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Die szenische Lesung des ERFURTER PROGRAMMS „1891/2011″

Jetzt endlich ist es soweit. Der lang geplante Programmparteitag wird nun heute in Erfurt eröffnet.
Nach dem Grußwort des Landes- vorsitzenden Knut Korschewsky und der Rede von Gesine Lötzsch, wird die Szenische Lesung des Erfurter Programms um 14 Uhr stattfinden.

WARUM UND ZU WELCHEM NUTZEN lesen wir öffentlich DAS ERFURTER PROGRAMM von 1891 auf unserem Programm-Parteitag?

Wann wird Geschichte lebendig? Wenn wir an den Ort zurück- kehren, wo Geschichtliches gedacht, erarbeitet, formuliert wurde. Und wenn wir darüber hinaus ein Datum erleben, welches Erinnerung geradezu aufruft: Erfurt im Oktober 2011 ist ein solcher Ort und ein solches Datum: Ein Parteitag der ein Programm schaffen soll. 110 Jahre nachdem die Mutterpartei der heutigen Linken, dies ebenfalls getan hat. Denn das ist das geschichtliche Spiegelbild zu heute: Erfurt im Oktober 1891 und das damals erarbeitete ERFURTER PROGRAMM der sozialdemokratischen Partei.

Partei-Programme sind Chiffren, nach über hundert Jahren sind sie meistens bestenfalls legendär. Können sie uns heute noch etwas bedeuten? Das werden wir erleben. Der knappe Text, nicht mehr als vier Seiten, aufgeteilt in Programm und zehn Forderungen hat es hammerartig in sich. Er wurde ja auch von einem Redaktionsteam geschrieben, das sich sehen lassen kann: Bebel, Bernstein, Engels, Kautsky und Wilhelm Liebknecht…

Es ging in der Welt von damals um die Welt von heute – ihre ökonomische und humane Misere und die möglichen Auflösungen dieser Misere: der Schaffung einer gerechten Wirtschaftsdemokratie.

DAS ERFURTER PROGRAMM konstatiert:

-         „Ein riesenhaftes Wachstum der Produktivität der menschlichen Arbeit…“
-         „Immer massenhafter wird die Armee der überschüssigen Arbeiter,  immer schofter der Gegensatz zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten…“
-         „Der Abgrund wird noch erweitert durch die Krisen, die immer umfangreicher und verheerender werden…“
-         „Die allgemeine Unsicherheit wird zum Normalzustand der Gesellschaft…“
-         „Das Privateigentum ist heute zum Mittel geworden, die Nicht-Arbeiter in den Besitz des Produkts der Arbeiter zu setzen…“
Da wird Geschichte lebendig und bildet ein Fundament für ein Programm der Zukunft!
Natürlich werden auf Parteitagen stets Teile früherer Programme in spätere übernommen. Sie werden auch in Grundsatz-Reden zitiert, aber das bleibt bruchstückhaft und damit beziehungslos. Was wir dieses Mal vorhaben, das knappe, wegweisende Erfurter Programm von 1891 als Ouvertüre gewissermaßen der Programm-Arbeit von 2011 voran zu stellen, ist etwas anderes.
Es ist der Versuch, uns die Kontinuität vergangener Politik auf besondere Weise bewusst zu machen, auch und gerade weil sie heute so gern vergessen und verfemt wird. Das Erbe anzutreten, ist unsere besondere Verpflichtung. Aber unser Elend besteht zurzeit darin, dass man unser Programm und seine Wuzeln gar nicht kennt, nicht zur Kenntnis erhält. Weder innerhalb unserer Gesellschaft – noch außerhalb.
Ein spektakuläres Beispiel dafür: In einem großen Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung am 2. Oktober konstatiert der renommierte griechische Soziologe Michael Kelpanides :
„Ich komme aus dem Staunen darüber nicht heraus, wie die Bundesregierung mit Unterstützung der Opposition – „da kennt er offenbar nur die SPD und die GRÜNEN, wie es die Medien ja auch weitreichend insinuieren“ – dem fachlichen Standpunkt einer erdrückenden Mehrheit der deutschen Ökonomen zuwiderhandelt. Es erstaunt mich auch, dass noch nicht eine Partei aufgekommen ist, die diesen Kurs gegensteuert.“ Er hat von der Linken noch nichts gehört und vernommen. „Offenbar ist der Korrekturmechanismus der Konkurrenzdemokratie in Deutschland gegenwärtig gestört.“ Ja, Konkurrenzdemokratie! Es gibt nur die Koalition und die Opposition von SPD und GRÜNEN, die fast allem zustimmt, also eine „Riesenkoalition“ bildet von CSU bis GRÜN. Die einzige Partei, die gegenhält kennt der Soziologe Kelpanides gar nicht. Er hat nichts wahrgenommen von unseren Positionen, Reden, Abstimmungen im Parlament. Wir sind für ihn nicht sichtbar. Das müssen wir im Oktober 2011 endlich ändern. Wir müssen wieder wahrgenommen werden als die eine Stimme, die „Nein“ sagt, die nicht mitmacht im großen Mahlstrom der verabredeten Politik. Konkurrenzdemokratie herstellen! Eine Aufgabe fürwahr. Da schließt sich übrigens der Kreis der Geschichte von 1891. Wer nahm damals die „rote Umsturzpartei“ SPD wahr, die erst kurz vorher der Illegalität der Bismarckschen Sozialistengesetze entkommen war? Diffamiert, diskreditiert, ausgegrenzt, „unsichtbar“ gemacht – 1891 wie 2011. Wenn man sich diese Parallelität klar macht – wird Geschichte lebendig, Gegenwart wichtig und Zukunft möglich. Deshalb integrieren wir das ERFURTER PROGRAMM von 1891 in unseren Programm-Parteitag in diesem Oktober 2011.