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Inge Heym las frühe Gedichte von Stefan Heym im „Café Gedanken frei“


„Wussten Sie, dass Stefan Heym Gedichte geschrieben hat?“
fragte Inge Heym in die Runde. „Nein? Dann geht es Ihnen wie mir – ich wusste das nämlich auch nicht.“
Dass sie sich für diese Gedichte und diesen Mann zu interessieren begann und dann über 30 Jahre ihres Lebens mit ihm teilte, hat nach ihrer Aussage eine Menge mit Weimar zu tun: „Hier schließt sich ein Kreis“, deshalb habe sie auch froh der Einladung an diesen Ort zugesagt. Und mir war es eine Ehre, diese Frau – Autorin, Szenaristin und Dramaturgin vieler bekannter Kinderfilme – als Gast in unserem „Café Gedanken frei“ zu begrüßen. Sie las aus einem Band früher Gedichte ihres Mannes, den sie aktuell herausgegeben hat. (Stefan Heym: Ich aber ging über die Grenze, Bertelsmann)

Stefan Heym wollte über seine – allesamt frühe – Poesie nicht reden. „Exportgeschäft“, ein Antikriegsgedicht, geschrieben mit 16 Jahren in der Schulstunde eines Chemnitzer Gymnasium, erregte so viel Aufsehen, dass er die Stadt verlassen musste und steht so vielleicht symbolisch für die erste Grenzüberschreitung, das erste Exil seines Lebens. Er bezeichnete es später als „… ein bestenfalls mittelmäßiges, dilettantisches Gedicht …“. Ob es ihm recht gewesen wäre, dass sie seine Gedichte veröffentlichte, fragt sich seine Frau. Ein Zuhörer beantwortet später in der Diskussion die Frage so: er hätte es doch wollen müssen – von solcher Aktualität sind sie trotz der Zeit, die vergangen ist.
Die Auswahl, die Inge uns heute aus dem von ihr herausgegebenen Gedichtband „Ich aber ging über die Grenze“ vorlas, schien tatsächlich erschreckend aktuell: sie handelte von Armut, und den bekannten Reflexen der Meinungsbildung und des Mitläufertums („In Deutschland hungert keiner“, „Deutsche Szene“), von Krieg und Kriegsgewinnlerei („Nie wieder Krieg“,„Exportgeschäft“), von Schmerz und Wiederkommen („Der Fremde“, „Ich aber ging über die Grenze“) … Aber auch seine Auseinandersetzung mit Problemen in den Reihen der scheinbar Gleichgesinnten („Genies an Marmortischen“), seine Reibung an den Unzulänglichkeiten des sozialistischen Systems deuteten sich an:
Wussten wir, dass er Märchen schrieb? Märchen z.B., die wie eine Parabel über die „Wahrheit“ und den Umgang mit ihr klingen, und doch nur der „Entspannung“ eines Autors dienten, für den Schreiben eben zum täglichen Sein gehörte? Zuhören durften wir dabei ihm selbst („Wie es mit dem kleinen Jungen, der die Wahrheit sagte, weiterging“) und erinnerten uns nicht nur, wie sehr wir diese Stimme geschätzt hatten und wie sehr sie fehlt. Die Aktualität des Gehörten, die vom trotzigen Anecken an jeder Sorte gesellschaftlicher Dummheit zeugt, sowie seine Stimme, durch die die Verschmitztheit quasi durchzuhören war, geben auch Mut für neue Kämpfe.
Zur Unterstützung sei jedem dieses Buch empfohlen – sicher stellvertretend für alle Anwesenden, gab ich gestern meiner Hoffnung Ausdruck, dass Weimar ein Nukleus sein möge, von dem aus die erst teilweise entdeckten Schätze einer frühen Schriftstellerkarriere neue Verbreitung finden!