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Hellmut Seemann und sein „Kosmos Weimar“ im Café Gedanken frei

Mit der Klaviermusik C-Dur von Mozart beginnt es. Dann geht es noch einmal um Weimar. Nach der Beschäftigung mit dem Weimarer Dreieck beim letzten „Café Gedanken frei“ und als Abrundung all der Jahre, in denen diese nun nicht mehr fremde Stadt gewissermaßen Mitgastgeber unserer Veranstaltungen war, wollten wir uns heute mit diesem besonderen Ort selbst befassen.

An großen Namen für die Stadt mangelt es nicht. „Kosmos Weimar“ steht für die Vision des Hellmut Seemann, an diesem Vormittag mein Gast und Gesprächspartner: Präsident der Weimarer Klassik Stiftung und damit der Institution, der das Erbe der Stadt – von der Klassik bis zur klassischen Moderne – in großem Maße anvertraut ist. Worin sieht die Klassik Stiftung Weimar dieses Erbe und wie will sie damit umgehen? Seemann stellte seinem Vortrag bei uns ein Goethe-Zitat voran, das er als zugleich „schwierig, ungeheuerlich und beglückend“ empfindet:

Wissenschaft und Kunst „gehören wie alles Gute der ganzen Welt an und können nur durch allgemeine freie Wechselwirkung aller zugleich Lebenden, in steter Rücksicht auf das, was uns vom Vergangenen übrig und bekannt ist, gefördert werden.“ (J. W. Goethe, WA I, 48, S. 23)

Dieser Satz bildet die Einführung zum „Gesamtkonzept der Klassik Stiftung Weimar“ und umreißt Seemanns Sicht auf ihre Grundsätze, ihre Aufgaben und deren Gewichtung. Er leitet sie für uns aus Goethes Gedanken her. Erstens: Wissenschaft und Kunst sind (potentiell) gut. Und was gut ist, ist nicht privat (oder sollte es nicht sein) – eine Forderung, die uns Linke aufhorchen ließ, doch tatsächlich hat in Deutschland das Zugänglichmachen der kulturellen und wissenschaftlichen Schätze und Errungenschaften für eine breite Öffentlichkeit eine lange Tradition. Zweitens: Gerade und erst die heutige Zeit bietet mit ihren technologischen Voraussetzungen die große Chance, eine „allgemeine, freie Wechselwirkung aller zugleich Lebenden“ möglich zu machen. So wie die zunehmende Digitalisierung der Bestände einen breiteren Zugang ermöglicht, so bietet das Internet erstmals eine weltumspannende Plattform zum Austausch darüber. Drittens: „Gutes“ wird daraus nur, wenn das Vergangene einbezogen wird – der klare Auftrag zur Bewahrung.

Konkret machen Erhaltungsaufgaben etwa 80% aller Aufwendungen aus, aber diese, so Seemann, seien die Voraussetzung für alles Andere. Erst wenn das gesichert sei, könne man sich dem eigentlichen Sinn, der Vermittlung widmen. Bildungsarbeit, die schönste Aufgabe, wäre „das Wichtige, das erst geschehen kann, wenn das Erste gesichert ist“. Diese Gewichtung erntet Widerspruch in der Zuhörerschaft: Lutz Görner meint, man solle doch das Verhältnis 80:20 umkehren und sich stärker auf das Ziel – die Vermittlung von Inhalten z.B. an Jugendliche – konzentrieren.

Uneinigkeit scheint es jedoch mehr über die Wege zu geben – über die widersprüchliche und deshalb so bildende Rolle Weimars zwischen Humanismus und Reaktion, über die Analyse gesellschaftlicher Interessen und Rahmenbedingungen heute wie auch über anzustrebende Ziele dagegen herrscht eine weitgehende Einigkeit, die vielleicht so manchen überrascht hat. Ob er sich denn also „links“ nennen würde, frage ich ihn und ringe ihm doch fast ein „ja“ ab. Der Punkt, an dem er zögere, sich links zu nennen, sei die Bedeutung der Eliten, aber vor allem des Mittelstandes für die Kultur. Auch hier sind wir vielleicht näher beieinander als man denkt, verweise ich auf das gerade beschlossene Wahlprogramm.

Kurz kommen wir auf nähere wie fernere Zukunftsprojekte zu sprechen: die für das Jahr 2014 geplante Ausstellung „Krieg der Geister“ zum Beispiel, die das intellektuelle Vorfeld des Ersten Weltkrieges beleuchten wird; ein neues Nachdenken über die Potentiale des Wittumspalais, die dort gerade aus der Nichterhaltung materiellen Erbes entspringen könnten; ein Ort und eine Form, um der Eröffnung des ökologischen Diskurses durch Herder schon in der Weimarer Klassik (!) gerecht zu werden …

Welche Menschen, hatte ich ihn gefragt, sind denn heute in der Lage, dieses Programm zu tragen, mit Leben zu füllen? Hellmut Seemann ist optimistisch, „die Armierung der entstehenden Weltgesellschaft wird weder durch Wirtschaft noch militärische Stärke, noch durch Religion, sondern durch Kultur“ geleistet werden. Und er vertraut auf die Klugheit der Menschen: „Die Menschen sind dazu gerüstet“. Immer wieder staunt er, wie klug sie sind – trotz erschütternder medialer Verhältnisse, über deren Ursache er sich so klar ist wie der vorbildlichste Linke. „Der Mensch hat ein Interesse an der Ausbildung seines Kopfes.“

Liszts Trost („Consolation“), zum Abschied gespielt von Ebba Wachler, ist dann hoffentlich nicht wörtlich nötig und sollte ersetzt werden durch die Zuversicht, dass man trotz unterschiedlicher Auffassungen, was den Weg betrifft, durchaus an einem Strang ziehen kann, wenn man das Ziel teilt. Ganz im Sinne der Vernunft, die von Weimar seit der Klassik ausgehen sollte.