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„Fremd im eigenen Land – Sinti und Roma in Niedersachsen nach dem Holocaust“ – Gespräch mit Zeitzeugen in Hildesheim

Im Sommer 1960 arbeitete ich zwei Monate lang als Praktikantin auf dem Wohnwagenplatz der Sinti in Hildesheim, um durch Beobachtungen und Befragungen Material für meine Dissertation bei dem Soziologen Helmut Schelsky zu sammeln – 1963 erschien sie unter dem Titel „Zigeuner heute. Untersuchung einer Außenseitergruppe in einer deutschen Mittelstadt“. Am Donnerstag kehrte ich nun für eine Diskussionsveranstaltung nach Hildesheim zurück, um mit anderen Zeitzeugen – Sinti, die damals als Kinder auf dem Platz lebten – zu sprechen.
Hier die Ankündigung zur Veranstaltung

Der Verein für Geschichte und Leben der Sinti und Roma in Niedersachsen e.V., der mich zu dieser Veranstaltung eingeladen hat, ist auch für die Wanderausstellung  „Fremd im eigenen Land. Sinti und Roma in Niedersachsen nach dem Holocaust“ verantwortlich, die seit 2009 durch Niedersachsen tourt. Nach der Befreiung von der NS-Herrschaft 1945 kehrten wenig tausend überlebende deutsche Sinti und Roma in eine Gesellschaft zurück, die ihre ablehnende Haltung gegenüber den „Zigeunern“ kaum geändert hatte. Wo und wie sich die Sinti und Roma ansiedelten, unter was für Umständen sich das Alltagsleben vollzog, was von ihrer reichen Kultur gerettet werden konnte – solchen und weiteren Fragen geht die Ausstellung mit Bildern und Dokumenten nach.

Anfang des Jahres erschien ein Katalog zur Ausstellung, der erweiterte Texte und zusätzliche Bilder enthält. In der Einleitung heißt es:

„Die stärkste Erweiterung erfuhr das nun recht umfangreich gewordene Kapitel über die Gemeinschaft der Sinti in Hildesheim. Zwei Gründe waren dafür ausschlaggebend: Einmal lag mit der Dissertation von Lukrezia Jochimsen eine einmalige soziologische Untersuchung über die Bewohner des Hildesheimer Wohnwagenplatzes im Jahr 1960 vor; zum anderen können aufgrund des Hildesheimer Materials exemplarisch die von der Mehrheitsgesellschaft unterstützten Versuche der Integration der Sinti durch Schulversuche und Wohnprojekte untersucht werden, die es so oder ähnlich auch in anderen niedersächsischen Städten gab.“

Und in dem besagten Kapitel „Regionale Schwerpunkte: Hildesheim“ wird u.a. wie folgt auf meine Dissertation eingegangen:

„Da für Jochimsen der niedere Bildungsgrad das Haupthindernis für die Integration der Randgruppe darstellt, sie andererseits konstatiert, dass bei der in Wohnungen im Barackenlager lebenden Gruppe alle schulpflichtigen Kinder die Schule oder den Kindergarten besuchen, liegt für sie die Schlussfolgerung auf der Hand: Um die Integration zu fördern, muss das Ghettoleben der Sinti im Wohnwagenlager beendet werden. Nach ihrer Analyse beruhte das bisherige Scheitern der Integration der Sinti in der Gesamtgesellschaft auf einem ‚Circulus vitiosus aus Anpassungsschwäche (von seiten der Zigeuner) und Vorurteil (von seiten der Umwelt)‘. Die dominierenden Anpassungsschwächen der Sinti sind nach ihrer Untersuchung ‚nicht die Kriminalität oder der Wandertrieb, nicht alte Nicht-Seßhaften-Tradition oder bewußte Anti-Sozialität, sondern Analphabetentum und völliger Mangel an beruflicher Ausbildung‘. Dem widerspricht auf der Seite der Mehrheitsgesellschaft das stereotyp fixierte Bild des ‚Wohnwagenlagerzigeuners‘ als einer Gruppe von ‚aus fremden Ländern hier eingewanderte(n), andersrassige(n) Nomaden mit stark negativen Außenseitermerkmalen‘ – eben den genannten Stereotypen Kriminalität, Asozialität, ewiger Wandertrieb und Faulheit. Der Vorurteilscharakter dieses allgemeinen Zigeunerbildes kommt besonders dadurch zum Ausdruck, dass es – wie die von Jochimsen zusätzlich durchgeführte Befragung von 200 Bürgern der Stadt ergeben hat – auch dadurch nicht erschüttert wurde, dass etwa drei Viertel der Befragten durchaus realitätsnahe Vorstellungen über die Sinti in ihrer Stadt äußerten, die diesem stereotypen Bild deutlich widersprachen.“

Wie kam es eigentlich zu meiner Untersuchung in Hildesheim, was veranlasste mich als junge Frau, mich mit diesem Außenseiterthema zu befassen? Da gab es ein Jahr zuvor eine Art Schlüsselerlebnis, das ich in dem Beitrag Mein halbes Jahrhundert „mit den Zigeunern“ für das Buch „Hommage an die Zigeuner“ (2010) von Hans-Werner Kiefer schildere.

Fotos aus dem Katalog zur Ausstellung „Fremd im eigenen Land – Sinti und Roma in Niedersachsen nach dem Holocaust“:

Der Wohnwagenplatz an der Lademühle (1953)
Umzug vom Platz an der Lademühle zur Münchewiese (1964)
Die 1964 erbaute "Zigeunerschule" an der Münchewiese
Unzumutbare Zustände auf der Münchewiese im Winter 1978/79