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Macht Reformation Freiheit – Die Fortsetzung 1. Teil

„Kultur neu denken“ ging heute morgen in der Kornmarktkirche in Mühlhausen weiter. Hier ist Müntzer bereits präsent: Mit dem Bauernkriegsmuseum und der Sonderausstellung „Der geprägte Reformator – Thomas Müntzer auf Münzen und Medaillen“.

Der Tag wurde eröffnet von der Erfurter Pröbstin a.D., Elfriede Begrich. In ihren „Morgengedanken unter dem Zeichen des Regenbogens“ setzte sie sich mit Wundern und der menschlichen Verwunderung auseinander. „Wunder kommen ganz ohne Vermittlung, ohne Priester, vielleicht sogar ohne Bibel“ so ihr Credo. Und die „Ver-wunderung“ hat immer auch eine politische Dimension. Dann setzte sie sich mit dem Zeichen der Müntzerischen Bewegung auseinander, dem Regenbogen. „Der Regenbogen ist das Zeichen des Bündnisses zwischen Gott und der Erde. Das Zeichen des Friedens zwischen Gott und den Menschen“ ist sie überzeugt. Thomas Müntzer ist ein Rebell in Christo – durch seinen Kampf gegen die „Grundsuppe des Wuchers“, des Eigentums von Wenigen.

Anschließend kam Thomas T. Müller, der Direktor der Mühlhäuser Museen zu Wort. Er zeichnete ein Bild von Thomas Müntzer – über den „Wolf im Schafspelz, der Uffruhr predigt“ – so Luther, bis zum vor-sozialistischen Idol der Nachkriegszeit in der DDR. Bis ins 18. Jahrhundert hinein blieb die Brandmarkung Luthers als „Satan von Allstedt“ bestehen, dann begann eine vorsichtige Neubewertung. Im Mühlhausen des 19. und 20. Jahrhunderts fand eine sehr kontroverse Auseinandersetzung um Luther statt. Während Sozialdemokraten und Kommunisten in ihm einen „Vorkämpfer des Sozialismus“ sahen, stellten ihn die Konservativen als „Umstürzler der herrschenden Ordnung“ dar. Nach dem 2. Weltkrieg war Müntzer stark nachgefragt, als Namensgeber für Straßen und Kollektive, 1975 wurde Mühlhausen Thomas-Müntzer-Stadt.. Nach 1990 kam der Rückzug – die Namen wurden an vielen Stellen wieder abgelegt. Müller riet zu einem differenziertem Müntzer-Gedenken auf: „Wir müssen Müntzer nicht ständig in irgendeine politische, ideologische Richtung hinein interpretieren“ ist sein Fazit.

 

Als nächster Referent zeichnete Professor Günter Vogler den Weg Müntzers ähnlich nach. Nach seiner Einschätzung findet nach der französischen Revolution in Deutschland eine Neubewertung Müntzers statt. Müntzer wird als Alternative in der reformatorischen Theorie benannt. 1793 schreibt Hammersdörfer eine Geschichte der lutherischen Reformation und fand in Münterzs Lehre „sehr viel gesunde Vernunft“ verborgen. Und der Historiker und Literat nannte Müntzer 1843 „einen der herausragenden Männer der Bewegung“. Danach begann die Rezeption Müntzers durch die sozialistische Bewegung. Engels nannte Müntzer einen „plebejischen Revolutionär“. Nach 1945 wurde die Müntzerforschung durch die Bildung zweier deutscher Staaten beeinflusst. Er geriet zwischen „die Mahlsteine der politischen Systeme in Ost und West“. Und mit der Wende 1989 ändert sich die Situation grundlegend, Müntzer werde nicht mehr als Traditionsfigur eines Staates in Anspruch genommen. 2001 kommt es dann zur Gründung der Thomas-Müntzer-Gesellschaft mit Mitgliedern aus Ost und West.

In seinem Zwischenruf „Christentum und Kommunismus“ bezog sich Thomas Völker, M.A., auf seine Bachelor Arbeit zu Müntzer. Er nannte Müntzer einen christlichen Kommunisten und bezog sich dabei auf dessen Skizzierung einer christlichen Urgesellschaft. Völker ist davon überzeugt, dass Müntzer nicht trotz sondern wegen seiner Religiosität seine Theorien entwickelte und sieht die Fortsetzung in der Befreiungstheologie und der 1-Welt-Kirche.

In der folgenden Diskussionsrunde entspann sich auf eine Nachfrage aus dem Publikum zunächst ein kurzer Diskurs, wie wohl die nächste Inschrift auf dem Gedenkstein an der Bauernkriegsstätte aussehen könnte. Während Müller Nachdenken und eine gemeinsame Runde von Historikern und Theologen empfahl, ging Begrich einen Schritt weiter: Ein Bibelzitat wie „Ein Volk ohne Visionen geht zugrunde“, darunter die biografischen Daten. In weiteren Wortmeldungen wurde Müntzer in Bezug zu Gustav Landauer gestellt und das Schubladendenken Christ-Kommunist-Atheist kritisiert. Ein weiterer Gast mahnte die historische Wahrheit auch in religiösen Grenzfragen an. Ihm antwortete Vogler, es gäbe keine absolute Wahrheit in der Historie. Die Wahrheitsfindung sei ein stufenweiser Prozess, dem aber im Falle Müntzers der Konflikt sehr gut getan habe. Und Völker meinte sogar: „Der Müntzer-Forschung hätte es sehr gut getan, wenn die DDR noch 5 Jahre länger existiert hätte“.