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Unser letztes „Café Gedanken frei“: mit Lothar König

Eine außergewöhnliche Situation und ein außergewöhnlicher Gast: Eine NPD-Demo ist angemeldet in Weimar und wir hatten uns gefragt, ob es denn gut ist, ob es genug ist, hier in unserer gemütlichen Buchhandlung zu sitzen und über Zivilcourage zu reden statt sie auf der Straße zu zeigen. Und das ausgerechnet mit Lothar König, der sich für die seine vor Gericht verantworten muss. Den leisen Tönen, dem Zuhören zuliebe hatten wir uns aber dazu entschlossen. Und fast 60 ZuhörerInnen hatten den Weg zu uns gefunden.

Es war es wert. „Erstmal guten Morgen im bürgerlichen Weimar!“ sagt der Bürgerschreck Lothar König auf meine Frage, was ihn antrieb, in der DDR ausgerechnet Pfarrer zu werden. Er bleibt mir eine ausführliche Antwort dann aber nicht schuldig und erspart meiner bewundernd schmunzelnden Ko-Moderatorin Gabi Zimmer und mir viele weitere Fragen mit einem Rundumschlag – ja, um was eigentlich? Man könnte guten Gewissens sagen: alles. Seine Sicht auf die DDR, auf die jetzige Gesellschaft, unser aller Verstrickung in die Übel, die wir beklagen, die „vorletzten“ und die „letzten Dinge“, Hoffnungen und Sehnsüchte der Menschen, die in Gefahren für die Demokratie umschlagen können, die Geschichte(n) hinter der Geschichte – und vor allem sein Plädoyer für die scheinbar Gescheiterten, die „Verlierer“ .„Wenn ihr aufhören könntet zu siegen!“ zitiert er Christa Wolfs „Kassandra“. Nicht die Grautöne sondern die bunten Töne gehen uns verloren im Schwarz-Weiß-Blick. Und viel zu schnell nach dem zweiten Weltkrieg wie nach der DDR haben wir wieder zu den Siegern gehört. Verpasste Chancen der Aufarbeitung mit schweren Folgen im Heute.

Der Prozess hat ihn mitgenommen, aber es geht ihm nicht um sich. „Es geht um unser Land. Was passiert da??“ Und wiederholt die bohrende Frage mit weggeschobenem Mikro umso eindringlicher. Optimistisch ist seine Weltsicht nicht gerade; aber während er die drastischsten Szenarien zeichnet, leuchten seine Augen vor Hoffnung und Freude über das, was trotzdem ist. Dieser Jesus, ein Blick, ein Lächeln, die Sonne, die Liebe … der Fußball. „Nein, ich bin kein Verlierer, das sage ich euch gleich!“ Aber mit dem Siegerkranz aus getrockneten Pflaumen wolle er auch nicht ins Altersheim geschoben werden – eine von vielen Formulierungen sehr zur Freude nicht nur der anwesenden Punks. Ja, Spaß hätte ihm sein Pfarrerberuf auch noch gemacht, war sein Einwurf am Anfang gewesen. Spaß, so aufmüpfig zu sein wie „dieser Moses“. Auch den sieht man seinen Augen an – und lässt sich gern anstecken.

In einem Meer von Blumen endete dieses letzte „Café Gedanken frei“. Oder doch nicht das letzte? Vielleicht sind es ja nur gerade genug Widrigkeiten für ein Trotz-Alledem?