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Macht Reformation Freiheit – Die Fortsetzung 2. Teil

Nach einer kurzen Pause wurde das Programm fortgesetzt. Prof. Dr. Hans-Jürgen Goertz, Theologe und Vorsitzender der Müntzer-Gesellschaft beschäftigte sich mit Müntzers Theologie und seiner Bedeutung heute. Zunächst ordnete er Müntzer nicht nur als Revolutionsfigur, sondern auch als Theologe ein. Das „Alter-Ego Luthers“ habe sowohl zukunftsfähige Ideen (die Souveränität des Volkes) als auch mittelalterliche Züge gehabt (seine mystische Frömmigkeit und die Erwartung der Apokalypse). Müntzer kritisiert Luthers Rechtfertigungslehre. „Das Heil wird nicht mitgeteilt, der Mensch trägt es in sich“. Die Veränderung der Welt beginnt mit der Veränderung des Menschen, dazu muss dieser aber seine Angst und Furcht überwinden. Befreit von seiner „Kreativenfurcht“ (Müntzer) könne der Mensch eine andere Stufe der Frömmigkeit erreichen. Zum Abschluss zitierte Goertz Fritz Maass, der noch einen Schritt weitergeht und der Meinung ist, die „christliche Weltrevolution sei fällig.“ In diesem Kontext ist Müntzer für Goertz in der Gegenwart angekommen.

Jetzt folgt eine Diskussionsrunde mit Elfriede Begrich, dem Dekan der katholisch-theologischen Fakultät der Uni Erfurt, Prof. Dr. Freitag, der Botschafterin der Reformationsdekade Margot Käßmann und Rabbiner Prof. Homolka. Unter der Überschrift „Thomas Müntzer und die Theologie“ fragte ich zunächst, welches Sicht auf Müntzer die Runde hat. Für Käßmann ist Müntzer Teil der Revolution, für Begrich kann Müntzer bei der weitern Reformation der Kirche eine wichtige Rolle spielen. Für Freitag gibt es keine eindeutige Sicht, die Kirchen befänden sich seit 500 Jahren auf einem differenzierten Weg. Und Homolka sagte, die Rezeption Müntzers in der jüdischen Theologie nehme mit dieser Tagung ihren Anfang. Wenn er aber das bisher gehörte einschätze, dann „können die Juden mit Müntzer etwas anfangen, vielleicht sogar mehr als mit Martin Luther.“

Ich fragte nach, was denn Müntzer in einer Zeit der Abkehr von der Kirche bedeuten könne? Für Begrich sind nicht mehr nur Verlautbarungen, sondern Taten notwendig: „Gott offenbart sich nicht nur hinter Kirchenmauern“. Käßmann betonte die Wichtigkeit der Triade von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung die dringend mehr Vernetzung benötige. Für Freitag sind die kleinen Schritte, die kleinen Erfolge wichtig denn zur „äußeren Freiheit gehöre auch eine Innere.“ Homolka fragte nach den Gemeinsamkeiten der Religionen und verwies auf den Noachitischen Bund, dessen Credo sei: Wer nach Gottes Regeln lebt, wird von ihm behandelt, als hätte er an ihn geglaubt. „Das ist eine Einladung an alle Agnostiker und Atheisten hier im Saal, bei uns mitzuarbeiten“.

Ob denn diese Einschätzungen nicht zu optimistisch seien, schließlich verändere sich die Welt in Richtung der „Grundsuppe des Übels“, in Richtung Zerstörung. Das war Frau Käßmann zu pessimistisch: „Da kann man sich ja nur noch ins Bett legen und schluchzen“. Für sie sind positive Veränderungen möglich und verwies auf die Occupy-Bewegung und die zahlreichen Frauen in den islamischen Oppositionsbewegungen. Begrich erinnerte daran, dass wir uns immer nur erzählen würden, was nicht funktioniert hat. „Ermutiger brauchen Ermutigung“! Und Homolka setzte auf die „jüdische Disziplin“. Jeder Mensch trage an irgendeiner Stelle Verantwortung und wenn man an diese erinnere, kann man Menschen bewegen. „Wir müssen immer wieder sagen: Da muss doch noch was gehen.“