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Café Gedanken frei


So heißt die Matinee, die ich seit 2007 jeden dritten Sonntag eines Monats im Weimarer Bürgerbüro veranstalte: Nachdenken, voraus denken, alte und neue Gedanken, Querdenker, Kontroversen…

Erinnern heißt nicht vergessen – Das Prager-Haus in Apolda

Tautologien haben es mitunter in sich … „Erinnern heißt nicht vergessen“ war der Titel unseres gestrigen „Café Gedanken frei“, in der uns – diesmal moderiert von Gabi Zimmer – der Prager-Haus-Verein Apolda über Erinnerungskultur nachdenken ließ.

„Der Verein verfolgt den Zweck, das Wohnhaus der jüdischen Familie Prager in Apolda als Gedenk- und Erinnerungsort an die jüdischen Einwohner der Stadt zu erhalten. Er widmet sich der Aufklärung über die Wurzeln und das Auftreten des Antisemitismus in der Region und dokumentiert die Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung während der Jahre des Nationalsozialismus. Darüber hinaus fördert er die Erforschung und Verbreitung der Kultur- und Sozialgeschichte des Alltags in der Region Weimar-Apolda, insbesondere die Geschichte sozialer, religiöser und politischer Minderheiten. Das Prager-Haus in Apolda soll Anlauf- und Begegnungsort werden.“ – So die Selbstdefinition des Vereins (www.prager-haus-apolda.de), dessen Vorsitzende Ruth-Barbara Schlenker und Geschäftsführer Peter Franz unsere Gäste waren.

Verlauf der Veranstaltung und Didaktik der Vereinsarbeit scheinen einander hierbei zu spiegeln:
Ausgangspunkt ist das persönliche Schicksal der Apoldaer Familie Prager (Foto): Zuerst der Alltag der scheinbar voll integrierten jüdischen Familie, Bilder von Hochzeiten, Ausflügen, das Eiserne Kreuz als Zeugnis von Patriotismus und Tapferkeit im Ersten Weltkrieg, die Mitgliedschaft in Fleischerinnung, Büchsenschützengesellschaft und Gesangverein. Dann die ersten drohenden Anzeichen: Ausschluss aus der gewohnten Gemeinschaft, Enteignung als „Volkszerstörer“. Das Ende in verschiedenen Konzentrationslagern.
Wie aus der Beschäftigung mit diesem Privatschicksal das private Engagement für die im zweiten Teil des Vortrags geschilderte verallgemeinernde Vereinsarbeit erwachsen konnte, wird verständlich. Der Rückhalt in der Apoldaer Bevölkerung scheint dabei trotz zweier gegenteiliger Erlebnisse groß. Hier schließt sich der Kreis zivilen Engagements: als ein Grund für diese positive Aufnahme wird der damalige Ruf der Pragers als sozial engagierte Familie angesehen.
Zu den interessantesten Fragen, die sich aus dem Publikum heraus entwickelten, zählte trotz ihrer scheinbaren Abwegigkeit die nach der Positionierung im Israel-Palästina-Konflikt. Die Schwierigkeit dieser Frage steht dabei nur symbolisch dafür, dass die Realität nie einfache Bewährungsproben für unsere Zivilcourage stellt. Was heißt Erinnern? „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“ – Erinnern heißt nicht vergessen heißt … sich-wie-positionieren, wie handeln? Das ist der Teil, den jeder selbst ergänzen muss.
Vielleicht hilft hierbei ja wieder die Hinwendung zum Konkreten, Alltäglichen: der Verein, über den man auf seiner oben genannten Internetpräsenz noch viel herausfinden kann, freut sich sicher über jede Unterstützung!


Café Gedanken frei: Lesung und Diskussion mit Andrea Hanna Hünniger

Vorsprung durch Erfahrung

So jung Andrea Hanna Hünniger (Jahrgang 1984) ist – sie hat schon ihre Memoiren geschrieben. Nicht sie aber ist das Thema. Wer ihr Buchdebut „Das Paradies. Meine Jugend nach der Mauer“ (mehr Details zum Buch unter www.klett-cotta.de) gelesen hat, wusste es schon.  Wer gestern ohne diese Vorbildung, aber mit Neugier meinem Gast im „Café Gedanken frei“  begegnete, begriff es bald. In drei Lesungsteilen, im Gespräch mit mir und in der anschließenden Diskussion formt sich das Bild einer Autorin, die das Lebensgefühl einer ganzen Generation, der vielzitierten „Dritten Generation Ost“, vielleicht sogar eines ganzen Landesteils zeichnet.

Umschulung, Abwicklung, ABM, Besuch auf dem Arbeitsamt, kein Blick nach rechts oder links … ein Leben in Wartehallen; Sofa, Fernseher, Krankheit – der weise Vater spricht mit dem Kronleuchter.  Volle Supermärkte, eine Welt aus Eiswürfeln; Hut, Zigarette und Kaugummi … wo sonst könnte der Stein im Brunnen landen als in Amerika? Das Kind kann nicht begreifen, warum die Eltern sich nicht an der Fülle des Kapitalismus freuen können.

Ins Ausland ohne (Stadt)Plan, Parkhäuser (oder Wasserhähne) als Fallen für unerfahrene Ossis – die lächerlich scheinende Verlorenheit der Eltern, die Scham der Kinder, die jetzt die Kenner sind. Was ist Kompetenz? Eine Generation, die sich scheinbar selbst erzieht. Was ist Autorität? Die Lebensleistung der Eltern versteht das Kind später. weiterlesen …


Stefan Heym – Einer, der nie schwieg

Ausnahmsweise an einem Samstag fand in diesem Monat das „Café Gedanken frei“ in Weimar statt. Ein besonderer Tag und ein besonderes Thema: im nächsten Jahr wäre Stefan Heym 100 Jahre alt geworden. Mit einer szenischen Lesung aus seinen Werken, aus Interviews mit und aus Texten über Stefan Heym zeichneten Franz Sodann und ich seinen Lebensweg nach. Wir erinnerten an seine Flucht wegen eines Anti-Kriegsgedichtes, an seine Rückkehr nach dem Krieg, den er als alliierter Soldat erlebte. Wie er auch in der DDR aneckte, seine Werke verboten wurden. Und wie er sich den übelsten Angriffen erwehren musste, als er sich entschied, auf der offenen Liste der PDS für den Bundestag zu kandidieren. Und wie man ihn am Abend vor seiner Eröffnungsrede als Alterspräsident des Deutschen Bundestages als angeblichen Stasi-IM zu verleumden versuchte.

Mein Freund, der Schauspieler und Regisseur hat mit der szenischen Lesung „Stefan Heym – Einer, der nie schwieg“ ein Werk geschaffen, mit dem in den nächsten Monaten an vielen Orten in Deutschland an den großartigen Schriftsteller und Literaten erinnert werden wird. Ganz besonders freue ich mich auf das „Café Gedanken frei“ im April 2013, dem Monat in dem Heym seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte: Inge Heym wird aus bisher unveröffentlichten Werken ihres Mannes lesen.


Ein Lesetipp zum Wochenende

Für die aktuelle Ausgabe des FREITAG hat die Autorin Andrea Hanna Hünniger, 1984 in Weimar geboren und im Oktober Gast unseres „Café Gedanken frei“, einen großartigen Artikel über die DRITTE GENERATION OST geschrieben. Darin geht sie den Fragen nach, wer genau eigentlich zu dieser Generation gehört, was sie ausmacht, was sie erreichen will…
Hier ein Auszug:

„In dritter Generation…“, das klingt wie das Ende. Das klingt nach den Letzten und den Erben. Nach Kindern auf jeden Fall. Und das sind sie ja auch. Es sind die letzten Kinder der DDR, zwischen 1975 und 1985 geboren, die sich jetzt plötzlich kollektiv als die Dritte Generation Ost bezeichnen. Ein komisches Label, nicht?
Denn in diesem Namen vereinen sich viele kleine Generationen zu einer Generation. Geht das zusammen? Haben diejenigen, die in der DDR noch FDJler waren oder ein Pioniertuch trugen, und diejenigen, deren Erinnerung an dieses Land so genau ist wie die an einen Traum, etwas gemeinsam? Wohl eher nicht. Meine Erinnerung jedenfalls ist so blass und vage, dass ich nicht weiß, ob sie nicht in Wahrheit tatsächlich einem Traum entspringt. Ein zur Komödie gewordenes Bild einer Welt, in der es einen Diktator gab, der gern schießen ging und eine Brille trug; eine Welt, in der alle sächsisch redeten und das Wetter immer sehr schlecht gewesen sein muss.
Oder, wie war das nochmal, Papa?“

Den kompletten Artikel kann man unter www.freitag.de nachlesen.

Besonders freut es mich – gerade auch nach der Lektüre dieses tollen Textes – Andrea Hanna Hünniger am 21. Oktober 2012 im Weimarer „Café Gedanken frei“ begrüßen zu können. Sie wird dann aus ihrem Buch „Das Paradies. Meine Jugend nach der Mauer“ lesen. Es ist die Geschichte einer Kindheit im Ostdeutschland der 90er-Jahre, das Portrait einer Generation, die die DDR nur aus der Erinnerung der Eltern kennt. Sie erzählt von einem Land, das die Deutsche Einheit wie ein Kahlschlag, ein Raubzug, eine Brandrodung trifft.


Die fünf Leben des Sergej Lochthofen

Dass es heute voll werden würde beim Café Gedanken frei in der Eckermann-Buchhandlung hatte ich schon geahnt. Dass wir aber eine Viertelstunde vor Beginn die allerletzten Stühle aufbauen müssen, hätte ich so nicht gedacht. Fast hundert Gäste waren gekommen, um mehr über die Person Sergej Lochthofen zu erfahren. Mein Mitarbeiter, Matthias Plhak stellte die unterschiedlichen Facetten zu Beginn vor: seine Kindheit als Sohn eines Verbannten im sowjetischen Workuta, seine journalistische Ausbildung in der DDR und seine Arbeit für die SED-Bezirkszeitung „Das Volk“. Die erfolgreiche Übernahme dieser Zeitung nach der Wende und der Neustart als „Thüringer Allgemeine“. Seine Zeit als Chefredakteur dieser Zeitung bis zu seinem Rauswurf 2009, weil er sich den Umstrukturierungsplänen des Eigentümers, des WAZ-Konzerns, widersetzte.

Und schließlich der Künstler Lochthofen, der mit Zeichnungen und Collagen sein Leben verarbeitete und der Autor, der mit seinem im Herbst erscheinenden Buch „Schwarzes Eis“ die Geschichte seines Vaters niederschreibt.

Im Anschluss gab es drei kurze Mitschnitte aus dem „Espresso-Plausch“, den Lochthofen jeden Montagmorgen mit Carsten Rose vom Erfurter Lokalradio „Radio FREI“ führt. Neben dem Wetter, den Piraten, wurde auch über den Bundesparteitag der LINKEN in Göttingen gesprochen. „Aber für eine Partei, die Antritt mit einem Bauchladen der Moral, wir kämpfen für Solidarität und Gerechtigkeit, das ist einfach Unfug, wenn man sieht, wie die miteinander umgehen.“

Meine erste Frage an ihn knüpfte an diese Aussage an: Ob sich denn seine Wahrnehmung der Partei seit dem Parteitag verändert habe? „Sie streiten sich nicht mehr so oft, aber das kommt wieder.“  Für Lochthofen „verwechseln die LINKEN Parteigremien mit der Wirklichkeit“.

Er ließ es sich  nicht nehmen, auch das aktuelle Datum zu kommentieren: „Der 17. Juni ist nicht nur das Datum der aktuellen Parlamentswahlen in Griechenland. Er steht symbolisch dafür, was auf der Straße passiert, wenn die Regierenden sich vom Volk abwenden“. In der Griechenlandfrage blieb er hart: „Auch der Busfahrer oder die Krankenschwester haben über Jahre hinweg die Partei gewählt, die ihnen das Meiste versprochen haben. Deshalb tragen auch sie die Verantwortung für die aktuelle Situation.“ Er räumte aber auch ein, dass Deutschland an der griechischen Krise verdient hat: „Finanzielle Hilfe für Griechenland sichert Arbeitsplätze in Deutschland. Über Rüstungsimporte, Automobilverkäufe und Technologietransfer.“

Für Lochthofen leben wir „in einer prvilegierten Zeit“. Noch nie standen den Menschen so viele Informationen zur Verfügung. Aber: „Die Wahrheit ist nicht einfach zu finden. Vielleicht gibt es auch mehrere Wahrheiten…“. Und auf Nachfrage nahm er auch zur aktuellen Situation bei der Thüringer Allgemeinen und dem Protestbrief der RedakteurInnen Stellung: „Ich teile die Sorgen der VerfasserInnen dieses Briefes. Die Zeitungsgruppe verliert LeserInnen und in der Redaktion ist ein Maß an Zentralismus erreicht, das an die DDR erinnert“. So werden alle Lokalnachrichten an zwei Newsdesks erstellt. „Das ist eine Mißachtung des Lesers“. Aber egal, wie groß die Katastrophe, sie wird, wie früher, positiv gedeutet. „Jetzt wird verbreitet, die TA habe eine großartige Redaktion, die sich einbringt. Darüber muss man reden. Und eine Arbeitsgruppe wurde eingesetzt“. Lochthofen hat „Respekt und Hochachtung“ für die Aktion der Beschäftigten. „Aber ich verstehe auch, dass sie Angst haben“.

Anschließend gab es eine kontroverse Diskussion mit dem Publikum über seine Griechenlandthesen, die Frage wie viel Bildung notwendig sei, um die Vielfalt der Informationen nutzen zu können und über die Rolle der Printmedien bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus. Lochthofen verteidigte sich leidenschaftlich und verwies abschließend auf ein Zitat seines Vaters: „Junge, pass auf, die Dummen sind in der Überzahl.“


Café Gedanken frei: Die OSZE – eine Alternative zur Nato?

Im heutigen Café Gedanken frei in der Eckermann-Buchhandlung in Weimar ging es um das Thema Europa. Diskutiert wurde speziell die Frage der Zukunft der Sicherheit von der linken Europaabgeordneten Gabi Zimmer und dem zukünftigen linken Landtagsabgeordneten Dirk Möller. Welche Rolle kann und soll die „Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“, kurz OSZE, dabei spielen? Zu Gast war mit dem Weimarer Stephan Schmidt ein Kenner dieser Organisation. Als Praktikant bei der OSZE-Präsenz in Albanien und im NATO-Hauptquartier in Brüssel lernte er die Sicherheitslage in Europa „von innen“ her kennen.

Zu Beginn der Veranstaltung zeigte Schmidt eine Präsentation, in der er auf die Geschichte, die Entstehung und die unterschiedlichen Aufgaben der OSZE einging. Neben den Beobachtermissionen hat sich die OSZE vor allem als Wahlbeobachter profiliert: 35.000 Beobachter bei 150 Wahlen sind ein Beleg dafür.

Warum findet die OSZE in den Medien kaum statt?“ lautete die Eingangsfrage von Dirk Möller zu Beginn der Diskussionsrunde. Die Antwort Schmidts war eindeutig. „In der OSZE herrscht das Prinzip der Einstimmigkeit. Also findet nur statt, was alle wollen“. Und das seien dann eben nur Aktionen des kleinsten gemeinsamen Nenners, die meist wenig spektakulär und damit wenig beachtet seien. Außerdem steht die OSZE nach wie vor im Schatten der großen Organisationen wie UNO oder Nato.

Gabi Zimmer zweifelte die Wirksamkeit der Einsätze an. „Was kann eine OSZE Mission erreichen?“. Schmidt verwies zunächst auf das knappe Budget (ca. 150 Mio. Euro pro Jahr) und das geringe Personal (nur rund 3000 Mitarbeiter, davon 2500 in den unterschiedlichen Missionen). „Die Regierungen wollen eben keine wirksameren Einsätze. Sie wollen nicht mehr Kompetenzen abgeben und auch nicht mehr Geld zur Verfügung stellen.“ Dabei sind die OSZE-Missionen weit mehr als bloße Präsenz. „Der Auftrag lautet immer, so weit wie möglich in die Zivilgesellschaft hinein zu wirken.“ Das geschieht durch Bildung und Informationen der Konfliktparteien übereinander, in gemeinsamen Projekten oder Veranstaltungen. So sei zum Beispiel im sehr patriarchisch geprägten Albanien sehr viel zum Thema Gleichberechtigung der Geschlechter und Frauenrechte getan worden.

Aber dabei ist die Arbeit der OSZE nach wie vor sehr westlich geprägt. „Wenn wir einen Konflikt in Asien, in Afrika oder auf dem Balkan sehen, wird die OSZE schnell gerufen.“ Einen Einsatz im Baskenland oder im Nordirlandkonflikt aber sei nie in Frage gekommen. „Das ist dann eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Staates“ beschrieb Schmidt die aus seiner Sicht „krasse Doppelmoral“ westlicher Staaten. Dennoch ist die OSZE die einzig anerkannte Dialogorganisation, die weit über Wahlbeobachtung hinaus wirke. Schmidt wörtlich: „Im Georgienkonflikt hätte Russland einem Mandat der UNO oder gar der Nato niemals zugestimmt. Der OSZE aber wurde die Vermittlungsrolle zuerkannt.“

Es folgte eine sehr kontroverse Diskussion mit den knapp 40 BesucherInnen um die Frage der Anwendung der Gewalt zur Konfliktlösung oder zum Schutz der Menschenrechte. Dabei sieht Schmidt die OSZE außen vor. „Die OSZE darf niemals in eine gewalttätige Auseinandersetzung hinein gezogen werden, sonst verspielt sie ihre Glaubwürdigkeit“ ist er sich sicher.

Am Ende herrschte Konsens, das die OSZE nur die Rolle spielen kann, die ihr von den 56 Mitgliedsstaaten zugewiesen wird. „Aber einer Veränderung dieser Rolle müssen nationalstaatliche Initiativen voran gehen meinte Gabi Zimmer. „Das geht nicht aus dem europäischen Parlament heraus“ bemerkte sie am Ende der Diskussion.

Am Schluss der Veranstaltung gab es noch eine nette Geste: eine Weimarer Bürgerin hatte am Vorabend in der Buchhandlung ihren 60. Geburtstag gefeiert. Und sie bat die Gäste des Café Gedanken frei, sich von ihren vielen Geburtstagsblumen einige mit nach Hause zu nehmen.


Kabarett „Mit Links“: Café Gedanken frei mit Zara Arnold

Im heutigen Café Gedanken frei hatte ich einen besonderen Gast: die Kabarettistin Zara Arnold. In Weimar geboren, hat es sie über Leipzig und Berlin nach Suhl verschlagen. Das Wiedersehen mit ihrer Geburtstadt hat sie sehr gefreut: „In Weimar hat sich viel zum Positiven verändert. Die Klassikerstadt ist heute ein richtiges Kleinod“ schwärmte sie zu Beginn der Veranstaltung.

Ihr aktuelles Programm, aus dem sie Teile vorstellte, war wie man es von ihr gewohnt ist: temporeich. Aktuelle Politik wird erläutert mit Anleihen bei Goethe und Schiller. „Durch diese hohle Phrase muss ich kommen“ legte Arnold „Mutti Merkel“ in den Mund.

30 Jahre hat Arnold in Leipzig gelebt, deshalb bekamen auch die Sachsen ihr Fett weg: „In Sachsen wird „Bolle dick“ gemacht – deshalb habe wir ja auch Helmut Kohl bekommen“ war sich Arnold sicher. Selbst im Cognacschwenker kann sie Politisches entdecken: „Wenn ich mein Glas so hin und her schwenke und den Cognac betrachte, habe ich wenigstens das Gefühl, es bewegt sich etwas.“ Ob als himmlischer russischer Beobachter der Menschenrechte oder als Rezitatorin eines sächsischen Erlkönigs – Arnold trifft den Lachpunkt ihrer Zuschauer an diesem Vormittag in der Eckermann-Buchhandlung sicher.

In der anschließenden Diskussion mit mir und dem Publikum schlägt sie ernstere Töne an: „Das politische Kabarett hat ein großes Problem: das Publikum.“ Immer öfter bemerke sie, dass ihre Pointen vom Publikum nicht verstanden werden. Es fehle an politischen Hintergrundwissen, viele Leute wollen offenbar nur noch oberflächlich bespaßt werden. „Dieter Hildebrandt hat mal zu mir gesagt, wenn ich den Leuten noch die Pointe erklären muss, brauch ich nicht mehr auf die Bühne zu gehen. Recht hat er“ sagt sie und ist deshalb über den immer näher kommenden Ruhestand auch nicht verzweifelt. Und: „Heute sitzt die Zensur an der Kasse“ ist sich Arnold sicher.

Aber was darf Kabarett, welche Meinungsäußerungen sind möglich, wie weit dürfen Künstler und Literaten gehen? Am Beispiel Günter Grass und Peter Handke diskutieren wir mit dem Publikum, wie mit kritischen und aufrüttelnden Stimmen jenseits des Mainstream in der „veröffentlichten“ Meinung umgegangen wird. Wir sind uns einig: hier existiert in vielen Redaktionen eine Art Maulkorberlass. Entweder wird nicht berichtet oder mit gespielter Entrüstung die Autoren nieder gemacht. Nach knapp zwei Stunden war dieses Café (leider) vorbei – herzlichen Dank an die engagierte Frau, die sich danach wieder auf den Weg nach Suhl „jenseits des Bratwurstäquators“ machte.


Café Gedanken frei mit Martina Rellin

Am Sonntag fand das „Café Gedanken frei“ ausnahmsweise in Erfurt statt. Der Stadtverband der LINKEN hat meine sonntägliche Matinee zu seiner Frauentagsveranstaltung genutzt und in den „Kaffee-Treffpunkt“ am Erfurter Johannesplatz eingeladen.

Zu Gast war Martina Rellin mit ihrem Buch Klar, bin ich eine Ost-Frau. Rellin, eine Frau aus dem Westen, lässt in diesem Buch Frauen aus dem Osten sprechen. Und genau darin liegt die Besonderheit dieses Buches, eigentlich ist es eher eine Art Dokumentation. Rellin lässt der jeweiligen Interviewpartnerin ihre eigene Sprache, sie ließ nicht, wie für gewöhnlich, ein Band mitlaufen, stattdessen schrieb sie die Geschichten per Hand nieder. Sie sagte dazu: „Die Gefahr wäre sonst zu groß, dass das Band, als Maschine gedeutet, den menschlichen Charakter verfälschen könne“.

Die Themen der Frauen sind Liebe, Familie, Arbeit und wie sie diese im Vergleich zu den westlichen Bundesländern empfinden. So erzählt Kiki, dass das Thema Kinder einen viel höheren Stellenwert im Osten als im Westen einnimmt. Und damit einher geht auch das Thema Arbeit. Arbeit und Kinder unter einen Hut bringen war der Normalfall im Osten, im Westen eher der Ausnahmefall. Das ist das Motiv dieses Buches. Was haben die Frauen gelernt und was haben sie alles gemacht? Sie mussten sich immer wieder neu erfinden, einer neuen Situation anpassen. Dies wurde auch durch die ökonomische Unabhängigkeit der Frauen in einer Ost-Partnerschaft unterstützt. Hier gibt es ganz offensichtlich einen wesentlichen Unterschied zu den Frauen in den alten Bundesländern.

„Das Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten hätte die Chance geboten, aus einem Gesellschaftssystem Bewährtes in ein anderes zu übernehmen. Aber leider wurde diese Chance verpasst“ bemerkt Rellin im Vorwort zu ihrem Buch. Die positiven Erfahrungen in der Familienunterstützung, der Kinderbetreuung oder im Gesundheitswesen hätte man für das neue Gesamtdeutschland nutzen können. Dennoch darf man die negativen Erfahrungen der Menschen nicht außer Acht lassen, jeder hatte seine eigene Geschichte. Der eine hatte Probleme mit der Stasi, der andere kam nicht mit ihr in Berührung. Das zeigen auch die Gespräche mit den Frauen im Buch.
Was Rellin mit diesen einzelnen Lebensgeschichten schafft entspricht auch einem Grundanliegen unseres „Café Gedanken frei“: Eine Brücke zwischen Ost und West schlagen.


Café Gedanken frei am Sonntag

Am Sonntag war Daniel Burkholz mit seinem Film „Brigadistas“ im Café Gedanken frei zu Gast. Im Spanischen Bürgerkrieg haben vor mehr als 70 Jahren Menschen aus ganz Europa mit der Waffe in der Hand versucht, die gewählte Republik Spanien gegen den Diktator Franco und den Faschismus zu verteidigen. Der Film zeigt wie 36 Mitglieder dieser Internationalen Brigaden, „Brigadistas“ genannt, sich 2007 auf eine Reise durch Spanien begaben. Auf den Spuren ihres Kampfes fuhren sie von Madrid über Zaragossa nach Barcelona. Quer durch ein Land, in dem sie noch immer begeistert gefeiert wurden. Diese Reise war für viele der „Brigadistas“ die letzte – und sie wussten das. Sie berichteten über das Erlebte und wollten ihre Ideen und Ideale weitergeben. Der Filmemacher war in Stadtbibliothek Weimar und berichtete von der Entstehung des Films, sprach über die Aussichten für ein Folgeprojekt und beantwortete auch die Fragen von Dirk Möller, Karin Schrappe und dem Interessierten Publikum.

Von besonderem Interesse für alle Beteiligten vor Ort war die Einschätzung des Regisseurs Burkholz zur Aufarbeitung der Geschehnisse nach Francos Tod im Jahr 1975. „Es wurde stillschweigend eine Vereinbarung zwischen den Anhängern Francos und den linken Kräften im Land getroffen. Die Macht wechselt friedlich – dafür blieb die Aufarbeitung und vor allem die Strafverfolgung aus. Noch immer wird selbst innerhalb vieler Familien das Thema totgeschwiegen“.


Café Gedanken frei: Ein Abgrund an Aufklärung!

copyright Reiner von Zglinicki
copyright Reiner von Zglinicki

Gestern fand das erste Café Gedanken frei in diesem Jahr statt. Diese Veranstaltung war mir aus aktuellem Anlass besonders wichtig  – Ein Abgrund an Aufklärung! – mit Frank Tempel und Martina Renner. Der Bundestagsabgeordnete Frank Tempel konnte aus seiner langjährigen Erfahrung als Polizist über Ermittlungstechniken und -verfahren berichten und so gezielt die Täuschungen und „Halbwahrheiten“ der staatlich befassten Ämter und Behörden bei den ersten Verlautbarungen entlarven. Seine große Sorge ist, dass im Zuge der Aufklärung dieses unfassbaren Verbrechens nicht mehr das Versagen der staatlichen Einrichtungen im Fordergrund stehen wird, sondern vielmehr ein einfacher Kriminalfall untersucht wird, der das tatsächliche Ausmaß der Verstrickungen in den Hintergrund treten lässt.

Martina Renner, MdL und Expertin für Rechtsextremismus, wusste viel über die Netzwerke und Verbindungen von Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos zu berichten. Sie sitzt im eingerichteten Untersuchungsausschuss im Thüringer Landtag. Nach ihrer Überzeugung werden „diese Mordfälle nur restlos aufgeklärt, wenn der öffentliche Druck so bleibt wie er ist. Oder noch steigt.“

Auch das Publikum in der Stadtbücherei Weimar stellte viele Fragen und sorgte so für eine rege Diskussion.


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