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Café Gedanken frei


So heißt die Matinee, die ich seit 2007 jeden dritten Sonntag eines Monats im Weimarer Bürgerbüro veranstalte: Nachdenken, voraus denken, alte und neue Gedanken, Querdenker, Kontroversen…

19.9.2013: Ein Leserbrief zum „Café Gedanken frei“ in der Thüringischen Landeszeitung


Ein Abschied auf Raten

Das letzte „Café Gedanken frei“ fand zwar schon vergangenes Wochenende in der Weimarer Eckermann Buchhandlung statt, doch konnte ich mich bei dieser Gelegenheit nicht bei Geschäftsführer Johannes Steinhöfel verabschieden und für die gute Zusammenarbeit bedanken – was ich an diesem Wochenende nun nachgeholt habe.
In den letzten vier Jahren hatte das „Café Gedanken frei“ hier, mitten in der Altstadt seinen festen Platz gefunden. DANKE für die großartige Gastfreundschaft. Und bei meinem nächsten Besuch in Weimar, schaue ich natürlich mal rein… 


Unser letztes „Café Gedanken frei“: mit Lothar König

Eine außergewöhnliche Situation und ein außergewöhnlicher Gast: Eine NPD-Demo ist angemeldet in Weimar und wir hatten uns gefragt, ob es denn gut ist, ob es genug ist, hier in unserer gemütlichen Buchhandlung zu sitzen und über Zivilcourage zu reden statt sie auf der Straße zu zeigen. Und das ausgerechnet mit Lothar König, der sich für die seine vor Gericht verantworten muss. Den leisen Tönen, dem Zuhören zuliebe hatten wir uns aber dazu entschlossen. Und fast 60 ZuhörerInnen hatten den Weg zu uns gefunden.

Es war es wert. „Erstmal guten Morgen im bürgerlichen Weimar!“ sagt der Bürgerschreck Lothar König auf meine Frage, was ihn antrieb, in der DDR ausgerechnet Pfarrer zu werden. Er bleibt mir eine ausführliche Antwort dann aber nicht schuldig und erspart meiner bewundernd schmunzelnden Ko-Moderatorin Gabi Zimmer und mir viele weitere Fragen mit einem Rundumschlag – ja, um was eigentlich? Man könnte guten Gewissens sagen: alles. Seine Sicht auf die DDR, auf die jetzige Gesellschaft, unser aller Verstrickung in die Übel, die wir beklagen, die „vorletzten“ und die „letzten Dinge“, Hoffnungen und Sehnsüchte der Menschen, die in Gefahren für die Demokratie umschlagen können, die Geschichte(n) hinter der Geschichte – und vor allem sein Plädoyer für die scheinbar Gescheiterten, die „Verlierer“ .„Wenn ihr aufhören könntet zu siegen!“ zitiert er Christa Wolfs „Kassandra“. Nicht die Grautöne sondern die bunten Töne gehen uns verloren im Schwarz-Weiß-Blick. Und viel zu schnell nach dem zweiten Weltkrieg wie nach der DDR haben wir wieder zu den Siegern gehört. Verpasste Chancen der Aufarbeitung mit schweren Folgen im Heute.

Der Prozess hat ihn mitgenommen, aber es geht ihm nicht um sich. „Es geht um unser Land. Was passiert da??“ Und wiederholt die bohrende Frage mit weggeschobenem Mikro umso eindringlicher. Optimistisch ist seine Weltsicht nicht gerade; aber während er die drastischsten Szenarien zeichnet, leuchten seine Augen vor Hoffnung und Freude über das, was trotzdem ist. Dieser Jesus, ein Blick, ein Lächeln, die Sonne, die Liebe … der Fußball. „Nein, ich bin kein Verlierer, das sage ich euch gleich!“ Aber mit dem Siegerkranz aus getrockneten Pflaumen wolle er auch nicht ins Altersheim geschoben werden – eine von vielen Formulierungen sehr zur Freude nicht nur der anwesenden Punks. Ja, Spaß hätte ihm sein Pfarrerberuf auch noch gemacht, war sein Einwurf am Anfang gewesen. Spaß, so aufmüpfig zu sein wie „dieser Moses“. Auch den sieht man seinen Augen an – und lässt sich gern anstecken.

In einem Meer von Blumen endete dieses letzte „Café Gedanken frei“. Oder doch nicht das letzte? Vielleicht sind es ja nur gerade genug Widrigkeiten für ein Trotz-Alledem?


Presseecho zum „Café Gedanken frei“

Thüringer Allgemeine mit dem Artikel „Klassik-Stiftung musste Goethes grafische Sammlung evakuieren“ und Thüringische Landeszeitung (TLZ):

+++ Die komplette Zeitungsseite mit dem Artikel +++


Hellmut Seemann und sein „Kosmos Weimar“ im Café Gedanken frei

Mit der Klaviermusik C-Dur von Mozart beginnt es. Dann geht es noch einmal um Weimar. Nach der Beschäftigung mit dem Weimarer Dreieck beim letzten „Café Gedanken frei“ und als Abrundung all der Jahre, in denen diese nun nicht mehr fremde Stadt gewissermaßen Mitgastgeber unserer Veranstaltungen war, wollten wir uns heute mit diesem besonderen Ort selbst befassen.

An großen Namen für die Stadt mangelt es nicht. „Kosmos Weimar“ steht für die Vision des Hellmut Seemann, an diesem Vormittag mein Gast und Gesprächspartner: Präsident der Weimarer Klassik Stiftung und damit der Institution, der das Erbe der Stadt – von der Klassik bis zur klassischen Moderne – in großem Maße anvertraut ist. Worin sieht die Klassik Stiftung Weimar dieses Erbe und wie will sie damit umgehen? Seemann stellte seinem Vortrag bei uns ein Goethe-Zitat voran, das er als zugleich „schwierig, ungeheuerlich und beglückend“ empfindet:

Wissenschaft und Kunst „gehören wie alles Gute der ganzen Welt an und können nur durch allgemeine freie Wechselwirkung aller zugleich Lebenden, in steter Rücksicht auf das, was uns vom Vergangenen übrig und bekannt ist, gefördert werden.“ (J. W. Goethe, WA I, 48, S. 23)

Dieser Satz bildet die Einführung zum „Gesamtkonzept der Klassik Stiftung Weimar“ und umreißt Seemanns Sicht auf ihre Grundsätze, ihre Aufgaben und deren Gewichtung. Er leitet sie für uns aus Goethes Gedanken her. Erstens: Wissenschaft und Kunst sind (potentiell) gut. Und was gut ist, ist nicht privat (oder sollte es nicht sein) – eine Forderung, die uns Linke aufhorchen ließ, doch tatsächlich hat in Deutschland das Zugänglichmachen der kulturellen und wissenschaftlichen Schätze und Errungenschaften für eine breite Öffentlichkeit eine lange Tradition. Zweitens: Gerade und erst die heutige Zeit bietet mit ihren technologischen Voraussetzungen die große Chance, eine „allgemeine, freie Wechselwirkung aller zugleich Lebenden“ möglich zu machen. So wie die zunehmende Digitalisierung der Bestände einen breiteren Zugang ermöglicht, so bietet das Internet erstmals eine weltumspannende Plattform zum Austausch darüber. Drittens: „Gutes“ wird daraus nur, wenn das Vergangene einbezogen wird – der klare Auftrag zur Bewahrung.

Konkret machen Erhaltungsaufgaben etwa 80% aller Aufwendungen aus, aber diese, so Seemann, seien die Voraussetzung für alles Andere. Erst wenn das gesichert sei, könne man sich dem eigentlichen Sinn, der Vermittlung widmen. Bildungsarbeit, die schönste Aufgabe, wäre „das Wichtige, das erst geschehen kann, wenn das Erste gesichert ist“. Diese Gewichtung erntet Widerspruch in der Zuhörerschaft: Lutz Görner meint, man solle doch das Verhältnis 80:20 umkehren und sich stärker auf das Ziel – die Vermittlung von Inhalten z.B. an Jugendliche – konzentrieren.

Uneinigkeit scheint es jedoch mehr über die Wege zu geben – über die widersprüchliche und deshalb so bildende Rolle Weimars zwischen Humanismus und Reaktion, über die Analyse gesellschaftlicher Interessen und Rahmenbedingungen heute wie auch über anzustrebende Ziele dagegen herrscht eine weitgehende Einigkeit, die vielleicht so manchen überrascht hat. Ob er sich denn also „links“ nennen würde, frage ich ihn und ringe ihm doch fast ein „ja“ ab. Der Punkt, an dem er zögere, sich links zu nennen, sei die Bedeutung der Eliten, aber vor allem des Mittelstandes für die Kultur. Auch hier sind wir vielleicht näher beieinander als man denkt, verweise ich auf das gerade beschlossene Wahlprogramm.

Kurz kommen wir auf nähere wie fernere Zukunftsprojekte zu sprechen: die für das Jahr 2014 geplante Ausstellung „Krieg der Geister“ zum Beispiel, die das intellektuelle Vorfeld des Ersten Weltkrieges beleuchten wird; ein neues Nachdenken über die Potentiale des Wittumspalais, die dort gerade aus der Nichterhaltung materiellen Erbes entspringen könnten; ein Ort und eine Form, um der Eröffnung des ökologischen Diskurses durch Herder schon in der Weimarer Klassik (!) gerecht zu werden …

Welche Menschen, hatte ich ihn gefragt, sind denn heute in der Lage, dieses Programm zu tragen, mit Leben zu füllen? Hellmut Seemann ist optimistisch, „die Armierung der entstehenden Weltgesellschaft wird weder durch Wirtschaft noch militärische Stärke, noch durch Religion, sondern durch Kultur“ geleistet werden. Und er vertraut auf die Klugheit der Menschen: „Die Menschen sind dazu gerüstet“. Immer wieder staunt er, wie klug sie sind – trotz erschütternder medialer Verhältnisse, über deren Ursache er sich so klar ist wie der vorbildlichste Linke. „Der Mensch hat ein Interesse an der Ausbildung seines Kopfes.“

Liszts Trost („Consolation“), zum Abschied gespielt von Ebba Wachler, ist dann hoffentlich nicht wörtlich nötig und sollte ersetzt werden durch die Zuversicht, dass man trotz unterschiedlicher Auffassungen, was den Weg betrifft, durchaus an einem Strang ziehen kann, wenn man das Ziel teilt. Ganz im Sinne der Vernunft, die von Weimar seit der Klassik ausgehen sollte.


Es war unser „Café Gedanken frei“…

…  das gestern Vormittag im Weimarer Rathaus zum Thema „Weimarer Dreieck – Vergangenheit oder Zukunft?“ stattfand und über das die Thüringische Landeszeitung heute sehr ausführlich unter dem Titel Geduld und Zähigkeit zahlen sich immer aus.
Das Weimarer Dreieck hat eine Zukunft – Die Bürger stärker mit einbeziehen“
berichtet. Aber kein Wort darüber, dass diese Diskussion, die Gabi Zimmer mit Vertretern des Weimarer Dreiecks und des Europäischen Parlaments führte, Teil unserer Reihe „Café Gedanken frei“ war, die wir seit über sechs Jahren veranstalten.
Dazu ein Briefwechsel mit der Chefredaktion der Thüringischen Landeszeitung:
Mein Brief vom 27. Mai
Das Antwortschreiben von Hartmut Kaczmarek

Meine Antwort vom 3. Juni

Und hier der Café-Bericht von Ines Leukefeld, der Mitarbeiterin von Gabi Zimmer:

Trotz strömenden Regens füllte sich der Rathaus-Festsaal in Weimar am Sonntag, 26. Mai zusehends. Kurz vor Beginn der Veranstaltung im Rahmen des seit mehr als sechs Jahren bestehenden Weimarer Café Gedanken frei waren die ca. 80 Sitzplätze besetzt. Mit Spannung erwarteten die Gäste den Beginn der hochkarätig besetzten europapolitischen Diskussionsrunde zu Fragen nach der Vergangenheit und Zukunft des Weimarer Dreiecks. Neben Gabi Zimmer, der Präsidentin der Linksfraktion im Europaparlament, die die Veranstaltung moderierte, waren der Linkspolitiker Helmut Scholz, Mitglied des Europaparlaments und Experte der Außenpolitik, Weimars Oberbürgermeister Stefan Wolf, der Vorsitzende des Vereins Weimarer Dreieck, Dieter Hackmann, das Vorstandsmitglied der deutsch-polnischen Gesellschaft und TLZ-Vize Hartmut Kaczmarek, sowie der Leiter des französischen Kulturbüros in Thüringen, Bertrand Leveaux angereist.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung, die durch Gabi Zimmer, MdEP, eröffnet wurde, standen nach den Einstiegsreferaten von Helmut Scholz zur europäischen Außenpolitik und Dieter Hackmann zur Geschichte des Weimarer Dreiecks die Fragen nach der Zukunft des Weimarer Dreiecks und damit auch der Europäischen Union; steht doch die Geschichte des Weimarer Dreiecks exemplarisch für die Geschichte Europas. Das sogenannte Komitee zur Zusammenarbeit zwischen den drei Ländern Frankreich, Polen und Deutschland, dessen Gründung auf ein Treffen der Außenminister der besagten Länder, Dumas, Skubiszewski und Genscher am 28. August 1991 im Thüringischen Weimar zurückgeht, ist längst nicht jedem EU-Bürger bekannt. Kernidee des Projekts war die Förderung der französisch-polnisch-deutschen Zusammenarbeit. Zielsetzung die Abstimmung der Politik der drei Länder und die Stärkung der Europäischen Integration. Der Geburtstag von Johann Wolfgang von Goethe und der geschichtsträchtige Ort Weimar am Fuße des Ettersberges im Schatten des Konzentrationslagers Buchenwald war geradezu prädestiniert als Gründungsort. Erstmals in der nunmehr fast 22-jährigen Geschichte der Weimarer Dreiecks widmet sich eine politische Partei (DIE LINKE) in einer öffentlichen Podiumsdiskussion dem Gremium, das von Beginn an Höhen und Tiefen erlebte. Das Verhältnis von Deutschland zu seinen Nachbarstaaten Frankreich und Polen ist seit jeher prägend für Krieg und Frieden, für Sicherheit und Stabilität in Europa. Die beiden verheerenden Weltkriege im letzten Jahrhundert; die deutsche Kriegserklärung an Frankreich und der Überfall Hitlerdeutschlands auf Polen sprechen eine deutliche Sprache. „Das erklärte Ziel, „die Netze der Kooperation immer dichter zu knüpfen, die die Völker und Staaten über einst trennende Grenzen hinweg verbinden“, war in der konkreten Situation 1991 von immenser Bedeutung – und ist es noch immer“, so Helmut Scholz in seinen einführenden Worten. „Doch was ist aus dem Wunsch geworden, die Kooperation und Entwicklung gutnachbarlicher Beziehungen nicht allein der Politik zu überlassen?“, bohrt die Linksparlamentarierin und Fraktionschefin in Europa während der Podiumsdiskussion nach. „Was ist aus den Forderungen geworden, den Gründungsgedanken auch in der Zivilgesellschaft zu verankern und die Bürgerinnen und Bürger in die grenzüberschreitende regionale Zusammenarbeit mit einzubeziehen und das einst Trennende auf allen Ebenen des Lebens über die Grenzen hinweg miteinander zu verbinden?“, so Zimmer beharrlich. Hartmut Kazcmareks Antwort dazu richtet sich ebenfalls an die Bürgerinnen und Bürger: „Die Zivilgesellschaft, das sind wir alle! Jeder sollte an seinem Platz dazu beitragen, dass wir auf diesem Weg vorankommen.“ Auch aus dem breit gefächerten Publikum wurden Forderungen nach mehr Bürgerfesten, polnisch-französisch-deutschen Volksfesten und mehr Begegnungen der Menschen laut. Der Oberbürgermeister der Stadt Weimar erwähnt daraufhin das Filmfestival tricolore, das im Zusammenhang mit dem Weimarer Dreieck ins Leben gerufen wurde und verweist darauf, dass die Stadt Weimar zwar eine hohe Verantwortung in diesem Gesamtprozess trage, aber nicht alles stemmen könne. Schließlich hätte das Land Thüringen, namentlich das Wirtschaftsministerium, die Gelder gestrichen, so dass die Veranstalter und die Stadt das Handtuch werfen mussten.
Kritische Stimmen aus dem Publikum mahnten Wolfs Verantwortung bei der Nichternennung Stephane Hessels als Ehrenbürger der Stadt Weimar zu Recht an. „Bertrand Herz ist Ehrenbürger der Stadt Weimar. Die Polen und die deutschen Antifaschisten eint das Vermächtnis von Buchenwald. Auschwitz liegt in Polen“, äußert sich einer der Teilnehmer und verweist kopfschüttelnd darauf, dass er die Entscheidung des OB Wolf gegen Hessel in keinster Weise verstehen könne. Persönlichkeiten in Ost und West, die im Kampf um ein friedliches und soziales Europa standen und stehen und als „Grenzgänger“ zwischen Deutschland, Frankreich und Polen bekannt und geachtet sind, hätten Weimar und dem Weimarer Dreieck Namen geben können, mit denen unter Anderem auch die Bürgerinnen und Bürger der drei Länder hätten eine Identifikation erlangen können. Bertrand Leveaux vergleicht den Zustand des Weimarer Dreiecks mit einem Garten, der immer wieder aufs Neue gehegt und gepflegt werde müsse, bevor er wegen einer Reise nach Paris die Veranstaltung vor Abschluss verlassen musste. Gabi Zimmers Bilanz der kontroversen Diskussion und mögliche Antwort auf die im Raum stehende Frage nach der Zukunft des Weimarer Dreiecks: „Es hat Zukunft, wenn es uns allen gelingt, es mit Leben zu füllen. Das sollte die wichtigste Aufgabe sein!“



Inge Heym las frühe Gedichte von Stefan Heym im „Café Gedanken frei“


„Wussten Sie, dass Stefan Heym Gedichte geschrieben hat?“
fragte Inge Heym in die Runde. „Nein? Dann geht es Ihnen wie mir – ich wusste das nämlich auch nicht.“
Dass sie sich für diese Gedichte und diesen Mann zu interessieren begann und dann über 30 Jahre ihres Lebens mit ihm teilte, hat nach ihrer Aussage eine Menge mit Weimar zu tun: „Hier schließt sich ein Kreis“, deshalb habe sie auch froh der Einladung an diesen Ort zugesagt. Und mir war es eine Ehre, diese Frau – Autorin, Szenaristin und Dramaturgin vieler bekannter Kinderfilme – als Gast in unserem „Café Gedanken frei“ zu begrüßen. Sie las aus einem Band früher Gedichte ihres Mannes, den sie aktuell herausgegeben hat. (Stefan Heym: Ich aber ging über die Grenze, Bertelsmann)

Stefan Heym wollte über seine – allesamt frühe – Poesie nicht reden. „Exportgeschäft“, ein Antikriegsgedicht, geschrieben mit 16 Jahren in der Schulstunde eines Chemnitzer Gymnasium, erregte so viel Aufsehen, dass er die Stadt verlassen musste und steht so vielleicht symbolisch für die erste Grenzüberschreitung, das erste Exil seines Lebens. Er bezeichnete es später als „… ein bestenfalls mittelmäßiges, dilettantisches Gedicht …“. Ob es ihm recht gewesen wäre, dass sie seine Gedichte veröffentlichte, fragt sich seine Frau. Ein Zuhörer beantwortet später in der Diskussion die Frage so: er hätte es doch wollen müssen – von solcher Aktualität sind sie trotz der Zeit, die vergangen ist.
Die Auswahl, die Inge uns heute aus dem von ihr herausgegebenen Gedichtband „Ich aber ging über die Grenze“ vorlas, schien tatsächlich erschreckend aktuell: sie handelte von Armut, und den bekannten Reflexen der Meinungsbildung und des Mitläufertums („In Deutschland hungert keiner“, „Deutsche Szene“), von Krieg und Kriegsgewinnlerei („Nie wieder Krieg“,„Exportgeschäft“), von Schmerz und Wiederkommen („Der Fremde“, „Ich aber ging über die Grenze“) … Aber auch seine Auseinandersetzung mit Problemen in den Reihen der scheinbar Gleichgesinnten („Genies an Marmortischen“), seine Reibung an den Unzulänglichkeiten des sozialistischen Systems deuteten sich an:
Wussten wir, dass er Märchen schrieb? Märchen z.B., die wie eine Parabel über die „Wahrheit“ und den Umgang mit ihr klingen, und doch nur der „Entspannung“ eines Autors dienten, für den Schreiben eben zum täglichen Sein gehörte? Zuhören durften wir dabei ihm selbst („Wie es mit dem kleinen Jungen, der die Wahrheit sagte, weiterging“) und erinnerten uns nicht nur, wie sehr wir diese Stimme geschätzt hatten und wie sehr sie fehlt. Die Aktualität des Gehörten, die vom trotzigen Anecken an jeder Sorte gesellschaftlicher Dummheit zeugt, sowie seine Stimme, durch die die Verschmitztheit quasi durchzuhören war, geben auch Mut für neue Kämpfe.
Zur Unterstützung sei jedem dieses Buch empfohlen – sicher stellvertretend für alle Anwesenden, gab ich gestern meiner Hoffnung Ausdruck, dass Weimar ein Nukleus sein möge, von dem aus die erst teilweise entdeckten Schätze einer frühen Schriftstellerkarriere neue Verbreitung finden!


Provinzkultur im „Café Gedanken frei“

Es scheint, als hätten sie bei ihrem Projekt einfach an alles gedacht – Claudia und Hendrik Neukirchner, die Gründer des Vereins PROVINZKULTUR, der für unser heutiges
„Café Gedanken frei“ namensgebend war:

„Der gemeinnützige Verein PROVINZKULTUR e.V. mit Sitz in der kreisfreien Stadt Suhl im Süden Thüringens organisiert seit mehr als zehn Jahren Lesungen, Theater, Kinovorführungen, Kabarett, Musik, Performance und Tanz für alle Altersschichten auf hohem künstlerischem Niveau an unterschiedlichen Veranstaltungsorten. Die territoriale Kulisse dafür bietet der Thüringer Wald. Alljährlicher Höhepunkt ist der PROVINZSCHREI – Das Kunst- und Literaturfest im Thüringer Wald, der kompakt von September bis Oktober über einen Monat lang die Waldbewohner und ihre Gäste mit Kultur verwöhnt. Neben dem PROVINZSCHREI hat der Verein mit den Veranstaltungsreihen Freitagssalon – Kopf und Bauch, der seit 2012 übers Jahr auf Wanderschaft durch den Thüringer Wald geht, und mit dem KinderPROVINZSCHREI, der sich mit kindgerechten Angeboten an Kindergarten- und Schulkinder richtet, zwei weitere interessante Kulturangebote in seinem Portfolio.
Außerdem hat sich der Verein einen Namen mit der Organisation und Durchführung von Schreib- und Literaturwettbewerben gemacht. Seit zwölf Jahren richten sich diese jährlich wechselnd an Jugendliche oder Senioren. Im Jahr 2012 wird außerdem erstmals der Walter-Werner-Lyrikpreis vergeben. In den Jahren 2012 bis 2014 wird der PROVINZKULTUR e.V. durch eine Förderung durch die Europäische Union und das Bundesministerium für Arbeit und Soziales im Rahmen des ESF und innerhalb des Programms „XENOS – Integration und Vielfalt“ das umfangreiche Kulturprojekt Thüringer(KULTUR)Wald – Kultur, Bildung, Tradition und Sport als gestaltende Elemente für Toleranz und Vielfalt im ländlichen Raum durchführen.“

Aus dieser Selbstdarstellung des Vereins auf seiner Internetpräsenz kann man in etwa entnehmen, was für uns heute in einer Bild- und Toncollage, im Gespräch mit meinem Landtagskollegen Dirk Möller und mir und in der Diskussion mit unseren Gästen – zum Teil selbst Vertreter lokaler und regionaler Kulturinitiativen – erlebbar wurde:


Zwei ideenreiche junge Leute, die ihre „provinzielle“ Heimatstadt Suhl nicht der schleichenden kulturellen „Verwüstung“ preisgeben wollten, sondern eigene Kräfte dagegensetzen, kreativ und erfolgreich auf die Suche nach Sponsoren und Helfern gehen, ungewöhnliche Veranstaltungsorte ausfindig machen für ein Konzept, das seinesgleichen sucht. Es scheint auf der Idee von Vielfalt zu beruhen – einer Vielfalt an Aktivitäten, an Kunstformen und Genres, an scheinbaren Gegensätzen, die sich aber ergänzen … Bekannte neben regionalen Künstlern, die Förderung brauchen – reflektiert auf der anderen Seite durch Zugang für alle denkbaren Zielgruppen: Kinder, Senioren, sozial oder anderweitig Benachteiligte … Niemand und nichts wird vergessen: nicht die Stadt, nicht das Land, nicht die Kinderbetreuung, nicht der durch den Magen gehende Kunstsinn und Kommunikationsdrang … und nicht die Verschiedenheit der Menschen, die man alle auf unterschiedliche Art versucht zu erreichen. weiterlesen …


Unser „Café Gedanken frei EXTRA“ in Weimar: Ein Abgrund an Aufklärung

Ein Jahr nach unserer Veranstaltung im „Café Gedanken frei“ zur Terrorzelle NSU wollten wir über die Fortsetzung der Arbeit der Untersuchungsausschüsse in Bund und Land berichten – eine Arbeit, über deren Ergebnisse kaum noch jemand den Überblick behalten kann und eine Arbeit, die an Pannen und Skandalen kaum zu überbieten ist.

Deshalb hatte ich Petra Pau, Obfrau der Fraktion DIE LINKE im Bundestags-Untersuchungsausschuss, und Katharina König, stellvertretendes Mitglied der Fraktion DIE LINKE im Thüringer Untersuchungsausschuss, im Gewölbekeller der Stadtbücherei zum „Café Gedanken frei EXTRA“ zu Gast. Zu unserer großen Ermutigung stießen das brisante Thema und unsere hochkarätigen Gäste trotz Regenwetters und Quasi-Ignoranz der Presse auf so viel öffentliches Interesse, dass das Publikum kaum Platz fand. Unter den Gästen befanden sich sowohl sehr bekannte als auch mit dem Thema sehr befasste Persönlichkeiten des engagierten öffentlichen Lebens in Weimar wie z.B. der ehemalige Oberbürgermeister, der Leiter der Polizeiinspektion, Vertreter des Bürgerbündnisses gegen Rechts und der Antifa, Landtagsabgeordnete, Journalisten, Kirchenvertreter, Haupt- und Ehrenamtliche in der Jugend- und Sozialarbeit etc. etc.

Der Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages zum Nationalsozialistischen Untergrund, welcher mit nie dagewesener Einstimmigkeit eingesetzt wurde, hörte bis jetzt 51 Zeugen, Sachverständige und Politiker an und arbeitete mehrere 10.000 Seiten Akten von Polizei und Geheimdiensten auf, um aus dem Versagen der Sicherheitsbehörden Rückschlüsse zu ziehen. „Die Ergebnisse, die wir nach 47 Tagungen des Bundesuntersuchungsausschusses nun vorweisen können, werfen jedoch immer neue Fragen, wenn nicht sogar Verschwörungstheorien auf“, so Petra Pau. Alle Mitglieder, überparteilich und unvoreingenommen, teilen jedoch im Untersuchungsausschuss dasselbe Ziel: „Wir wollen aufklären, wie es zu diesen rassistischen Mordserien kommen konnte und warum das Terrortrio in einem so großen Zeitraum unbehelligt agieren konnte. Dies sind wir auch im besonderen Maße den Angehörigen der Opfer schuldig.“ weiterlesen …


Wohin mit den Schätzen?

Im letzten „Café Gedanken frei“ dieses Jahres hatte ich am Sonnabend Prof. Dr. Helmut-Eberhard Paulus, den Direktor der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten zu Gast.

„Wer erbaute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? (…)“

Mit Bertolt Brechts berühmten „Fragen eines lesenden Arbeiters“ eröffnete ich unsere gestrige Veranstaltung in Weimar. Herrschaftliche Schlösser und Gärten assoziieren wir oft ungewollt mit Aristokraten, Dynastien, gekrönten Häuptern – selten denken auch wir an die Ingenieure, Steinmetze, Tischler, Stuckateure usw., die die uns überlieferten Kunstschätze geschaffen haben.
Dieser interessante Gedankengang aber, hinauslaufend auf die Frage, wie wir mit diesem Erbe, das ja also unseres ist, denn umgehen sollen, bildet die Basis der Arbeit von Prof. Dr. Paulus. Er sollte auch und gerade für Linke ein Anlass sein, für den Erhalt, Bestand, die Zugänglichkeit und sinnvolle Nutzung dieser Kulturgüter zu kämpfen. Ein guter Grund, sich zu einem „Café Gedanken frei“ zu treffen. Die Kulisse bildete ein gemütlicher Vortragsraum im Dachstuhl des wunderbaren Kirms-Krackow-Hauses, eines Museums bürgerlicher Wohnkultur, das es mit seinem herrlichen Garten besonders im Sommer in der Weimarer Jakobstraße zu entdecken gilt.

Den ersten Teil seines Vortrags widmete der ursprünglich fränkische Denkmalschützer und Publizist und jetzige Schutzherr unzähliger Thüringischer Herrschaftssitze der gar nicht so akademischen Frage des „Wozu?“. Wozu und wem dienten sie in der Vergangenheit, wozu sollten wir sie erhalten und wem sollten sie nutzbar sein? Hierbei ist ein zentraler Begriff für ihn der der „Repräsentation“. Sie wurden gebaut, um neben der unmittelbaren Funktion des Wohnens vor allem die der „Stellvertretung“ des Herrschenden zu erfüllen, als „Metapher der Macht“, als Symbol der „Ermächtigung durch Andere“. Dies ist durchaus nicht nur kritisch zu sehen: wie wir staunend erfuhren, waren viele dieser Orte für die damalige Öffentlichkeit zugänglich, begehbar und erfahrbar, Orte für die Allgemeinheit und Orte der Rückkopplung an den Repräsentanten. Sie waren „Spiegelung der Wirklichkeit in einem ästhetischen Rahmen“, mit dem Glanz und Glamour, der Spiegelungen eigen ist, aber auch mit den negativen Empfindungen, die einen als Bewohner der Dorfkate – wie ein Gast treffend bemerkte – bei diesem Anblick überkamen. So oder so sind sie längst Orte der kollektiven Erinnerung geworden, der Identifikation mit der eigenen Region und der vielen Seiten ihrer Wirklichkeit. Hierin liegt ihre Notwendigkeit und ihr Potential: sie sind unerlässlicher Teil unserer Erinnerungskultur, repräsentieren unsere Geschichte. Dieses Potential zu kommunizieren sieht Prof. Dr. Paulus als eine unserer wichtigsten Aufgaben. weiterlesen …


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