgit Klaubert stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage nach der Verantwortung der PolitikerInnen. Höppner meinte, Politiker müssen die eigene Unkenntnis erkennen. Politiker müssen aber auch Fehler machen dürfen. „Aus Fehlern muss man Lernen. Wenn Politiker keine Fehler machen dürfen, lernen sie nichts.“ Ramelow sieht die persönliche Verantwortung des Einzelnen im Vordergrund, die es Ernst zu nehmen gilt. Er verwies dabei auf die Klage Gauweilers gegen den Lissabon-Vertrag und die Griechenland-Hilfe. Gauweiler selbst merkte an, Verantwortung käme von Antworten. Und dabei müsse man sich selbst kritisch betrachten: „Wir suchen den Fehler immer nur bei den anderen.“ Auch ein Scheitern kann Antworten geben. Müntzer sei gescheitert, weil er nur noch seinen eigenen Antworten gefolgt sei.

Ich fragte nach, warum denn die Politiker und die Mächtigen wider besseren Wissens handelten, offensichtliche Fehler nicht korrigierten. Höppners Antwort überraschte mich nicht: „Politiker wissen es oft nicht besser, sie glauben an das was sie tun. Weil es ihnen von vielen Seiten eingeredet wird.“ Als Beispiel nannte er die Riester-Rente, die er heute ablehne. Der Einführung habe er aber zugestimmt „weil man von der Zahl der positiven Einschätzungen und Gutachten regelrecht erschlagen wurde.“ Ramelow verwies auf die Fehler der Gewerkschaften bei Leiharbeit und Privatisierung öffentlicher Güter und Dienstleistungen. „Als ehemaliger Gewerkschafter kann ich hier nur Selbstkritik üben.“ Und Gauweiler erinnerte an einen Text von Elisabeth Noelle-Neumann, der ehemaligen Chefin des Allensbach-Meinungsforschungsinstituts. Unter dem Titel „Die Schweigespirale“ thematisiert sie den Wunsch des Menschen, nicht mit der eigenen Meinung allein sein zu wollen, nicht zur Minderheit gehören zu wollen. „Wir schweigen uns nach dem Munde.“ Und ausserdem habe jedes Thema seine Zeit. „Ich werde mich hüten, jetzt in meiner Fraktion etwas gegen den Ausstieg aus der Kernenergie zu sagen. Da waren wir dafür, schon immer.“

Es war mir eine besondere Ehre, nach dieser sehr offenen Runde den letzten Gast vorstellen zu dürfen. Dr. Gregor Böckermann von den Ordensleuten für den Frieden aus der Bankenstadt Frankfurt. Er beschrieb den seit 22 Jahren währenden Kampf seiner Gruppe gegen die Umverteilung von unten nach oben und die Macht der Deutschen Bank. Besonders interessant fand ich seine Motivation für diesen Kampf. „Ich war 18 Jahre lang für die Afrika-Mission tätig. Aber die Afrikaner sagten uns, wenn ihr wirklich etwas für uns tun wollt, dann kämpft bei euch zuhause gegen ungerechte Strukturen im Norden. Denn darunter leiden wir.“

Seit 22 Jahren stehen die Ordensleute an jedem 1. Donnerstag des Monats vor der Deutschen Bank in Frankfurt. „Reicher werden immer reicher, Arme immer ärmer. Und weil wenige reich sind, sind viele arm.“ Besonders viel Beifall erhielt er für sein Bekenntnis: „Ich lebe in der Sicherheit, dass wir noch zu meinen Lebzeiten das kapitalistische System kippen werden.“ In Deutschland bestimme zwar noch die Wirtschaft, nicht die Politik. „Seit 20 Jahren haben wir scheinbar nichts erreicht. Aber wir waren nicht untätig.“

Ich glaube, es konnte kein besseres Schlusswort geben.


Macht Reformation Freiheit – Die Fortsetzung 2. Teil

Nach einer kurzen Pause wurde das Programm fortgesetzt. Prof. Dr. Hans-Jürgen Goertz, Theologe und Vorsitzender der Müntzer-Gesellschaft beschäftigte sich mit Müntzers Theologie und seiner Bedeutung heute. Zunächst ordnete er Müntzer nicht nur als Revolutionsfigur, sondern auch als Theologe ein. Das „Alter-Ego Luthers“ habe sowohl zukunftsfähige Ideen (die Souveränität des Volkes) als auch mittelalterliche Züge gehabt (seine mystische Frömmigkeit und die Erwartung der Apokalypse). Müntzer kritisiert Luthers Rechtfertigungslehre. „Das Heil wird nicht mitgeteilt, der Mensch trägt es in sich“. Die Veränderung der Welt beginnt mit der Veränderung des Menschen, dazu muss dieser aber seine Angst und Furcht überwinden. Befreit von seiner „Kreativenfurcht“ (Müntzer) könne der Mensch eine andere Stufe der Frömmigkeit erreichen. Zum Abschluss zitierte Goertz Fritz Maass, der noch einen Schritt weitergeht und der Meinung ist, die „christliche Weltrevolution sei fällig.“ In diesem Kontext ist Müntzer für Goertz in der Gegenwart angekommen.

Jetzt folgt eine Diskussionsrunde mit Elfriede Begrich, dem Dekan der katholisch-theologischen Fakultät der Uni Erfurt, Prof. Dr. Freitag, der Botschafterin der Reformationsdekade Margot Käßmann und Rabbiner Prof. Homolka. Unter der Überschrift „Thomas Müntzer und die Theologie“ fragte ich zunächst, welches Sicht auf Müntzer die Runde hat. Für Käßmann ist Müntzer Teil der Revolution, für Begrich kann Müntzer bei der weitern Reformation der Kirche eine wichtige Rolle spielen. Für Freitag gibt es keine eindeutige Sicht, die Kirchen befänden sich seit 500 Jahren auf einem differenzierten Weg. Und Homolka sagte, die Rezeption Müntzers in der jüdischen Theologie nehme mit dieser Tagung ihren Anfang. Wenn er aber das bisher gehörte einschätze, dann „können die Juden mit Müntzer etwas anfangen, vielleicht sogar mehr als mit Martin Luther.“

Ich fragte nach, was denn Müntzer in einer Zeit der Abkehr von der Kirche bedeuten könne? Für Begrich sind nicht mehr nur Verlautbarungen, sondern Taten notwendig: „Gott offenbart sich nicht nur hinter Kirchenmauern“. Käßmann betonte die Wichtigkeit der Triade von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung die dringend mehr Vernetzung benötige. Für Freitag sind die kleinen Schritte, die kleinen Erfolge wichtig denn zur „äußeren Freiheit gehöre auch eine Innere.“ Homolka fragte nach den Gemeinsamkeiten der Religionen und verwies auf den Noachitischen Bund, dessen Credo sei: Wer nach Gottes Regeln lebt, wird von ihm behandelt, als hätte er an ihn geglaubt. „Das ist eine Einladung an alle Agnostiker und Atheisten hier im Saal, bei uns mitzuarbeiten“.

Ob denn diese Einschätzungen nicht zu optimistisch seien, schließlich verändere sich die Welt in Richtung der „Grundsuppe des Übels“, in Richtung Zerstörung. Das war Frau Käßmann zu pessimistisch: „Da kann man sich ja nur noch ins Bett legen und schluchzen“. Für sie sind positive Veränderungen möglich und verwies auf die Occupy-Bewegung und die zahlreichen Frauen in den islamischen Oppositionsbewegungen. Begrich erinnerte daran, dass wir uns immer nur erzählen würden, was nicht funktioniert hat. „Ermutiger brauchen Ermutigung“! Und Homolka setzte auf die „jüdische Disziplin“. Jeder Mensch trage an irgendeiner Stelle Verantwortung und wenn man an diese erinnere, kann man Menschen bewegen. „Wir müssen immer wieder sagen: Da muss doch noch was gehen.“

 


Macht Reformation Freiheit – Die Fortsetzung 1. Teil

„Kultur neu denken“ ging heute morgen in der Kornmarktkirche in Mühlhausen weiter. Hier ist Müntzer bereits präsent: Mit dem Bauernkriegsmuseum und der Sonderausstellung „Der geprägte Reformator – Thomas Müntzer auf Münzen und Medaillen“.

Der Tag wurde eröffnet von der Erfurter Pröbstin a.D., Elfriede Begrich. In ihren „Morgengedanken unter dem Zeichen des Regenbogens“ setzte sie sich mit Wundern und der menschlichen Verwunderung auseinander. „Wunder kommen ganz ohne Vermittlung, ohne Priester, vielleicht sogar ohne Bibel“ so ihr Credo. Und die „Ver-wunderung“ hat immer auch eine politische Dimension. Dann setzte sie sich mit dem Zeichen der Müntzerischen Bewegung auseinander, dem Regenbogen. „Der Regenbogen ist das Zeichen des Bündnisses zwischen Gott und der Erde. Das Zeichen des Friedens zwischen Gott und den Menschen“ ist sie überzeugt. Thomas Müntzer ist ein Rebell in Christo – durch seinen Kampf gegen die „Grundsuppe des Wuchers“, des Eigentums von Wenigen.

Anschließend kam Thomas T. Müller, der Direktor der Mühlhäuser Museen zu Wort. Er zeichnete ein Bild von Thomas Müntzer – über den „Wolf im Schafspelz, der Uffruhr predigt“ – so Luther, bis zum vor-sozialistischen Idol der Nachkriegszeit in der DDR. Bis ins 18. Jahrhundert hinein blieb die Brandmarkung Luthers als „Satan von Allstedt“ bestehen, dann begann eine vorsichtige Neubewertung. Im Mühlhausen des 19. und 20. Jahrhunderts fand eine sehr kontroverse Auseinandersetzung um Luther statt. Während Sozialdemokraten und Kommunisten in ihm einen „Vorkämpfer des Sozialismus“ sahen, stellten ihn die Konservativen als „Umstürzler der herrschenden Ordnung“ dar. Nach dem 2. Weltkrieg war Müntzer stark nachgefragt, als Namensgeber für Straßen und Kollektive, 1975 wurde Mühlhausen Thomas-Müntzer-Stadt.. Nach 1990 kam der Rückzug – die Namen wurden an vielen Stellen wieder abgelegt. Müller riet zu einem differenziertem Müntzer-Gedenken auf: „Wir müssen Müntzer nicht ständig in irgendeine politische, ideologische Richtung hinein interpretieren“ ist sein Fazit.

 

Als nächster Referent zeichnete Professor Günter Vogler den Weg Müntzers ähnlich nach. Nach seiner Einschätzung findet nach der französischen Revolution in Deutschland eine Neubewertung Müntzers statt. Müntzer wird als Alternative in der reformatorischen Theorie benannt. 1793 schreibt Hammersdörfer eine Geschichte der lutherischen Reformation und fand in Münterzs Lehre „sehr viel gesunde Vernunft“ verborgen. Und der Historiker und Literat nannte Müntzer 1843 „einen der herausragenden Männer der Bewegung“. Danach begann die Rezeption Müntzers durch die sozialistische Bewegung. Engels nannte Müntzer einen „plebejischen Revolutionär“. Nach 1945 wurde die Müntzerforschung durch die Bildung zweier deutscher Staaten beeinflusst. Er geriet zwischen „die Mahlsteine der politischen Systeme in Ost und West“. Und mit der Wende 1989 ändert sich die Situation grundlegend, Müntzer werde nicht mehr als Traditionsfigur eines Staates in Anspruch genommen. 2001 kommt es dann zur Gründung der Thomas-Müntzer-Gesellschaft mit Mitgliedern aus Ost und West.

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Macht Freiheit Reformation – Der Auftakt mit dem „Satan von Allstedt“

Gestern Abend begann die 5. Veranstaltung „Kultur neu denken“ in Mühlhausen in der Kilianikirche – meine Kollegin Birgit Klaubert erinnerte zu Beginn an den bisherigen Weg: über Bad Frankenhausen, Erfurt, Weimar und Gotha in den Unstrut-Hainich Kreis. „Nach jeder Veranstaltung sind wir alle ein bisschen klüger geworden“ sagt sie. Ich erinnerte an den roten Faden dieser Reihe: „Alle Veranstaltungen liegen mit ihrem Thema zwischen den beiden Polen Macht und Freiheit, die unser Leben seit Menschengedenken bestimmen“. Hier in Mühlhausen ist das Thema Reformation und mit Thomas Müntzer wollen wir uns einer Person widmen, die in der bisherigen Geschichte sehr unterschiedlich bewertet wurde.

Zum Auftakt zeigten wir das MDR-Dokudrama „Der Satan von Allstedt“. Er zeigt, wie sich Müntzer vom einem Freund Luthers zu seinem Gegner wandelt. Er radikalisiert sich im Laufe der Zeit zunehmend – ihm reicht offenbar nicht die „Reformation“ der bestehenden Verhältnisse, sondern er möchte eine andere Gesellschaft und die notfalls auch mit Gewalt. Am Ende unterliegt Müntzer mit seinen aufständischen Bauern und die Sieger prägen sein Bild in der Geschichte: Aufrührer, Umstürzler, Gottloser.

In der anschließenden Diskussion mit dem Filmautor Matthias Schmidt und dem Filmhistoriker Dr. Michael Grisko versuchten wir, das Bild von Müntzer differenzierter zu gestalten. Schmidt gestand, zu Beginn des Filmauftrags nur den „Mann vom 5-Mark-Schein“ gekannt zu haben. „Es gab Thomas-Müntzer-Schulen, Müntzer-LPG‘en und Straßen – aber über die komplexe Figur wußte ich wenig.“ Er sei davon überzeugt gewesen, dass sich die Zuschauer eher von der Handlungsseite Müntzer nähern könnten als über die theologische. „Ich habe immer gesagt, während Luther bereits im ICE in der ersten Klasse unterwegs war, ist Müntzer noch im Regionalexpress von Ort zu Ort gefahren“ sagte Schmidt. Grisko erinnerte an die unterschiedlichen Filmbilder von Müntzer. Der Ostblick auf den Vorkommunisten 1956 in der DEFA, der Umstürzler 1970 im Westfernsehen. Als 1989 in der DDR erneut ein Film gedreht wurde, sei es während der Dreharbeiten zu einer Änderung der Sichtweise gekommen. Die Herrschaftskritik Müntzers wandte sich immer mehr nach innen. Grisko wörtlich: „Es münzerte immer“.

Die nächste Diskussionsrunde eröffnete Birgit Klaubert, Sie warf die Frage der Gewalt bei Müntzer auf. Schmidt antwortete, dass die Frage der Gewalt immer im historischen Kontext zu sehen sei. „Wir können uns das Leben um 1500 nicht wirklich vorstellen – die tägliche Gewalt, die Angst vor der Apokalypse, die Armut und den Druck, um das tägliche Leben kämpfen zu müssen“ war er sich sicher. Ich fragte nach, ob Müntzer in Kairo oder Tunis in der ersten Reihe hätte stehen können. Grisko war sich nicht sicher: „Die Antwort ist eindeutig, Nein und Ja.“ Nein, denn die Historie lässt sich nicht vergleichen. Ja, denn Umstürze brauchen Organisatoren, Redner, Anführer.

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Macht Freiheit Reformation

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Selbstverständlich ist auch in diesem Jahr Birgit Klaubert, Vizepräsidentin des Thüringer Landtags, meine Mitgastgeberin. Seit 2006 veranstalten wir nun schon gemeinsam die Reihe Kultur neu denken. Ich freue mich, dass wir diese „Tradition“ auch in diesem Jahr fortsetzen können. Dennoch möchte ich sie kurz vorstellen.

Birgit Klaubert ist 1954 in Schöneck/Vogtland geboren. Sie absolvierte ein Geschichts- und Germanistikstudium an der Karl-Marx-Universität Leipzig von 1973–1977 und schloss dies als Dipl.-Lehrer für Geschichte und Deutsch ab. Nach der Aspirantur an der Pädagogischen Hochschule Leipzig von 1983 bis 1986, Sektion Geschichte, promovierte sie zum Dr. phil.
Birgit Klauber arbeitete von 1977 bis 1980 als Lehrerin an der Polytechnischen Oberschule in Altenburg und von 1980 bis 1983 sowie von 1986 bis 1994 am Institut für Lehrerbildung (heute Fachschule für Sozialpädagogik) in Altenburg.
Seit 1990 ist sie Mitglied des Altenburger Stadtrates und hat dort den Fraktionsvorsitz für DIE LINKE inne. 1994 wurde Birgit Klaubert Mitglied des Thüringer Landtags und seit 1999 ist sie Vizepräsidentin und kulturpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE im Thüringer Landtag.
Außerdem ist sie seit 2007 Mitglied im Bundesausschuss der LINKEN.
Sie engagiert sich ehrenamtlich im Aufsichtsrat der Altenburg-Gera Theater GmbH.

 


Macht Freiheit Reformation

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Wer kommt alles nach Mühlhausen?

Günter Vogler Jahrgang 1933, in Reinhardtsgrimma geboren.
An der Humboldt-Universität zu Berlin studierte er 1956 Geschichte. Er war Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Deutsche Geschichte der HU. Nach der Promotion 1962 war Vogler Lehrbeauftragter für Deutsche Geschichte an der HU Berlin und Hauptreferent im Staatssekretariat für das Hoch- und Fachschulwesen der DDR. Zwischen 1966 und 1969 war Vogler erst als Dozent für Geschichte der Neuzeit und danach (1969–1979) als Professor mit Lehrauftrag für deutsche Geschichte mit Schwerpunkt Geschichte der frühen Neuzeit an der Humboldt-Universität.
1979–1996 forschte und lehrte er als ordentlicher Professor für Deutsche Geschichte ebenfalls an der HU.
Er ist Autor von Publikationen zur deutschen und brandenburg-preußischen Geschichte. Seine Monographien und wissenschaftliche Beiträge beschäftigen sich besonders mit Themen der Reformations- und Bauernkriegsgeschichte u. a. mit Thomas Müntzer und dessen Rezeption.
Er ist Gründungsmitglied der Thomas-Müntzer-Gesellschaft e. V., deren Vorsitz er von 2001 bis 2008 geführt hat.


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