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Provinzkultur im „Café Gedanken frei“

Es scheint, als hätten sie bei ihrem Projekt einfach an alles gedacht – Claudia und Hendrik Neukirchner, die Gründer des Vereins PROVINZKULTUR, der für unser heutiges
„Café Gedanken frei“ namensgebend war:

„Der gemeinnützige Verein PROVINZKULTUR e.V. mit Sitz in der kreisfreien Stadt Suhl im Süden Thüringens organisiert seit mehr als zehn Jahren Lesungen, Theater, Kinovorführungen, Kabarett, Musik, Performance und Tanz für alle Altersschichten auf hohem künstlerischem Niveau an unterschiedlichen Veranstaltungsorten. Die territoriale Kulisse dafür bietet der Thüringer Wald. Alljährlicher Höhepunkt ist der PROVINZSCHREI – Das Kunst- und Literaturfest im Thüringer Wald, der kompakt von September bis Oktober über einen Monat lang die Waldbewohner und ihre Gäste mit Kultur verwöhnt. Neben dem PROVINZSCHREI hat der Verein mit den Veranstaltungsreihen Freitagssalon – Kopf und Bauch, der seit 2012 übers Jahr auf Wanderschaft durch den Thüringer Wald geht, und mit dem KinderPROVINZSCHREI, der sich mit kindgerechten Angeboten an Kindergarten- und Schulkinder richtet, zwei weitere interessante Kulturangebote in seinem Portfolio.
Außerdem hat sich der Verein einen Namen mit der Organisation und Durchführung von Schreib- und Literaturwettbewerben gemacht. Seit zwölf Jahren richten sich diese jährlich wechselnd an Jugendliche oder Senioren. Im Jahr 2012 wird außerdem erstmals der Walter-Werner-Lyrikpreis vergeben. In den Jahren 2012 bis 2014 wird der PROVINZKULTUR e.V. durch eine Förderung durch die Europäische Union und das Bundesministerium für Arbeit und Soziales im Rahmen des ESF und innerhalb des Programms „XENOS – Integration und Vielfalt“ das umfangreiche Kulturprojekt Thüringer(KULTUR)Wald – Kultur, Bildung, Tradition und Sport als gestaltende Elemente für Toleranz und Vielfalt im ländlichen Raum durchführen.“

Aus dieser Selbstdarstellung des Vereins auf seiner Internetpräsenz kann man in etwa entnehmen, was für uns heute in einer Bild- und Toncollage, im Gespräch mit meinem Landtagskollegen Dirk Möller und mir und in der Diskussion mit unseren Gästen – zum Teil selbst Vertreter lokaler und regionaler Kulturinitiativen – erlebbar wurde:


Zwei ideenreiche junge Leute, die ihre „provinzielle“ Heimatstadt Suhl nicht der schleichenden kulturellen „Verwüstung“ preisgeben wollten, sondern eigene Kräfte dagegensetzen, kreativ und erfolgreich auf die Suche nach Sponsoren und Helfern gehen, ungewöhnliche Veranstaltungsorte ausfindig machen für ein Konzept, das seinesgleichen sucht. Es scheint auf der Idee von Vielfalt zu beruhen – einer Vielfalt an Aktivitäten, an Kunstformen und Genres, an scheinbaren Gegensätzen, die sich aber ergänzen … Bekannte neben regionalen Künstlern, die Förderung brauchen – reflektiert auf der anderen Seite durch Zugang für alle denkbaren Zielgruppen: Kinder, Senioren, sozial oder anderweitig Benachteiligte … Niemand und nichts wird vergessen: nicht die Stadt, nicht das Land, nicht die Kinderbetreuung, nicht der durch den Magen gehende Kunstsinn und Kommunikationsdrang … und nicht die Verschiedenheit der Menschen, die man alle auf unterschiedliche Art versucht zu erreichen.
Und der Inhalt dieser beispielhaften „Kultur für alle“? Bekennendermaßen jenseits des Mainstream, kontroversen Themen zugewandt, sich einmischend in die Diskussionen der Gesellschaft wie z.B. mit der Lesung eines Aussteigers aus der intellektuellen rechtsextremen Szene. Die Projekte dieses Vereins scheinen eine praktische Antwort auf die theoretische Forderung zu sein, die ich am Anfang der Veranstaltung – immer noch unter dem Eindruck des schrecklichen Jubiläums in dieser Woche – stellte: Wir müssen auf Kultur setzen im Kampf gegen Menschenverachtung, wir müssen uns aber immer wieder auch fragen, welche Art von Kultur wir meinen und ob sie leistet, was sie leisten soll.
Um zwei weiterführende Themen kreiste dann unsere Diskussion: Wie kann man Kultur noch öffentlicher machen, sie in den öffentlichen Raum, mitten in die Stadt, ins Leben der Menschen bringen? Und wie bewegt man sich im Spannungsfeld zwischen der einerseits klar positiven Rolle von Eigeninitiative und der andererseits omnipräsenten Verdrängung von Kulturförderung in den Bereich „freiwilliger“ Leistungen, die Kultur ganz von Ehrenamt und Mäzenatentum nach angelsächsischem Vorbild, wie es Dirk Möller nannte, abhängig zu machen droht. Ich verwies darauf, dass der Ursprung der „Freiwilligkeit“ dieser Leistungen eigentlich die Idee der Freiheit der Kultur von zentralistischer staatlicher Beeinflussung nach den Erfahrungen des Dritten Reiches war. Stattdessen ist das Wort jetzt zum fiskalischen Begriff verkommen, der Kultur immer mehr als verzichtbare Nebensache darstellt und auch bedauerlicherweise oft ausgerechnet gegen die notwendige Bekämpfung sozialer Probleme ausgespielt wird. Gegen dieses widersinnige Ausspielen ineinander verwobener Problematiken wenden wir LINKE uns immer wieder und fordern, Kultur als Staatsziel, als allgemein schützenswertes und förderungswürdiges Gut für alle in der Verfassung zu verankern.
Bis dahin und darüber hinaus bedarf es jedoch der energischen „Spinner“, die Kultur selbst realisieren, obwohl und während sie Zukunft träumen.