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Macht Freiheit Reformation – Der Auftakt mit dem „Satan von Allstedt“

Gestern Abend begann die 5. Veranstaltung „Kultur neu denken“ in Mühlhausen in der Kilianikirche – meine Kollegin Birgit Klaubert erinnerte zu Beginn an den bisherigen Weg: über Bad Frankenhausen, Erfurt, Weimar und Gotha in den Unstrut-Hainich Kreis. „Nach jeder Veranstaltung sind wir alle ein bisschen klüger geworden“ sagt sie. Ich erinnerte an den roten Faden dieser Reihe: „Alle Veranstaltungen liegen mit ihrem Thema zwischen den beiden Polen Macht und Freiheit, die unser Leben seit Menschengedenken bestimmen“. Hier in Mühlhausen ist das Thema Reformation und mit Thomas Müntzer wollen wir uns einer Person widmen, die in der bisherigen Geschichte sehr unterschiedlich bewertet wurde.

Zum Auftakt zeigten wir das MDR-Dokudrama „Der Satan von Allstedt“. Er zeigt, wie sich Müntzer vom einem Freund Luthers zu seinem Gegner wandelt. Er radikalisiert sich im Laufe der Zeit zunehmend – ihm reicht offenbar nicht die „Reformation“ der bestehenden Verhältnisse, sondern er möchte eine andere Gesellschaft und die notfalls auch mit Gewalt. Am Ende unterliegt Müntzer mit seinen aufständischen Bauern und die Sieger prägen sein Bild in der Geschichte: Aufrührer, Umstürzler, Gottloser.

In der anschließenden Diskussion mit dem Filmautor Matthias Schmidt und dem Filmhistoriker Dr. Michael Grisko versuchten wir, das Bild von Müntzer differenzierter zu gestalten. Schmidt gestand, zu Beginn des Filmauftrags nur den „Mann vom 5-Mark-Schein“ gekannt zu haben. „Es gab Thomas-Müntzer-Schulen, Müntzer-LPG‘en und Straßen – aber über die komplexe Figur wußte ich wenig.“ Er sei davon überzeugt gewesen, dass sich die Zuschauer eher von der Handlungsseite Müntzer nähern könnten als über die theologische. „Ich habe immer gesagt, während Luther bereits im ICE in der ersten Klasse unterwegs war, ist Müntzer noch im Regionalexpress von Ort zu Ort gefahren“ sagte Schmidt. Grisko erinnerte an die unterschiedlichen Filmbilder von Müntzer. Der Ostblick auf den Vorkommunisten 1956 in der DEFA, der Umstürzler 1970 im Westfernsehen. Als 1989 in der DDR erneut ein Film gedreht wurde, sei es während der Dreharbeiten zu einer Änderung der Sichtweise gekommen. Die Herrschaftskritik Müntzers wandte sich immer mehr nach innen. Grisko wörtlich: „Es münzerte immer“.

Die nächste Diskussionsrunde eröffnete Birgit Klaubert, Sie warf die Frage der Gewalt bei Müntzer auf. Schmidt antwortete, dass die Frage der Gewalt immer im historischen Kontext zu sehen sei. „Wir können uns das Leben um 1500 nicht wirklich vorstellen – die tägliche Gewalt, die Angst vor der Apokalypse, die Armut und den Druck, um das tägliche Leben kämpfen zu müssen“ war er sich sicher. Ich fragte nach, ob Müntzer in Kairo oder Tunis in der ersten Reihe hätte stehen können. Grisko war sich nicht sicher: „Die Antwort ist eindeutig, Nein und Ja.“ Nein, denn die Historie lässt sich nicht vergleichen. Ja, denn Umstürze brauchen Organisatoren, Redner, Anführer.

Und was bedeutet Müntzer jetzt für Sie ganz persönlich, welches Bild können wir von ihm mitnehmen? Grisko sieht Müntzer als kompromisslosen Streiter, als Vorbild dafür auch um der Sache selbst willen zu kämpfen. „Viele politische Entscheidungen heute sind ohne große Auswirkungen, sie betreffen meist nur den Geldbeutel. Müntzer zeigt, das es lohnt auch um kleine Veränderungen zu kämpfen.“ Für Schmidt ist Müntzer ein Kämpfer für die Sache, der leider am Ende nur noch die Gewalt als finale Lösung sah. „In diesem Sinne war es gut, dass wir ‚89 keinen Müntzer in Leipzig hatten“.

Dann kamen auch das Publikum zu Wort. Thomas T. Müller, Direktor der Mühlhäuser Museen schilderte einen Briefwechsel mit dem MDR, in dem er im Namen der Müntzer-Gesellschaft um die Aufnahme Müntzers in die regionale Doku-Reihe des Senders bat. Zunächst gab es eine harsche Absage, man habe bereits Luther, das reiche. Kurze Zeit später meldete sich das ZDF, von ihm aber gar nicht angeschrieben. Man wolle einen Müntzer-Film machen. Und siehe da: wiederum einige Zeit später wollte auch der MDR einen Film drehen und von einer vorherigen Absage wisse man nicht. (!). Offenbar hatte die ZDF-Entscheidung zum Umdenken geführt.

Einen kleinen Streit gab es um die eingebaute Szene mit der Fürstenpredigt. Während ich diese Szene besonders eindrücklich fand, beispielhaft für den Mut des einzelnen den Herrschenden die Stirn zu bieten, bemängelte Siegfried Bräuer, der das Filmteam beraten hatte, die Umsetzung der Szene. „Der Landgraf des Malsfelder Landes hat an dieser Runde gar nicht teilgenommen und es fällt nicht ein einziger konkreter Satz aus dieser rede, obwohl sie dokumentarisch bestens belegt ist“. Der Autor Schmidt gab die Fehler zu, verteidigte die Umsetzung aus dramaturgischen Gründen. „Wir wollten möglichst viele theologische Inhalte durch wörtliche Rede vermitteln.“ Deshalb wurde die Rede aus Fragmenten zusammengestellt. Und um den Spannungsbogen aufrecht zu halten, sei es notwendig gewesen den Landgrafen auch in der Mitte nochmals auftauchen zu lassen. Dies erkläre auch die recht drastischen Folterschilderungen zu Beginn und zum Ende des Films.

Damit ging die Diskussionsrunde zu Ende und Birgit Klaubert stellte den Künstler vor, der den Abschluss des Abends gestalten würde, Reinhold Andert. Der Liedermacher und Mitbegründer des Berliner Oktoberklubs, zeitweiliger FDJ-Kultursekretär wollte eigentlich Priester werden. Er fiel 1979 in Ungnade und wurde aus der SED ausgeschlossen. Danach konzentrierte er sich auf historische Studien und verband dies mit seiner musikalischen Tätigkeit. Mit seinen kabarettistisch-lyrischen Liedgedichten, u.a. „Der vorletzte Gang des Thomas Müntzer“ und das „Lied vom Leben“. In seinen humorvollen Zwischentexten stellte er die These auf, dass die Besiegten im Laufe der Zeit von den Siegern die Macht übernehmen. Die Sieger würden faul und nachlässig, die Besiegten hätten den kulturellen Vorteil von ihnen übernommen und übernähmen sukzessive die Macht. „Das wir jetzt zwei Ossis an der Spitze haben, ist aber nicht unbedingt ein Beweis für diese These.“ Er hatte die Lacher auf seiner Seite.

Am Ende lud ich alle Anwesenden zu den Gesprächsrunden am Sonntag in die Kornmarktkirche ein: „Wir alle freuen uns jetzt auf die Diskussionen und die spannenden Gäste des morgigen Tages.“