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Café Gedanken frei


So heißt die Matinee, die ich seit 2007 jeden dritten Sonntag eines Monats im Weimarer Bürgerbüro veranstalte: Nachdenken, voraus denken, alte und neue Gedanken, Querdenker, Kontroversen…

„Briefwechsel Ost – West“

Die Thüringische Landeszeitung berichtet in ihrer Weimar-Ausgabe vom Mittwoch über die „Buchpremiere im Café Gedanken frei“: „Fast 100 Menschen drängten sich am Sonntag in der 1. Etage in der Marktstr. 2, ständig mussten neue Sitzgelegenheiten herangeschafft werden. Der Grund war die Februar-Matinée des Café Gedanken frei von Luc Jochimsen, Gabi Zimmer und Dirk Möller. Die drei Vertreter der Linken hatten zwei bemerkenswerte Gäste: Hans Christange, 76, Ex-Staatsanwalt aus Cottbus, und Klaus Stenzel, Pädagoge aus Speyer. (…)“


Aufarbeitung „mit freundlichen Grüßen“ – Ein Briefwechsel zu 14 Jahren Einheit

Am Sonntag hatten Gabi Zimmer und ich Klaus Stenzel (links) und Hans Christange zu Gast im „Café Gedanken frei“ – und knapp 100 Interessierte, die teilweise aus Berlin, Cottbus, Ludwigshafen, Speyer und Darmstadt nach Weimar in die Eckermann-Buchhandlung kamen. Hans Christange, 76, Ex-Staatsanwalt aus Cottbus und Klaus Stenzel, Studienrat aus Speyer verbindet eine besondere Geschichte: Sie haben sich 14 Jahre lang Briefe geschrieben, ohne auch nur ein einziges Telefonat oder Treffen. Beide haben ihre sehr eigene Sicht auf die deutsche Geschichte: Christange verteidigt die DDR, für Stenzel ist sie von Stacheldraht und Stasi dominiert. Begonnen hatte der Briefwechsel mit einem Besuch einer Schülergruppe von Stenzel im Jahr 1996 in Magdeburg. Deren Eindrücke waren im Neuen Deutschland veröffentlicht worden, Christange las den Artikel und schilderte den SchülerInnen in einem Brief seine Sicht auf  die Lebenssituation in der DDR. Daraus entwickelte sich ein Briefwechsel, der nunmehr in Buchform vorliegt – „Ost-West Denkstrukturen“. Daraus lasen Stenzel und Christange nun erstmals gemeinsam vor.

Zu Beginn erkundigte ich mich nach den Motiven der beiden für diesen langen Briefwechsel: Stenzel wollte „über seinen westdeutschen Tellerrand hinausblicken“, Christange forderte von den Westdeutschen eine Auseinandersetzung mit den Lebensverhältnissen in der DDR und kein „Wiedergeben der Vorurteile, die ständig über die Medien transportiert werden“. Deshalb waren seine Antworten in der Regel auch dreimal so lang wie Stenzels Eingaben. Beide betonen aber unisono: „Der Pluralismus in unserer Gesellschaft ist uns wichtig!“. Und bei all‘ den kontroversen Ansichten zu BRD und DDR, Wende und Wiedervereinigung gibt es hier und da auch Gemeinsamkeiten, die Herr Christange im Namen beider zusammenfasste: „Arbeitslosigkeit ist ein Krebsgeschwür des Kapitalismus“ oder „Der zunehmende Lobbyismus ist nur politisch zu bekämpfen“ sind solche übereinstimmenden Aussagen. Gabi Zimmer lobte genau diese Kultur der Streitbarkeit zwischen Trennendem und Gemeinsamkeit: „Wir alle sind geprägt von persönlichen Erfahrungen und Bewertungen. Und ich finde, wir sollten diese nicht aufgeben, sondern in die gemeinsame Diskussion einbringen.“
Am Ende fasste Klaus Stenzel unter dem Beifall aller Gäste zusammen: „Wenn wir jetzt in der Schule wären, würde ich sagen: „Eine sehr gelungene Schulstunde.“ Und eine ehemalige Schülerin von Stenzel, die extra für diese Veranstaltung aus Süddeutschland nach Weimar gekommen war, bekräftigte noch einmal: „Ost und West reden und diskutieren zu wenig miteinander. Dieses Buch ist ein wundervoller Beitrag, diese Diskussion endlich zu beginnen.“


Presse zu unserem Weimarer „Café Gedanken frei“

Im Feuilleton der „Thüringer Allgemeine“ vom Montag steht ein Bericht über unsere Veranstaltung: „Anschauliches Bild vom Denken in Ost und West“. „Wie Hans Christange und Klaus Stenzel so in Hemd und Pullover, und beide bebrillt, auf der Bühne in der Weimarer Eckermann-Buchhandlung sitzen, sind sie sich durchaus ähnlich“, schreibt der Redakteur Hanno Müller. „Doch die beiden Männer könnten unterschiedlicher nicht sein. (…) Dass sie durchhielten, macht ihren Briefwechsel zu einem einzigartigen, ebenso toleranten wie fairen, Stimmungsbild des Denkens in Ost und West.“

Die Speyerer Lokalausgabe der „Rheinpfalz“ berichtete mehrfach über den Studienrat aus Speyer, Klaus Stenzel, und Hans Christange aus Cottbus und deren Briefwechsel „Ost-West Denkstrukturen“ – und die Redaktion verfolgt das Projekt weiter. Am Donnerstag vor der Veranstaltung wurde über die „Wende-Sicht aus Speyer in Weimar“ berichtet:

„Das Werk blieb nicht unbeachtet in hohen politischen Kreisen. Die Autoren werden zu Lesungen geladen. Die Bundestagsabgeordnete Luc Jochimsen, zuletzt Kandidatin der Partei „Die Linke“ für das Bundespräsidentenamt, hat sie ins „Café Gedanken frei“ nach Weimar eingeladen. Dort werden die beiden zum ersten Mal gemeinsam lesen. ‚Was mich besonders an dem Briefwechsel fasziniert, ist die Authentizität der zwei Individuen. Es sind eben keine Redakteure oder Direktoren von Gedenkstätten, sondern authentische Bürger, und das Generationsübergreifende. Es geht ja nicht nur um Stenzel und Christange, sondern es werden Schüler von heute einbezogen. Das ist besonders wichtig, denn diese Generation braucht den Dialog als Fundament für ein vereinigtes Zusammengehen‘, würdigt Jochimsen den Ansatz und die Bedeutung des Briefwechsels.“


„Mein Rezept: gegenseitige Toleranz“

Dirk Möller und ich hatten am vergangenen Sonntag in Weimar – im ersten „Café Gedanken frei“ des Jahres – Erzpriester Mihail Rahr, Pfarrer der Russisch Orthodoxen Gemeinde in Weimar, zu Gast.

Sein Weg hatte viele Stationen, bevor er im Jahr 2000 nach Weimar kam – und blieb. Er studierte Theologie in Jordanville, USA und in Presov, CSFR und lehrte am Priesterseminar in Minsk – um nur einige zu nennen. Sein Vater wurde von Buchenwald auf den Todesmarsch nach Dachau geschickt und dort von den Amerikanern befreit. „Mein Vater hat es überlebt, es gab also ein Happy End. Dennoch spielt seine Geschichte eine große Rolle in unserer Familie – gerade hier in Weimar, Buchenwald immer in Sichtweite.“
Schon früh stand für Mihail Rahr fest, dass er der Kirche dienen wolle, habe er doch den Ruf Gottes in seinem Herzen vernommen. Und nur so könne man auch dieses Amt ausfüllen: „Es ist eine Berufung und kein Beruf.“ In Thüringen, Rahrs Wahlheimat, gibt es nur diese eine orthodoxe Gemeinde, weshalb er auch Griechen, Rumänen, Georgier, Serben… betreut und damit eine Art ‚orthodoxe Ökumene‘ entwickelt. „Menschen guten Willens können immer miteinander auskommen, auch bei unterschiedlichen Ansichten und Herkünften“, so Rahr. Auf die Frage, wie er denn den Spagat zwischen seinem Vaterland und seiner neuen Heimat hinbekäme, sagte er, dass natürlich beides ginge. Man könne sowohl ein russisches Fundament, als auch die hiesige Kultur vermitteln. „Zwei Kulturen, zwei Sprachen, zwei Denkweisen, zwei Horizonte… können nur eine Bereicherung sein. Eine Person mit diesem Hintergrund kann schon einmal nicht engstirnig werden.“

Zum Schluss zitierte ich noch aus Mihail Rahrs Brief, den er mir zu unserer Veranstaltung „Kultur neu denken: Frieden – Macht – Freiheit“ im vergangenen Sommer auf Schloss Friedenstein in Gotha geschickt hat. Schon damals verlas ich folgende Sätze, die Mihail Rahrs tiefer Überzeugung entstammen: „Einbringen in das gesellschaftliche Leben sollte sich als Dienst an der Allgemeinheit verstehen, nicht als Einsatz zur Stärkung ausschließlich der eigenen Positionen. Was ich für mich fordere, darf ich anderen nicht verweigern; was ich anderen nicht zugestehe, darf ich für mich nicht beanspruchen.“

Eine besondere Freude war es auch, den Präsidenten der Klassik Stiftung Weimar, Hellmut Seemann (2.v.l.), begrüßen zu können.

„Café Gedanken frei“ zur Jugendliteratur

Zum Abschluss des Jahres hatten wir uns ein besonderes Thema vorgenommen: Wie ist der große, auch kommerzielle, Erfolg von Jugendbuchreihen zu erklären? Wo doch viele sogenannte Fachleute das Buch immer wieder totgesagt hatten. Insbesondere Jugendliche, so hatten diese Fachleute erklärt, würden lieber Computer spielen statt lesen. Weit gefehlt. Allein die Harry-Potter-Reihe, mittlerweile fast 400 Millionen mal verkauft, schlägt alle Auflagenrekorde.

Um diese Frage zu beantworten, hatten wir viel Prominenz in den Gewölbekeller der Stadtbücherei in Weimar eingeladen. Willi van Ooyen, Fraktionsvorsitzender der LINKEN im hessischen Landtag; Dirk Adams, Thüringer Landtagsabgeordneter für Bündnis 90/Die Grünen; Renate Licht, Thüringer DGB-Vorsitzende und den Erfurter Kabarettisten Ulf Annel (von links). Erkrankt war leider der Thüringer Justizminister Holger Poppenhäger und die ebenfalls eingeladene Luisa Liebtrau, Hauptdarstellerin aus der KiKa-Reihe „Schloss Einstein“, konnte wegen eines ungeplanten Drehtages nicht nach Weimar kommen.
Zunächst trugen unsere Gäste aus Büchern vor, die für sie selbst oder für ihre Kinder einen wichtigen Einstieg in die Welt der Bücher bedeuteten. Und da kamen viele unterschiedliche Werke zum Vorschein: natürlich Harry Potter, aber auch wunderbare Kinderbücher wie „Der Grüffelo“ von Julia Donaldson oder eine Kurzgeschichte von Roald Dahl. weiterlesen …


„Ohne Idealismus kein Sozialismus“

Unsere November-Veranstaltung des „Café Gedanken frei“ in Weimar erinnerte an den Kriegsgegner und Revolutionär Gustav Landauer. Dazu hatten wir den Berliner Theaterkritiker Ernst Schumacher eingeladen, der die Biografie Landauers „Erschlagt mich doch! Daß ihr Menschen seid!“ verfasst hat, die dessen Anschauungen anhand markanter Lebensstationen vermittelt. Daraus las er gemeinsam mit seiner Frau und diskutierte anschließend mit Dirk Möller, dem Publikum und mir über Landauer damals und seine Aktualität heute.

In seinem „Aufruf zum Sozialismus“ aus dem Jahr 1911 schrieb Gustav Landauer: „Wer zum Sozialismus aufruft, muss der Meinung sein, Sozialismus sei eine Sache, die nicht oder so gut wie nicht, noch nicht oder nicht mehr in der Welt sei. … Der Sozialismus ist ein Bestreben, mit Hilfe eines Ideals eine neue Wirklichkeit zu schaffen.“ Mit diesem Appell richtete Landauer sich an jeden einzelnen Menschen – und um jeden Einzelnen in der Gesellschaft und Ideale geht es auch heute, Stichwort Stuttgart 21 oder die Antiatombewegung. Insofern ist Landauer auch 100 Jahre später noch ganz aktuell: wir dürfen vom Ideal des Sozialismus nicht lassen, dürfen weder müde werden, noch aufhören.

Lesen Sie den folgenden Bericht über unsere Matinée – einen Vorabdruck aus dem ROTEN Ginkgo-Blatt in Weimar – von Siegfried R. Krebs, Redakteur des Humanistischen Pressedienstes und ehemaliger Student Schumachers:

„Ohne Idealismus kein Sozialismus“

WEIMAR. Mit dem Satz „Es gibt keinen Sozialismus mehr ohne Idealismus!“, faßte Ernst Schumacher nicht nur die Lesung (gemeinsam mit seiner Frau Renate) über Gustav Landauer im „Café Gedanken frei“ am 21. November zusammen. Er gab damit auch eine Antwort auf die Frage der Gastgeberin Luc Jochimsen, was denn in heutiger Zeit aufrüttelnd und modern an Landauer sei.

Ernst und Renate Schumacher begannen ihre Lesung mit den letzten Lebens-Stunden Gustav Landauers am 2. Mai 1919: wie dieser verhöhnt, gequält und schließlich auf grausame Weise ermordet wurde. Die Täter waren aufgeputschte Reichswehr-Soldaten und Freikorps-Leute, die mit Wissen und Billigung des SPD-Ministers Gustav Noske („Einer muß der Bluthund sein.“) handelten. weiterlesen …


Eine Familie im Spiegelbild deutscher Geschichte

Am Sonntag hatten Gabi Zimmer und ich Prof. Georg Ebert, Enkel des ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert, zu Gast im Café Gedanken frei.
Am Beispiel dieser Familie lassen sich auch deutsche Geschichte und Parteiengeschichte veranschaulichen. Der Großvater Friedrich war der erste Reichspräsident, der Vater Friedrich Junior setzte sich im Osten als SPD-Mitglied für die Vereinigung zur SED ein. Ganz im Gegensatz dazu Bruder Karl, der im Westen für die SPD im Landtag von Baden-Württemberg saß. Von diesem tiefen Riss in der Familie erzählt der Enkel Georg in seinem Buch „Im Spannungsfeld zweier Welten“, aus dem er an diesem Vormittag las. Und er  zeichnet somit auch ein Bild der Parteienentwicklung und der Zerrissenheit zwischen SPD und Linke, die uns in Bann hält.

Georg Eberts Buch beginnt mit einem Prolog, aus dem ich zur Einführung ein paar Sätze vortrug:
„Es war schon ein eigentümliches Gefühl. Im Alter von 73 Jahren saß ich – Georg Ebert – in einem Fernsehstudio in Baden-Baden. Nicht etwa, weil ich Anfang der 50er Jahre an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin studiert und an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der KPdSU promoviert hatte. Auch nicht auf Grund meiner Tätigkeit als Lehrstuhlleiter an der Parteihochschule „Karl Marx“ beim ZK der SED. Ebenso wenig wegen meiner partei- und kommunalpolitischen Aktivitäten als Mitglied der PDS in den Jahren seit der Wende. Mitnichten, obwohl auch diese Themen beim Veranstalter Interesse fanden.
Die für mich außergewöhnliche Einladung erfolgte aus einem einzigen Grund. Ich bin Enkel eines bedeutenden Mannes, den ich zu meinem größten Bedauern nicht mehr kennengelernt habe: Friedrich Ebert, geboren 1871 in Heidelberg, Sozialdemokrat und in der Nachfolge von August Bebel Vorsitzender der SPD, nach dem Ersten Weltkrieg von 1919 bis zu seinem Tode 1925 erster Reichspräsident der Weimarer Republik. Und mein Großvater.“ weiterlesen …


Der Schriftsteller Volker Braun im Weimarer „Café Gedanken frei“

Für das erste „Café Gedanken frei“ nach der Sommerpause ist es uns gelungen, Volker Braun nach Weimar zu locken. Das Interesse war riesengroß. Vor unseren Gästen, darunter Bodo Ramelow, Gabi Zimmer, der Schriftsteller Landolf Scherzer, der Rezitator Lutz Görner oder der Künstler Walter Sachs, habe ich in meiner Eröffnung erklärt, wie wir zum Titel dieser Veranstaltung „Es genügt nicht die einfache Wahrheit“ kamen.

Wir leben in Zeiten der Lüge – egal ob es um die Atomenergie, Stuttgart 21, Thilo Sarrazins Thesen über die Dummheit der Menschen aufgrund ihrer Gene oder Erika Steinbachs Äußerung zur Rolle Polens beim Ausbruch des zweiten Weltkrieges geht. Und immer noch müssen wir fragen, warum wir uns in Afghanistan an diesem Krieg beteiligen. In diesen Zeiten suchen wir nach der Wahrheit. Und Volker Braun, Chronist unserer Zeit, hat schon im Jahr 1976 notiert: Es genügt nicht die einfache Wahrheit. Damals erschienen unter diesem Titel einige seiner Notate. Übrigens bemerkte der Schriftsteller nebenbei, dass er diese Linie in der Dichtung, die er als spontane Selbstgespräche beschrieb, gerne verwende. Es sei ja keine Lyrik, sondern im sachlichen Ton verfasste Beobachtungen. Es ist also eine Aufforderung an uns alle, uns nicht mit der einfachen Wahrheit zufrieden zu geben. Dabei stimmt es mich hoffnungsvoll, wenn ich sehe, wie Menschen gegen solche Lügen aufbegehren. weiterlesen …


Lesung und Gespräch mit dem Erfurter Stadtschreiber Catalin Florescu

florescuAuf der Suche nach der eigenen Identität, ja aus der damit einhergehenden Unruhe heraus, entsteht oftmals etwas Neues und Hoffnungsvolles. Die Freude, daran teilhaben zu können, bescherte uns gestern der Erfurter Stadtschreiber Catalin Florescu, den ich zusammen mit Gabi Zimmer in die Eckermann-Buchhandlung eingeladen hatte.

Die Suche, die der in Rumänien geborene und in der Schweiz aufgewachsene Schriftsteller unternimmt, ist nicht nur mit zahlreichen weiteren Landschaften und Orten verknüpft – man bedenke nur, dass er für seinen im C.H. Beck Verlag erschienenen Roman „Zaira“ einen längeren Aufenthalt in Washington (USA) absolvierte, um Teile der Handlung dorthin möglichst authentisch verlegen zu können.
Neben weiteren Landschaften und Orten sind es vor allem die zutiefst humanen Motive, an denen sich Florescus Suche inhaltlich orientiert: Ihn interessiert vor allem die Frage, wie wir glücklich und in Würde leben können. Sein Vortrag und seine Lesung aus „Zaira“ bestach durch Neugier, Wärme und Milde. Hiervon waren auch die Schilderungen und vorgelesenen Passagen geprägt, die vom Leben hinter dem Eisernen Vorhang handelten. Wir dürfen nun auf das nächste Werk von Catalin Florescu gespannt sein, das schon nächstes Jahr erscheinen soll. Uns erwartet ein weiteres Werk von europäischer Größe.


8. Mai: Gegen das Vergessen – Erinnerung neu beleben

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Thomas Hartung, Ottomar Rothmann und Horst Walkling-Röhn

Das Gedenken der mörderischen Verbrechen der Nazidiktatur muss zukünftig noch stärker als bisher durch Formen kritischer, gesamtgesellschaftlich getragener Auseinandersetzungen wach gehalten werden. Nicht nur das Verharmlosen oder gar Leugnen des rechten Spektrums fordert uns dazu auf. Zudem werden uns schon bald die wachrüttelnden Schilderungen der Zeitzeugen fehlen – also gerade jene Beiträge zur Erinnerungskultur, die in den letzten Jahren prägend waren. Dieses Fazit zogen Thoams Hartung und ich am Sonnatg in unserem „Café Gedanken frei“, das diesmal im Jugenstheater stellwerk im Weimarer bahnhof stattfand.

Welcher große Verlust mit dem Ableben der Generation der Überlebenden des Unrechts verbunden ist, wurde gleich zu Beginn der Veranstaltung deutlich. In sehr bewegenden wie nachdrücklichen Worten schilderten die als Jungendliche im KZ-Buchenwald Internierten Ottomar Rothmann und Horst Walkling-Röhn ihre Erlebnisse.

Rothmann – 1921 in Magdeburg geboren, 1943 verhaftet und ins KZ verschleppt – berichtete von den Verbrechen der SS, dem Schicksal der internierten Kinder sowie der Widerstandsgruppe des Lagers, zu der er gehörte. Seine Rede unterstrich mit Blick auf die Gräuel, dass „Menschen zu allem fähig sind, sich über alle Grenzen der Humanität hinwegsetzen können“, wie er selbst sagte. Hinsichtlich der Gemeinschaft der Internierten betonte Walkling-Röhn –1928 in Kassel geboren, 1942 zunächst in Holland verhaftet und nach Auschwitz deportiert, 1945 auf einem Todesmarsch nach Buchenwald geschickt – die Kraft der Solidarität. „Nur so war es möglich, Widerstand zu leisten und zu überleben“, sagte er.

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Steffen Trostorff und Jens-Christian Wagner

In einem zweiten Teil diskutierte ich mit Steffen Trostorff, Jugendbildungsreferent, und Dr. Jens-Christian Wagner, Leiter der Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Möglichkeiten, die Erinnerungskultur neu zu beleben. Bereits am 7. Mai hatte ich im Bundestag für unsere Fraktion den Antrag “Tag der Befreiung muss gesetzlicher Gedenktag werden” gestellt. In Weimar hob ich die Bedeutung des 8. Mai als Tag der Befreiung noch einmal hervor: Insgesamt wünsche ich mir ein lebendiges, von der ganzen Breite der Gesellschaft getragenes Gedenken, das nicht in Ritualen erstarrt.


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