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Wir müssen Religionen verstehen

Das war Motto und zugleich Fazit meiner Veranstaltung gestern Abend in Weimar. In kleinem aber feinem Kreis lebte an Goethes Wirkungsstätte der Geist des „West-Östlichen Divans“ wieder auf:

„Herrlich ist der Orient
übers Mittelmeer gedrungen
Nur wer Hafis liebt und kennt,
weiß was Calderon gesungen.

Wer sich selbst und andre kennt
Wird auch hier erkennen
Orient und Okzident
sind nicht mehr zu trennen.“

Zur Vorgeschichte dieser Veranstaltung:

Vom 16. bis 21. September reiste ich mit dem Unterausschuss Auswärtige Kulturpolitik nach Marokko und Tunesien. Hintergrund waren Appelle tunesischer Künstler, die auf ihre Situation in der gegenwärtigen Umbruchsphase in ihrem Heimatland aufmerksam machen wollten. Die Reise fand unter schwierigen Vorzeichen statt: nach der Attacke auf die amerikanische Botschaft, die ihrerseits auf den unseligen Film zurückzuführen war, der, im Namen der Meinungsfreiheit religiöse Gefühle verletzend,  Mohammed karikiert. Um die Lage in Tunesien, einem „Land des Arabischen Frühlings“ besser in ihrem regionalen Kontext vergleichen zu können, hatten wir uns entschlossen, auch Marokko zu besuchen, das sich auf einem „Dritten Weg“ sieht, einem Weg zur repräsentativen Monarchie mit arabischem Antlitz.

Wegen der offensichtlichen Aktualität des Themas hatte mein Kreisverband Apolda-Weimar mich gebeten, von dieser Reise zu berichten. Also las ich an einem verschneiten Weimarer Oktoberabend im gemütlichen Gewölbekeller der Stadtbücherei aus meinen Tagebüchern über eine doch oft für uns nur schwer vorstellbare Welt (siehe Tagebücher). Auch im Publikum war dieser „andere“ Kulturkreis vertreten.  Dass unsere Welten historisch zusammengehören, dass Orient und Okzident zusammenkommen können und müssen, war jedoch beeindruckender Konsens unserer anschließenden Diskussion. Wichtige Fragen des Meinungsaustauschs waren die nach dem innewohnenden Toleranzgedanken des Islam versus radikale Strömungen wie auch nach dem Reformationsbedarf bzw. der Reformierbarkeit von Religionen im Allgemeinen. Was ist der Weg zum Frieden und die Gegenidee zur Formierung neuer „Blöcke“ in der Welt? Unsere gestrige „Diskussionsgemeinschaft“ war mit mir der Meinung, dass der Weg zum Verständnis (anderer) Religionen und Kulturen nur auf dem Kennenlernen, der Kenntnisaneignung beruhen kann. Um zu verstehen, können wir nicht aus der Position der Ignoranz heraus agieren: dies betrifft sowohl das Lernen über fremde Kulturen und Religionen wie auch das Hineinfühlen in Religiosität überhaupt.

Von Weimar, in dem mit Goethes „West-Östlichen Divan“ schon einmal auf diese Notwendigkeit und bereichernde Chance hingewiesen wurde, das mit seiner einzigartigen Geschichte aber auch an die Schrecken einer Welt der Ignoranz und Intoleranz erinnert, sollte in dieser Hinsicht ein Signal ausgehen – darin waren sich die Anwesenden einig und wir verließen den Raum mit dem Gefühl, von hier aus vielleicht Zukunft zu gestalten.