Zum Menü zum Inhalt

„Sollte es einen Vertriebenen-Gedenktag geben?“

Zu dieser Frage veröffentlichte die Braunschweiger Zeitung gestern ein Pro & Contra. Thomas Strobl, Bundestagsabgeordneter der CDU befürwortet das Vorhaben, den 5. August zum Gedenktag für die nach dem Zweiten Weltkrieg vertriebenen Deutschen zu machen: „Das ist ein Zeichen der Verbundenheit.“ Ich halte dagegen und sage, dass das der bisherigen Versöhnungsarbeit schadet. Hier meine ausführliche Begründung:

Nein! – Deutschland gedenkt  am 27. Januar jeden Jahres aller Opfern des Nationalsozialismus. Hier sind auch die Opfer der Vertreibungen infolge des Krieges mit eingeschlossen.
Es ist ein geschichtspolitisch falsches Signal, den 5. August als Datum für einen neuen, den Vertriebenen gewidmeten Gedenktag zu wählen. Die Charta der Heimatvertriebenen vom 5. August 1950 kann von niemandem guten Gewissens als Gründungsdokument der Bundesrepublik betrachtet werden. Als hoch kontroverses Zeitzeugnis muss sie in ihrem historischen Kontext verortet werden.
Es ist ein Skandal, dass das Parlament mit der Zustimmung zu dem Antrag der Regierungskoalition auch den Verfassern der Charta Zustimmung im Namen der Aussöhnung zuspricht. Die Mitverfasser und Unterzeichner der Charta waren in einem so gravierenden Maße an den Verbrechen der Nationalsozialisten beteiligt, dass ein kommentarloser Bezug  auf die Charta niemals einen Beitrag zur Versöhnung darstellen kann.
Dem aktuellen, weltweiten Problem von Flucht und Vertreibung ist bereits der internationalen Weltflüchtlingstag am 20. Juni gewidmet. Auch Deutschland sollte mit dem Thema sensibel umgehen, aber nicht allein, weil Deutsche selbst vertrieben wurden, sondern weil sie vor diesen Vertreibungen selbst zu den brutalsten Vertreibern gehörten.
Die Heimatvertriebenen als die vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffenen zu bezeichnen, wie es in der Charta geschieht,  ist eine Verkehrung der Geschichte. Wie ist dann das Schicksal der 25 Millionen toten Sowjetbürger, der sechs Millionen ermordeten Juden, der Sinti und Roma zu bezeichnen? Eine solche Form der Relativierung von deutscher Schuld und der Verkehrung von Ursachen und Folgen ist nicht hinnehmbar.
Das CDU/CSU und FDP eine solche Sicht noch heute  als verbindlich in Form eines Gedenktages am 5. August preisen lassen wollen, ist unverständlich! Mit diesem Ansinnen setzt die Regierungskoalition die jahrelange Versöhnungsarbeit vieler Vertriebener in ein falsches Licht.