Zum Menü zum Inhalt

Wohin mit den Schätzen?

Im letzten „Café Gedanken frei“ dieses Jahres hatte ich am Sonnabend Prof. Dr. Helmut-Eberhard Paulus, den Direktor der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten zu Gast.

„Wer erbaute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? (…)“

Mit Bertolt Brechts berühmten „Fragen eines lesenden Arbeiters“ eröffnete ich unsere gestrige Veranstaltung in Weimar. Herrschaftliche Schlösser und Gärten assoziieren wir oft ungewollt mit Aristokraten, Dynastien, gekrönten Häuptern – selten denken auch wir an die Ingenieure, Steinmetze, Tischler, Stuckateure usw., die die uns überlieferten Kunstschätze geschaffen haben.
Dieser interessante Gedankengang aber, hinauslaufend auf die Frage, wie wir mit diesem Erbe, das ja also unseres ist, denn umgehen sollen, bildet die Basis der Arbeit von Prof. Dr. Paulus. Er sollte auch und gerade für Linke ein Anlass sein, für den Erhalt, Bestand, die Zugänglichkeit und sinnvolle Nutzung dieser Kulturgüter zu kämpfen. Ein guter Grund, sich zu einem „Café Gedanken frei“ zu treffen. Die Kulisse bildete ein gemütlicher Vortragsraum im Dachstuhl des wunderbaren Kirms-Krackow-Hauses, eines Museums bürgerlicher Wohnkultur, das es mit seinem herrlichen Garten besonders im Sommer in der Weimarer Jakobstraße zu entdecken gilt.

Den ersten Teil seines Vortrags widmete der ursprünglich fränkische Denkmalschützer und Publizist und jetzige Schutzherr unzähliger Thüringischer Herrschaftssitze der gar nicht so akademischen Frage des „Wozu?“. Wozu und wem dienten sie in der Vergangenheit, wozu sollten wir sie erhalten und wem sollten sie nutzbar sein? Hierbei ist ein zentraler Begriff für ihn der der „Repräsentation“. Sie wurden gebaut, um neben der unmittelbaren Funktion des Wohnens vor allem die der „Stellvertretung“ des Herrschenden zu erfüllen, als „Metapher der Macht“, als Symbol der „Ermächtigung durch Andere“. Dies ist durchaus nicht nur kritisch zu sehen: wie wir staunend erfuhren, waren viele dieser Orte für die damalige Öffentlichkeit zugänglich, begehbar und erfahrbar, Orte für die Allgemeinheit und Orte der Rückkopplung an den Repräsentanten. Sie waren „Spiegelung der Wirklichkeit in einem ästhetischen Rahmen“, mit dem Glanz und Glamour, der Spiegelungen eigen ist, aber auch mit den negativen Empfindungen, die einen als Bewohner der Dorfkate – wie ein Gast treffend bemerkte – bei diesem Anblick überkamen. So oder so sind sie längst Orte der kollektiven Erinnerung geworden, der Identifikation mit der eigenen Region und der vielen Seiten ihrer Wirklichkeit. Hierin liegt ihre Notwendigkeit und ihr Potential: sie sind unerlässlicher Teil unserer Erinnerungskultur, repräsentieren unsere Geschichte. Dieses Potential zu kommunizieren sieht Prof. Dr. Paulus als eine unserer wichtigsten Aufgaben.

Der zweite Teil, der uns in einer Präsentation von der Weimarer Bastille bis zum Sondershausener Schloss mit der konkreten Vielfalt der Thüringer Schätze bekanntmachte, verdeutlichte die Einzigartigkeit der Situation in Thüringen, die sich aus der Kleinstaaterei seit dem Spätmittelalter ergeben hatte. Eine solche Dichte an Herrschaftssitzen ist im nationalen und internationalen Vergleich selten und bietet Thüringen ein Alleinstellungsmerkmal für die Entwicklung des Tourismus abseits der vom Referenten zitierten sprichwörtlichen Spaßbäder. Die Frage, die sich ergibt, ist: Wie kann man diesem Reichtum gerecht werden?

Nach Ansicht des Experten sollte eine Strategie für die Zukunft vor allem folgende Ziele verwirklichen: Erstens müsse man sich bemühen, eine „Integration“ dieser Orte „ins Bewusstsein der Allgemeinheit“ zu erreichen, sie als Wert für die Allgemeinheit zu begreifen und zu kommunizieren, sie also auch zu Orten kommunikativer Erinnerung zu machen. Zweitens sollte differenziert und kreativ nach sinnvollen Nutzungen gesucht werden, die Anspruch und Praktikabilität verbinden und nicht immer DIN-Normen entsprechen können. Und letztlich käme es auf eine „selbstbewusste Präsentation“ im Rahmen eines Tourismuskonzepts an, das die verschiedenen Vorzüge Thüringens kombiniert bewirbt. Zusammenarbeit, Kofinanzierung, gegenseitige Ergänzung und der Blick auf mögliche gemeinsame Netzwerke seien Dinge, die man aus der Geschichte der Thüringer Adelshäuser, die auch nicht immer von finanziellem Überfluss, sondern oft von gegenseitiger Hilfe geprägt war, lernen könne.

Die lebendige Diskussion danach beleuchtete noch einmal viele der genannten Aspekte. Im Mittelpunkt standen z.B. Fragen der Identifikation und Erinnerungskultur, der Finanzierung und Nutzung: Was verbindet den ehemaligen Bewohner der Dorfkate mit „seinem“ Schloss? Warum kommen die eigentlichen Erbauer der Schlösser im Brechtschen Sinne so wenig ins Bewusstsein der Besucher? Kann man nach dem Vorbild des National Trust in Großbritannien private Mittel für diese öffentliche Aufgabe nutzbar machen und was sind die Zukunftsaussichten der Liegenschaft, in der wir uns heute versammelt haben? Viel, so Prof. Dr. Paulus, liege daran, wie sehr die Menschen selbst diese Orte als ihre Orte begreifen und, wie im Fall unseres Veranstaltungsortes wohl nötig, bürgerschaftliches Engagement für deren Erhaltung zeigten. Meiner Mahnung, dass in einer globalisierten, nivellierten Welt die Erhaltung solch identitätsstiftender Denkmäler auch vom Bund als Aufgabe begriffen werden sollte, stimmte unser Gast zu: Parallel zu Sparsamkeit müsse man Kultur wachsen lassen, die vorhandenen Werte „verlottern“ zu lassen, wäre die größte Geldverschwendung und Sparen dürfe nicht zu Kulturvernichtung führen.
Wir durften heute einen Referenten erleben, der das Engagement, das er als Direktor der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten in seinem beruflichen Alltag einfordert, auch selbst lebt, der nicht verwaltet, sondern für seine Aufgabe brennt. Eines der treffendsten seiner vielen sprachlichen Bilder war wohl das, welches er für die Erklärung seiner Motivation gebrauchte: der kleine Junge, dessen Interesse für die erhaltenswerten schönen Dinge bei einer alljährlich wiederkehrenden vorweihnachtlichen Pflicht geweckt wurde: dem Putzen des Silberbestecks. Die Orte unserer Geschichte sind nichts anderes als unser Silberbesteck – etwas, das nicht zu verscherbeln ist, wohl aber zu polieren, so dass wir uns dieses Schatzes mit seiner Spiegelfunktion immer wieder bewusst werden. Auch darauf kann man sich in der Weihnachtszeit besinnen.